Kerstin Zilm

Journalistin, Reporterin, Los Angeles

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Artikel

Das andere Weiße Haus der USA

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Eröffnung des Thomas Mann Hauses

“Jeden Abend saßen wir dort auf dem Sofa. Hier war der Musikplatten-Schrank. Hier stand ein Flügel, an dem mein Großvater manchmal seine Wagner-Akkorde improvisiert hat.” Frido Mann zeigt im Wohnzimmer des frisch renovierten Thomas Mann Hauses vom Kamin zu den Glastüren, den Garten mit Palmen und Eukalyptusbäumen, wo früher ein Zitronenhain stand. 1942 zogen die Manns hier ein und lebten nach ihrer Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland zehn Jahre im kalifornischen Exil. Frido Mann war damals noch ein Kind. Trotzdem erinnert er sich an Jahre voller politischer, künstlerischer und intellektueller Aktivität: “In diesem Raum wurde diskutiert und gefeiert. Hier habe ich meine Gedichte aufgesagt, und wenn es sonnig war saßen wir dort auf der Terrasse.”


Haus und Garten mit der Adresse 1550 San Remo Drive in den Pacific Palisades sind an diesem Abend gefüllt mit Gästen: Professoren, Politiker, Journalisten, Studenten, L.A. Prominenz wie Bestseller-Autorin Cornelia Funke und das ehemalige Model Uschi Obermaier und Nachbarn. 


“Dies ist ein wunderbarer Moment für die Freundschaft zwischen Deutschland und den USA in wahrhaftig turbulenten Zeiten”, sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner kurzen Rede an die Gäste. Als Außenminister hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass dieses Haus 2016 von der Bundesregierung gekauft und damit vermutlich vor dem Abriss gerettet wurde. 


Die Fellows, die mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung mehrere Monate hier verbringen werden, fordert er auf, “das andere Weiße Haus, das ehemalige Oval Office der ausgewanderten Opposition gegen Hitler” mit demokratischem Geist und transatlantischem Dialog zu füllen.


“Ich will raus gehen und mir die Hände schmutzig machen.”

Die ersten Fellows sind schon angekommen: Schauspieler und Autor Burghart Klaußner, Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger, Thomas Mann Experte Heinrich Detering und Yiannos Manoli, Professor für Mikroelektronik.

Klaußner ist mit dem Schiff über den Atlantik gekommen. “Eine interessante Erfahrung, das Gefühl der Immigranten nachzuspüren,” erzählt er. “Mit dem Abschied von Europa im Rücken und der leeren Fläche des Meeres vor sich.” Weil das Haus noch nicht ganz bezugsfertig ist, verbringt er nur zehn Tage in Los Angeles. 


Die erste, die länger bleibt, ist Jutta Allmendinger. Bei ihrem Aufenthalt von August bis November will sich die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, WZB, vor allem mit den Folgen von Segregation und technischen Erneuerungen auf die Demokratie befassen. “Ich will nicht am Schreibtisch sitzen und ein Buch schreiben, das ich auch in Berlin schreiben könnte”, kündigt die Wissenschaftlerin an. “Ich will raus gehen und mir die Hände schmutzig machen.” 


Genau das ist auch gewollt. Die Fellows sollen in Los Angeles, aber auch an anderen Orten, mitten im Land und an den Küsten, Debatten über Demokratie und Freiheit, Migration und Exil anstoßen.


Kampf um die Demokratie

Vom Viertel mit italienisch klingenden Straßennamen wie Capri, Riviera und Amalfi geht es am nächsten Morgen zur ersten öffentlichen Veranstaltung im Namen des Thomas Mann Hauses. 

Bei der Konferenz mit dem Thema “Kampf um die Demokratie” im Getty Zentrum warnt Bundespräsident Steinmeier zunächst davor, dass aktuelle Erschütterungen im transatlantischen Verhältnis tiefgehender und langfristiger als frühere Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und den USA sein könnten, vielleicht sogar irreparabel. “Es ist mit der Selbstverständlichkeit der Demokratie in aller Welt eine zweifelhafte Sache geworden”, zitiert er einen Satz von Thomas Mann, den der vor 80 Jahren schrieb.

Doch der Bundespräsident findet auch die noch immer verbindende Essenz der transatlantischen Beziehungen: das Streben nach Demokratie. Unter großem Beifall fordert er dazu auf, sich am Dialog um ihre Zukunft zu beteiligen. “Es ist heute an uns, nicht zuzulassen, dass die Verächtlichungmachung der Demokratie wieder bequemer wird, als für sie einzustehen.”

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