Kira Kramer

Studentin und Freie Journalistin, Frankfurt am Main

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Lässt sich mit gefälschtem Nashorn die Wilderei stoppen?

Ein Wildhüter und Ermittler steht im Krüger-Nationalpark bei Skukuza in Südafrika neben einem von Wilderern getöteten Nashorn. Bild: dpa

Rhinozeros-Horn ist weder ein Wunderheilmittel, noch steigert es die Potenz: Dennoch erzielt es auf dem Schwarzmarkt enorme Preise. Mit gefälschtem Horn aus Pferdehaar sollen potentielle Käufer zukünftig getäuscht werden.


Dem Nashorn wird im asiatischen Raum so manche Wunderheilung nachgesagt: In China und Vietnam gilt das gemahlene Horn als Potenzmittel. Auch gegen Kater, Fieber und Schmerzen soll das zumeist aus Afrika importierte Mittelchen helfen. Vor allem die wohlhabende asiatische Oberschicht erwirbt die Hörner auf dem Schwarzmarkt und zahlt dafür stolze Summen von bis zu 80.000 Dollar pro Kilogramm - mehr als Kokain oder gar Gold derselben Menge erzielen. 2009 nahm die Nachfrage deutlich zu, als ein Vietnamese öffentlich behauptete, seine Krebserkrankung durch die Einnahme des Horns besiegt zu haben. Alles völliger Quatsch, meint die Pharmaindustrie - da das Horn zum größten Teil aus Keratin bestehe, habe es überhaupt keine nachgewiesene Heil- oder Potenzwirkung. Fingernägel zu kauen hätte demnach den gleichen Effekt.


Nichtsdestotrotz werden Nashörner massenhaft gewildert und sind deshalb vom Aussterben bedroht. Fritz Vollrath von der University of Oxford und sein Team haben nun Hoffnung, der Wilderei ein Ende zu setzen, indem sie den Schwarzmarkt für Rhino-Horn mit einem gefälschten Produkt überschwemmen, das den Wert des echten Nashorns reduzieren soll. Dazu haben die Wissenschaftler ein täuschend echtes Horn aus Pferdehaar entwickelt, dass selbst die Kenner unter den Nashorn-Käufern täuschen soll, wie sie in „Scientific Reports" schreiben. „Wir haben gezeigt, dass die Fälschung machbar ist. Nun muss der Handel getäuscht werden, damit die Preise fallen und der Schutz der Nashörner verbessert wird", erklärt Vollrath das Vorhaben gegenüber der „New York Times".


Täuschend echte Fälschung

Rhinozeros-Hörner sind, wie Vollrath es ausdrückt, „nichts anderes als ein Büschel Nasenhaare, die mit Klebstoff verleimt sind, der aus den Nasenlöchern des Tieres kommt". Er und seine Kollegen wählten Rosshaar als Grundlage für ihr gefälschtes Nashorn, da die Pferde ein enger Verwandter der Nashörner sind. Sie reinigten und bündelten das Rosshaar und banden es dann mit einer Mischung aus verflüssigter Seide zusammen, die das Kollagen im Nashorn imitiert. Anschließend fügten sie noch Zellulose hinzu, die das Pflanzenmaterial nachahmt, das die Tiere sich beim Schärfen des Hornes in ihr Gewebe reiben.


Das Produkt, das Fritz Vollrath und seine Kollegen der Fudan University in China hergestellt haben, sieht nicht nur auf den ersten Blick, sondern auch unter dem Mikroskop aus wie ein echtes Rhinozeros-Horn. Das Pferde-Horn habe eine sehr ähnliche chemische Signatur und verhält sich sogar beim Schneiden oder Abreiben wie ein echtes Horn. Selbst wenn das gefälschte Horn verbrannt wird, soll es genauso wie ein Rhino-Horn riechen.


Dank dieser Eigenschaften glaubt Fritz Vollrath mit seinem Kunsthorn den Schwarzmarkt, auf dem die Rhinozeros-Hörner gehandelt werden, überschwemmen zu können. Dadurch, so der Plan, soll dann die Nachfrage, die zur Tötung der Nashörner führt, reduziert werden. Zudem hofft er durch eine Vielzahl an Hörnern auf dem Markt eine „Entmystifizierung des Nashorns" zu bewirken. Der Status des Hornes, da ist sich Vollrath sicher, hänge schließlich vor allem mit der Seltenheit des Produktes zusammen. „Wir geben Straßen-Dealern einfach das Rezept dafür, wie man das gefälschte Horn herstellt und die Leute werden es hoffentlich auf den Markt bringen", sagte er.


Eher ein Prestigeobjekt

In Afrika wurden im vergangenen Jahr 892 Nashörner wegen ihrer Hörner getötet, ein Rückgang nach einem Höchststand von 1349 Tötungen im Jahr 2015. Die Abnahme der Todesfälle stimmt auch Vollrath und seine Kollegen optimistisch, aber die Naturschützer sind sich einig, dass die Wilderei nach wie vor eine zu große Bedrohung für die afrikanische Nashornpopulation darstellt, die heute nur noch etwa 24.500 Tiere umfasst.


Denn trotz der Befunde, die belegen, dass die Hörner keinerlei medizinischen Nutzen haben, werden die Tiere weiterhin gejagt. Eine Studie aus dem Jahr 2018 mit 30 vietnamesischen Nashorn-Käufern ergab, dass die meisten Kunden von Rhinozeros-Horn inzwischen gar nicht mehr glaubten, dass die Hörner tatsächlich Krebs heilen können oder als Aphrodisiakum wirkten. Das Horn sei demnach bei vielen eher zum Prestigeobjekt geworden. Zwar ist seit 1975 ist der Handel mit Nashorn-Produkten weltweit verboten, die Nachfrage vor allem aus Ostasien nimmt allerdings nur langsam ab. Durch die enormen Preise, welche die Hörner auf Schwarzmärkten erzielen, ist das Geschäft mit dem Horn für Wilderer zudem weiterhin extrem attraktiv.


Kritiker Vollraths befürchten hingegen, dass das Fake-Horn die Nachfrage nach echtem Horn abermals anregen könnte. Zudem würde es die Polizeiarbeit erschweren: „Es gibt nur sehr knappe Ressourcen für Wildtierkriminalität und wir wollen es der Polizei nicht noch schwerer machen", erklärt Swaak-Goldman, Geschäftsführerin der Wildlife Justice Commission, einer gemeinnützigen Organisation, die Wildtierhandelsnetze untersucht.


Peter Knights, Vorstandsvorsitzender von WildAid, hebt einen anderen Punkt hervor: Er erklärt, der Markt, vor allem der vietnamesische, werde bereits seit einigen Jahren mit Fälschungen geflutet. Auf den Schwarzmärkten fänden sich derzeit vor allem Wasserbüffelhörner, die nach seiner Kenntnis inzwischen bis zu 90 Prozent des Umsatzes mit vermeintlichem Rhinozeros-Horn ausmachen. Das Experiment, so Peter Knights, laufe also bereits.

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