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Interview

Beatriz Colomina: Röntgenarchitektur

Die Architekturtheoretikerin Beatriz Colomina lehrt in Princeton und befasst sich in ihrer aktuellen Forschung mit „Röntgenarchitektur“. Sie untersucht den Zusammen­hang zwischen den weißen Wänden moderner Architektur und dem im vergangenen Jahrhundert entstandenen Diskurs um Gesundheit und Fitness. Colomina stellte im vergangenen Jahr die Ausstellungsreihe curated by_vienna unter das Motto „The Century of the Bed“ und ist momentan Fellow an der American Academy in Berlin.


Sandra Bartoli & Kito Nedo: Was war der Ausgangspunkt für Ihre Untersuchungen zum Thema „Röntgenarchitektur“?


Beatriz Colomina: Ich beschäftige mich mit dem Thema schon sehr lange, seitdem ich mein Architektur­studium in Barcelona abschloss und in den späten 1980er Jahren als Visiting Fellow an das New York Institute for the Humanities kam. Im selben Jahr waren auch Susan Sontag, Wolfgang Schivelbusch und Carl Schorske dort Fellows. Sie beindruckten mich mit ihren interdiszipli­nären Ansätzen gewaltig, besonders Sontag mit ihrem Buch Krankheit als Metapher (1978; dt. 1981), das mir sehr frisch vorkam. Ich arbeitete damals über die Architektur der Moderne und die mit ihr verbundenen Pathologien: Agoraphobie, Klaustrophobie, Tuberkulose, Hygiene, Keime. Ich fand, das wäre ein tolles Thema für meine Dissertation, und schrieb tatsächlich schon 100 Seiten dazu.


Stattdessen war Ihr erstes Buch dann Privacy and Publicity: Modern Architecture as Mass Media (1994).


Die Architektur war damals noch nicht bereit für solch interdisziplinäre Untersuchungen. Ich habe dann statt­dessen über Adolf Loos und Le Corbusier gearbeitet, und über das Verhältnis von moderner Architektur zu den parallel zu ihr aufkommenden Medien: Fotografie, illustrierte Zeitschriften und Film. Es stellte sich allerdings heraus, dass die Leute in der Architektur auch dafür noch nicht bereit waren. Heute ist der Zusammenhang zwischen moderner Architektur und den Medien unumstritten. Die Verbindung zwischen Tuberkulose und moderner Architektur hingegen kommt mir vor wie die Wiederkehr des Verdrängten. Als ich im Herbst 2014 an die American Academy in Berlin kam, erschien es mir naheliegend, auf meine alte Faszination für das Thema Tuberkulose zurückzukommen – was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass die American Academy am Wannsee gelegen ist, wo es viele Sanatorien gibt. Eine Art Zauberberg in Berlin.


Mit der Krankheitsmetapher übernimmt der Architekt eine neue Rolle, er wird zum Heiler, der die Gesellschaft von der Krankheit der Modernität befreit. Denken Sie, das war Teil einer bewussten Programmatik, eine Art Marketing­kampagne für die Massen?


Der Gedanke, den Architekten als Heiler zu sehen, geht bereits auf Vitruv zurück. Die Förderung der Gesundheit war immer eine der wichtigsten Aufgaben von Architektur. Geändert hat sich das Verständnis von Gesundheit. Ich vertrete die These, dass sich die moderne Architektur um eine neue Theorie der Gesundheit herum organisiert. Ich spreche jedoch lieber von „Publicity“ als von „Marketing“. Es gibt eine Beziehung zwischen moderner Öffentlichkeitsarbeit und der Art und Weise, wie moderne Architektur präsentiert wurde. Deren Rhetorik hatte viel zu tun mit der Angst vor Krankheit. Le Corbusier äußert sich in seinem Buch La ville radieuse (1935) beispielsweise abfällig über den „natürlichen Boden“, weil er „Rheuma und Tuberkulose verbreitet“, und erklärt ihn zum „Feind der Menschheit“. Er legte deshalb Wert auf den Einsatz von pilotis (Ständern), um das Gebäude vom „nassen, feuchten Boden, in dem Krankheiten brüten“ abzuheben und stattdessen das Dach als Garten zum Sonnenbaden und Sportreiben zu verwenden. Avantgardistische Architekten der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts – von Le Corbusier bis zu Jan Duiker oder Richard Neutra – präsentierten Architektur als eine Art neues medizinisches Gerät für den Schutz und die Optimierung des Körpers. Gebäude sahen nun sogar wie Röntgen­aufnahmen aus, die all das enthüllten, was in ihrem Innern normalerweise verborgen liegt. Man denke etwa an Mies van der Rohes Projekt eines gläsernen Hochhauses für die Berliner Friedrichstraße mit seinem offen zutage liegenden Skelett. Es ist auch kein Zufall, dass Mies Röntgenaufnahmen gesammelt und veröffentlicht hat. Die Darstellung von moderner Architektur als Gesundheitsmaschine ist als Reaktion auf reale Ängste dieser Zeit zu verstehen. Für die Menschen war die Angst vor Krankheit wichtiger als die vermeintliche Schönheit einer modernen weißen Wand. Noch vor den Architekten waren es die Ärzte und Krankenschwestern, die Patienten mit TB empfahlen, auf Vorhänge, Teppiche und Ornamente zu verzichten und stattdessen ein einfaches Bett und einen schlichten Tisch zu verwenden – Dinge, die leicht zu reinigen waren und auf denen sich kein Staub ansammeln konnte.


Wollen Sie damit sagen, dass die Moderne auf Hysterie und Paranoia gründet?


Ich glaube, es war Tony Vidler, der gesagt hat, alle Architektur sei das Ergebnis von Panik. Bei ihm ist von barocker Architektur die Rede, aber das gilt genauso für moderne Architektur, die das Ergebnis der Panik angesichts der Tuberkulose ist. Die Bedrohung war ja real: Jeder Dritte hatte die Krankheit. Stellen Sie sich mal vor, welche Ängste das heute auslösen würde. Das Interessante ist, dass dieses Trauma in praktisch jedem anderen Bereich erforscht, in der Architekturgeschichte aber sonderbarerweise gemieden wurde.


Sie schreiben, in den 1920er Jahren sei die Gesundheit eine neue Form der Religion geworden.


Noch heute ist sie eine Art Religion. Und Architekten selbst treten hier als Vorbilder auf. Le Corbusier trieb jeden Tag vor der Arbeit Sport. Er spielte Basketball, und später ging er jeden Tag schwimmen. Ich habe gehört, dass Jacques Herzog seine ganze Terminplanung um sein Training herum organisiert. Rem Koolhaas schwimmt jeden Tag, und Vorträge hält er nur, wenn es in der Nähe eine Möglichkeit gibt, vorher noch ein paar Bahnen zu ziehen. Das gehört einfach dazu: Leben und Arbeit werden um den Sport herum organisiert. Der Körper des Architekten ist heute vielleicht wichtiger als der eigentliche Baukörper, jedenfalls gibt es das eine nicht ohne das andere. Für die moderne Architektur ist die Gesundheit, was die Religion für die gotische Architektur war.


Der körperlich fitte und gutaussehende Star­architekt ist also die Verbindung zur hedonistischen Seite der modernen Architektur. Wie ist das Thema Gesundheit in der zeitgenössischen Architektur präsent?


Es ist allgegenwärtig. Nehmen Sie das „Sick-Building-Syndrom“, das es vor den 1980er Jahren gar nicht gab. Etwa zu dieser Zeit begannen Angestellte, die in Büroge­bäuden mit Klimaanlage arbeiteten, über alle möglichen Symptome, Krankheiten und Allergien zu klagen. Darin liegt schon eine gewisse Ironie: Die moderne Architektur sollte die Gesundheit fördern, stattdessen machte sie ihre Nutzer krank – seelisch und körperlich. Das bewirkt eine Verkehrung: Das Gebäude selbst wird der ansteckende Patient, der behandelt werden muss. Einige Gebäude mussten sogar abgerissen werden, weil sich die Ursachen des Problems ein­-fach nicht feststellen ließen. In der heutigen Debatte über Nachhaltigkeit verbirgt sich eine verlagerte Diskussion über Gesundheit. Sie dreht sich ganz um gesunde, schlanke, fitte, atmende Gebäude.


Welche Beziehung sehen Sie zwischen dem neuen Phänomen der Body-Tracker-Apps, die über das Smartphone Daten sammeln, und Architektur?


Heute geht es überall um Daten. Wir haben uns daran gewöhnt, dass unsere Daten gesammelt werden. Wenn das Haus Informationen sammelt, werden Daten zu Architektur. Da geht es nicht nur um den Kühlschrank, der an den Lebensmittelladen meldet, dass Sie frische Milch brauchen, sondern auch um die Toilette, die Urin analysiert und Ihnen mitteilt, dass Sie einen niedrigen Blutzuckerspiegel haben und Gefahr laufen, Diabetes zu bekommen. Das wird zu einer Form von Überwachung, weil auch der Hausarzt gleich mit informiert wird. Diese neuen Sensoren machen das Haus selbst zu einer Maschine für das Gesundheitsmoni­toring. Häuser sind heute voll mit Geräten, die es früher nur in Krankenhäusern gab. Es geht nicht mehr nur um Daten überdie Welt, sondern um eine Welt, die vollstän­dig durch Daten – Big Data – geformt ist. Und die Räume, in denen wir leben, pro­duzieren eben auch biophysische Daten.


Diese Feedbackschleife wird zu einer Form von Kontrolle, da das Gebäude uns sagt, wie wir zu leben haben.


Ja, und das nimmt wahrhaft albtraumhafte Züge an. Die Gebäude der Moderne des 20. Jahrhunderts sagten einem noch nicht, was man zu tun hat. Dagegen ist das moderne Haus von heute wie eine ärztliche Verordnung, die empfiehlt, das Fenster zu öffnen, Sport zu treiben, und so weiter. Was man gerade macht, wird ausgewertet und in Daten überführt, die dann versuchen, die eigenen Handlungen in Echtzeit zu korrigieren. Das Haus von heute ist integraler Bestandteil der Kontrollgesellschaft.


Ihre jüngste Publikation trägt den Titel Manifesto Architecture: The Ghost of Mies (2014). Wenn man davon ausgeht, dass Manifeste immer in Krisensituationen geschrieben werden – welche Situationen sind das in der Architektur?


Ich würde sagen, dass Manifeste eher eine Kriegserklärung sind als Krisensymptome. Sie versuchen, eine Krise herbeizuführen. Ich denke nicht, dass es 1908, als die Futu­risten ihr Manifest verfassten, gerade eine bestimmte Krise gab. Es war eine Kriegs­erklärung an die Vergangenheit. Ähnlich erklärte Le Corbusier der Architektur des 19. Jahrhunderts den Krieg. Die Geschichte der Avantgarden ist untrennbar verbunden mit der Geschichte ihrer Manifeste. Die Frage, die einer Gruppe von uns bei einer Konferenz an der Columbia University gestellt wurde, lautete: „Wo ist das Manifest geblieben?“ Ich wollte das herkömmliche Verständnis von Manifesten in Frage stellen und mir Architekten wie Mies anschauen, die ihre Projekte als Manifeste einsetzten – das Gebäude selbst als Kriegserklärung, auch an Architekten.


Wie könnte ein Manifest in unserem heutigen Online-Zeitalter aussehen?


Die Zeit der Manifeste ist vorbei. Ich trauere ihnen eigentlich auch nicht nach. Testoste­ron­getrieben, aggressiv, gar gewalttätig, oft frauenfeindlich, sehr männlich … was sollte man daran vermissen? Koolhaas hat seinem Buch Delirious New York (1978) den pro­vokanten Untertitel „a retroactive manifesto for Manhattan“ gegeben. Und Venturi hat seine Schrift Complexity and Contradiction in Architecture (1966) ein „sanftes Manifest“ genannt. Aber Manifeste sind weder sanft noch retroaktiv. Das waren postmoderne Versuche, noch einmal die subversive Energie der Manifeste des frühen 20. Jahrhunderts zu mobilisieren, die nie derart reflektiert oder bewusst zweideutig waren. In den vergangenen Jahren gab es an verschiede­nen Fronten Versuche, das Genre des Manifests wieder aufleben zu lassen. Der zentrale Gedanke von Manifesto Architecture ist, dass es alternative Modi von Manifesten gibt. Im Buch nenne ich das SOFT MANIFESTO, das seine eigene kurze Geschichte hat, und vielleicht ist das Buch selbst solch ein weiches Manifest – eine Art Gegengeschichte. Wir leben in einer Ökonomie des Teilens, deshalb würde ein Manifest, wenn es so etwas überhaupt noch gibt, sich heute vermutlich aus den Sozialen Medien ergeben, analog zu den frühen Manifesten, die sich aus dem Experimentieren mit neuen Kommunikationsformen wie neuen Drucktechniken, Radio usw. entwickelten. Für die Futuristen war das Aufregende, etwas in einer führenden Tageszeitung publizieren zu können. Hätte Marinetti sein Manifest in einer italienischen Lokalzeitung veröffentlicht, wäre es wirkungslos geblieben. Er hatte aber gute Kontakte zum Figaro, und es dauerte sechs Monate, bis es ihm gelang, das Manifest auf der Titelseite dieser einfluss­reichen Zeitung zu platzieren. Das zeigt, dass er die Bedeutung der damals führenden Medien verstanden hatte. Heute wäre der entscheidende Publikationsort die Webseite mit den meisten Links.


Für das Ausstellungsprojekt curated by_vienna im letzten Herbst, an dem 22 Wiener Galerien teilnahmen, haben Sie das „Jahrhundert des Betts“ ausgerufen. War das ein Manifest?


Vielleicht. Man hatte mich gebeten, ein Thema vorzuschlagen, aber stattdessen habe ich eine Frage gestellt, von der ich glaube, dass sie in unserer Zeit sehr relevant ist. Das Wall Street Journal hat 2012 berichtet, dass in New York 80 Prozent der jungen Berufs­tätigen mit akademischer Bildung im Bett arbeiten. Meine Frage lautete daher: Was ist privat, was ist öffentlich, was ist drinnen, was ist draußen, was ist Arbeit, was ist Freizeit? Die Künstler und Kuratoren der Galerien sollten über diese Frage nachdenken, wie in einer Art Denkfabrik – im Sinne des kooperativen Ansatzes, den man heute in der Forschung verfolgt. Im Jahr 2000 gab es noch keine Sozialen Medien. Nun ist das Bett das Epizentrum eines neuen Uni­versums des Teilens. Das hat gewaltige Auswirkungen auf die Architektur: Welchen Charakter hat dieses neue Interieur, in das wir kollektiv bereitwillig einchecken? Was ist die Architektur dieses Gefängnisses, in dem sich Tag und Nacht, Arbeit und Spiel nicht länger unterscheiden und in dem wir per­manent überwacht werden? Die neuen Medien machen uns alle zu dauerhaft überwachten Insassen, auch wenn wir jubeln, dass wir endlos vernetzt sind. Jeder von uns ist zu einem „modernen Einsiedler“ geworden – so hat Hugh Hefner es schon vor einem halben Jahrhundert ausgedrückt. 

Übersetzung: Michael Müller

Autoren: Sandra Bartoli, Kito Nedo

Dieses Interview erschien im Februar 2015 in frieze d/e (Ausgabe 18)