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Reportage

Europa muss in die Werkstatt

Ein Café eröffnen, auswandern, eine Partei gründen: Typische Vorhaben, die meist in jungen Jahren und zu später Stunde in Bars entstehen – und verpuffen. Damian Boeselager sagt, ihm wurde gar keine richtige Wahl gelassen. Die Gesamtsituation sei einfach so scheiße. Im Mai tritt der 30-Jährige als deutscher Spitzenkandidat seiner Partei „Volt“ bei den Europawahlen an.


Ein paar Stunden zuvor hallt es hier noch: „I believe she will win“. Als die Hochrechnungen aus Virginia eingeblendet werden, wird es erst unruhig, dann leise. Es ist der 8. November 2016, über einen Freund hat Damian Boeselager eine Einladung ins Javits Center in Manhattan bekommen. Im Publikum legen sich nach und nach Handflächen an Wangen. Mal schneller, mal langsamer werden Köpfe geschüttelt. Irgendwann fängt jemand an zu weinen. Hillary Clinton wird die Bühne an diesem Abend nicht mehr betreten.


Damian Boeselager befindet sich damals im Epizentrum der Enttäuschung. Aus der geplanten Siegesfeier für Clinton wird ein kollektives Ringen um Fassung. „Wahrscheinlich hat jeder einen Moment, der ihn politisch prägt. Das war definitiv meiner.“ Boeselager ist damals 27 und gerade nach New York gezogen. Er studiert „Öffentliche Verwaltung“ an der Elite-Universität Columbia, zuvor hat er drei Jahre für eine renommierte Unternehmensberatung gearbeitet. Die optimale Ausgangslage für eine lukrative Berater-Karriere.


Etwas mehr als zwei Jahre später ist Boeselager auf dem Weg von Brüssel nach Berlin. Er trägt einen dünnen, grünen Trenchcoat, obwohl Wind und Nieselregen den Januartag noch ein paar Grade kälter wirken lassen. Er ist kein Unternehmensberater geworden. Er ist jetzt Parteigründer, Vize-Präsident und Spitzenkandidat. Boeselager hat nach der Trump-Wahl mit zwei Freunden „Volt“ gegründet, die erste paneuropäische Partei. Die Inhalte: ein bisschen grün, ein bisschen links, ein bisschen „Piraten“.


Durch eine Fundraising-Aktion bekommt er für sein politisches Amt 2000 € im Monat. Die Stimmung sei aber „bombe“: „Wir haben alle Hausaufgaben erledigt“. Inzwischen stehe das paneuropäische Wahlprogramm der Partei, an der internen Organisation wurde am Tag zuvor noch einmal gefeilt und die nationalen Ableger würden mit Hochdruck daran arbeiten, dass seine Partei es in möglichst vielen Ländern auf den Wahlzettel schafft.

Doch selbst wenn „Volt“ es in allen 28 Ländern der europäischen Union auf den Wahlzettel schaffen würde, das eigentliche Ziel für die Europawahl bleibt höchst ambitioniert. 25 Abgeordnete aus sieben verschiedenen Ländern sollen im Mai ins Parlament einziehen. Das haben Boeselager, sein italienischer Freund Andrea Venzon und die Französin Colombe Cohen-Salvador schon festgelegt, da gab es die Partei offiziell noch gar nicht.


Boeselager und Venzon sind Studienkollegen in New York, Cohen-Salvador ist eine befreundete Menschenrechtlerin. Nach dem Brexit-Referendum und der Trump-Wahl diskutieren sie so oft darüber, was gerade alles falsch läuft bis Venzon sagt: „Ich glaube, ich gründe eine Partei.“ Boeselager lässt ihn reden. Eine Woche später überreicht Venzon ihm ein 50-Seiten starkes italienisches Parteiprogramm. „Da dachte ich: Okay, der meint das wirklich ernst.“ Es geht um soziale Gerechtigkeit, globale Verantwortung, technologischen Fortschritt. In den großen Themen sind sie sich schnell einig und entscheiden: Eine italienische Partei reicht nicht, die großen Probleme können nur europäisch gelöst werden.


Er sei kein flaggenschwenkender Europa-Aktivist, dafür seien auf wirtschaftlicher und sozialpolitischer Ebene zu viele massive Fehler gemacht worden, sagt Boeselager. „Aber wenn dein Auto nicht funktioniert, dann bringst du es in die Werkstatt. Du zündest es nicht an.“ Die drei schreiben mehrere Monate an einem Manifest. Am 29. März 2017 reicht Theresa May beim Europäischen Rat Artikel 50 ein, am selben Tag geht die Homepage von „Volt“ online. Erst sind es Freunde von Freunden, die sich anschließen. Bei einem Treffen in Rom kennen sie schon nicht mehr alle der 60 Teilnehmer persönlich. Inzwischen hat die Partei nach eigenen Angaben europaweit 15000 Mitglieder. Boeselager wird im Mai als Spitzenkandidat die deutsche Bundesliste anführen. Vorausgesetzt die 4000 amtlich-beglaubigten Stimmen, die es zur Wahlzulassung braucht, gehen fristgerecht beim Bundeswahlleiter ein. In einem Coworking-Space in Kreuzberg ist der Holzboden voller weißer Zettel.


Die nächsten zwei Tage findet hier das Strategietreffen für den Wahlkampf in Deutschland statt. 23 Voltianer sind angereist. Die meisten von ihnen: jung, urban, männlich. Zum Locker machen starten sie mit einem „Energizer“ (Aktivierungsspiel) in den Tag, gearbeitet wird in „Breakouts“ (thematische Kleingruppen) und am Ende können die Teams ihre „Roadmaps“ (Projektplan) zur Abstimmung pitchen. Die Sprache der Voltianer hier ist Denglisch. Während einer von ihnen seine Idee vor der Gruppe präsentiert, ballt er so stark die Faust, dass seine Venen sich über die Knöchel spannen.


Ob er manchmal Angst davor habe, was er sich da aufgeladen habe? „Ja.“ Boeselager antwortet schnell, hält dann aber inne und korrigiert: Angst sei das falsche Wort, er habe Respekt. Wenn er im Mai nicht ins Parlament einzieht, möchte er in jedem Fall weiter machen. Wie es weitergeht, wenn das Auto nicht in die Werkstatt kommt? Das könne er nicht sagen. „Aber ich mache mir große Sorgen.“