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Bürgerschaftswahl in Bremen: Nur Bürgermeister werden

Carsten Meyer-Heder (rechts) ist Polit-Neuling und Spitzenkandidat der CDU in Bremen. Er will Carsten Sieling (links) as Bürgermeister ablösen. © Carmen Jaspersen/dpa

Der Polit-Quereinsteiger Carsten Meyer-Heder macht im Bremer Wahlkampf Anfängerfehler. Trotzdem könnte dem CDU-Mann Historisches gelingen: die SPD-Dauerregierung ablösen.

VON KRISTIN HERMANN

Über Jahrzehnte bedeuteten Bürgerschaftswahlen in Bremen, dass die knapp 500.000 Wahlberechtigten über den Juniorpartner der SPDabstimmten. Spannung? Fehlanzeige. Dann kam Carsten Meyer-Heder. Dem 58 Jahre alten IT-Unternehmer, CDU-Spitzenkandidat bei der Wahl am 26 Mai, könnte etwas Historisches gelingen: Er schickt sich an, die Sozialdemokraten aus dem Rathaus zu verdrängen. Er wäre der erste Bürgermeister seit dem Krieg ohne SPD-Parteibuch. Und deshalb hat die Wahl, bei der es zwar um Bremer Lokalpolitik geht, plötzlich eine bundespolitische Dimension.

Sehr genau verfolgen die Parteispitzen in Berlin, was im kleinsten der Bundesländer passiert. In Umfragen liegt die CDU mit 26 Prozent einen Prozentpunkt vor den Sozialdemokraten. Bürgermeister Carsten Sieling steht kurz davor, ein historisch schlechtes Ergebnis für die SPD einzufahren. Der 60-Jährige gilt laut einer Umfrage als Deutschlands unbeliebtester Bürgermeister. Er verfügt nicht über Charisma und Rhetorik eines Jens Böhrnsen oder Henning Scherf, die vor ihm die Hansestadt regierten. 

Außenseiter mit Wissenslücken

In diese Lücke stößt die CDU mit ihrem Spitzenmann. Einem, der eigentlich gar nicht in das klassische Profil eines Christdemokraten passt: Meyer-Heder, ein Zwei-Meter-Mann, Polit-Neuling. Zu Terminen kommt er auch mal mit dem Motorrad. Krawatten sind nichts für ihn. Er lebt in einer Patchworkfamilie, hat drei Kinder mit zwei Frauen und ist zum dritten Mal verheiratet. Sein Studium hat er abgebrochen, er ist konfessionslos, ein Selfmade-IT-Unternehmer. Sein Politikwissen ist lückenhaft, dazu steht er. Doch gerade weil der Quereinsteiger dem CDU-Klischee nicht entspricht, kommt er bei vielen Menschen in Bremen gut an.

Vier Themen hat er sich für den Wahlkampf gesetzt: Bildung, Digitalisierung, Verkehr und Wirtschaft. Gerade hat er mit seiner Partei ein Programm vorgestellt, das die CDU im Falle eines Wahlsieges in den ersten 100 Tagen im Rathaus anstoßen will. Mehr Fachkräfte sollen künftig nach Bremen kommen – besonders Lehrer. Er glaubt, dass in Bremen mehr über private Investoren geregelt werden könnte, eine Seilbahn für den öffentlichen Verkehr etwa und sogar die Sanierung von maroden Schulen. "Es gibt durchaus Stiftungen, die mit privaten Investoren zusammenarbeiten, die nicht auf besonders hohe Renditen aus sind", sagt er.

Dass er einmal Bürgermeisterkandidat für die CDU werden würde, hätte ihm in seiner Studentenzeit keiner geglaubt. Er wächst in einem liberalen Bremer Elternhaus auf, sein Vater lässt ihn sonntags zu Familienratssitzungen antreten, in denen über offene Zahnpastatuben diskutiert wird. Den jugendlichen Meyer-Heder nervt das, heute ist er dankbar dafür. Nach seinem Abitur 1979 zieht er in eine Zehner-WG ins "Viertel" – Bremens berühmtes Quartier für Kneipen- und Subkultur. Er trägt lange Haare, wählt links. Nach seinem Zivildienst studiert er einige Semester Wirtschaftswissenschaften, verbringt aber genauso viel Zeit hinterm Schlagzeug. "Mit 20 habe ich Schwierigkeiten gehabt, meinen Weg zu finden. Ich habe viel rumgedaddelt und nebenbei ein bisschen Geld in der Kneipe verdient", sagt er im Rückblick.

Kurz darauf bekommt er Krebs, zwei Jahre kämpft er gegen die Krankheit. Es ist der Wendepunkt. Meyer-Heder macht eine Umschulung zum Programmierer, gründet 1993 die erste IT-Firma seiner Unternehmensgruppe Team Neusta. Heute arbeiten mehr als 1.000 Angestellte für ihn.

Meyer-Heder braucht die Grünen

Vergangenes Jahr will Meyer-Heder mehr. Er zieht sich Stück für Stück aus der Führung seines Unternehmens zurück. Erstmals seit Jahren hat er wieder Zeit für andere Dinge. Parallel wächst in ihm die Unzufriedenheit über die Politik in seiner Heimatstadt. "Ich wollte nicht nur meckern, sondern mich einbringen. Hinzu kam die Suche der CDU. Das Timing passte einfach."

Die Bremer CDU entschließt sich zu diesem Zeitpunkt, mit neuen Gesichtern in den Wahlkampf zu ziehen. Meyer-Heder bringt sich als Quereinsteiger selbst ins Gespräch. In Wirtschaftskreisen ist er eine Größe, 2014 wird er zum Unternehmer des Jahres gewählt. In der Bevölkerung kennt ihn jedoch kaum einer, weshalb die Partei auf ihren ersten Wahlplakaten den Slogan "Carsten Meyer-Wer?" druckt. Seine ersten politischen Auftritte wirken ungelenk. Er stockt oft mitten im Satz, flüchtet sich in Plattitüden. Im Verlauf des Wahlkampfs ist Meyer-Heder sicherer geworden. Außerdem hat er einen Beraterkreis aus Wirtschaft und Gesellschaft um sich geschart. 

"Ich glaube, das kann ich besser"

Meyer-Heder ist Außenseiter, das macht ihn populär. Aber es gibt eben auch diese Momente, in denen unübersehbar wird, dass er kein Berufspolitiker ist. So wie Anfang April. Während eines Talkformats mit Radio Bremen sagt der 58-Jährige einen Satz, der ihm nachhängen wird: "Ich will die Politik nicht zu meinem Beruf machen. Ich habe nach wie vor meine Firma." Er wolle schließlich nur Bürgermeister werden. 

Nur Bürgermeister? Ein Anfängerfehler. Für seine politischen Gegner kommt die Aussage wie gerufen. Eine Stadt wie Bremen lasse sich nicht nebenbei organisieren. Immer wieder muss Meyer-Heder seitdem erklären, wie er diese Aussage eigentlich gemeint haben will – als Demutsgeste. Bürgermeister sei eine Mannschaftsleistung. "Meine Aufgabe ist es, das Team zusammenzustellen und zu motivieren", sagt er. Neben den Schulden sei vor allem die behäbige Verwaltung und fehlende Kommunikation schuld daran, dass in Deutschlands kleinstem Bundesland vieles schlechter laufe als anderswo. "In Bremen wird über die Ressortgrenzen hinaus nicht vernünftig zusammengearbeitet", sagt er. "Ich glaube, das kann ich besser."

Viele Optionen, wie dieses Regierungsteam aussehen könnte, gibt es für Meyer-Heder allerdings nicht. Die rot-grüne Landesregierung wird ihre Mehrheit wohl verlieren. Eine große Koalition aus SPD und CDU gilt als unrealistisch. Bliebe noch eine rot-rot-grüne Koalition mit den Linken. Meyer-Heder und die CDU setzen darauf, dass sich die Grünen anders entscheiden, gegen ein linkes Bündnis und für Meyer-Heder und die FDP. Eine Jamaika-Koalition also. Dass aus deren Spitzenkandidatinnen Maike Schaefer (Grüne) und Lencke Steiner (FDP) ein so harmonisches Team wird, wie Meyer-Heder sich das wünscht, daran gibt es allerdings Zweifel. Eine Bedingung für die Koalitionsverhandlungen hat Meyer-Heder allerdings schon: Die CDU will das Bildungsressort für sich.

Und wenn's nichts wird mit dem Rathaus? In seiner Firma wolle ihn keiner mehr sehen, sagt der Manager und lacht. Sofern das Ergebnis besser ist als die 22,4 Prozent bei der Bürgerschaftswahl 2015, hat sich Meyer-Heder vorgenommen, der CDU treu zu bleiben.

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