Kerstin Zilm

Journalistin, Reporterin, Los Angeles

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Lizenz zum Spionieren

Lizenz zu Spionieren - eine Lothringer Jüdin riskierte ihr Leben beim Einsatz in Süddeutschland

Marthe Cohn sprach fließend deutsch, war blond, blauäugig - und Jüdin. Ihr gelang es, im Dienst der französischen Armee so wichtige Informationen zu sammeln, dass sie dafür mit den höchsten französischen Orden und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.

Es war der 11. April 1945, zwei Tage vor ihrem 25. Geburtstag. Nach einem guten Essen im vom Krieg unbeschädigten Basel war Marthe Hoffnung-Gutglück mit ihrem Begleiter, einem Geheimdienst-Offizier des Schweizer Zolls, nach Schaffhausen gefahren. Sie hatten das Auto am Stadtrand zurückgelassen und waren bei Sonnenschein eine halbe Stunde durch den Wald gegangen. Dann hatte der Begleiter auf eine Straße gezeigt, auf der zwei deutsche Soldaten patrouillierten: „Das ist die Grenze zwischen der neutralen Schweiz und Nazi-Deutschland.“ Wenn beide Uniformierten ihr den Rücken zukehrten, sollte die junge Frau mit ihrem kleinen Koffer über die Wiese zur Straße gehen. Sie sollte ihre Papiere zeigen, ruhig Richtung Osten weiter gehen und in Singen ihre Spionage-Arbeit beginnen. Marthe hatte ihren Begleiter im Wald zurückgelassen und wartete hinter einer Hecke auf den idealen Moment für den Beginn ihrer Mission.
Und dort hockte sie nun seit Stunden und war unfähig, sich zu rühren.