Kerstin Schweighöfer

Autorin + Benelux-Auslandskorrespondentin Den Haag, Den Haag

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Die dunkle Kolonialgeschichte der Niederlande

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Deutschlandfunk
Europa heute 30.11.2018
Sklavenhandel

Die dunkle Kolonialgeschichte der Niederlande

Gewürze haben die Niederlande reich gemacht – und der Sklavenhandel war damit eng verbunden: Etwa 600.000 Menschen aus Afrika haben die Niederländer als Sklaven verschifft und verkauft. Nun setzt in den Städten des Landes eine Diskussion über dieses Kapitel der Kolonialgeschichte ein.
Von Kerstin Schweighöfer


Jan Pieterszoon Coen war Gouverneur der niederländischen Provinzen im heutigen Indonesien – und ließ dort Sklaven aus Afrika arbeiten (picture-alliance / akg-images)

Kopi Susu heisst ein Café an der J. P. Coenstraat in Utrecht.
„Das ist indonesisch für ‘Kaffee mit Milch’“, erklärt Kulturhistoriker Rens Bleijenberg.
„Früher befand sich hier ein Kolonialwarenhändler. Sehen Sie die Fliesen an den Wänden? Die erinnern noch daran, darauf sind Reisfelder und Kaffeeplantagen abgebildet.“

Mit dem Gewürzhandel kam die Sklaverei

Das macht dieses Café zum idealen Startpunkt für eine Stadtführung ganz besonderer Art: ein Aufklärungsspaziergang, der den Niederländern die Schattenseiten ihrer kolonialen Vergangenheit bewusst machen soll.
Denn viele Straßen sind nach Herrschern und Eroberern benannt, die als nationale Helden verehrt werden, aber nach heutigen Maßstäben Kriegsverbrecher sind und sich vor einem der Tribunale in Den Haag verantworten müssten. Organisiert wurde der Spaziergang in Zusammenarbeit mit der Stadt und der Universität Utrecht von der Arbeitsgruppe „gepeperde namen“ – gepfefferte Namen.
„Gepfeffert deshalb, weil die Menschen auf den Straßenschildern uns durch den Handel mit Gewürzen im Goldenen 17. Jahrhundert unglaublichen Reichtum beschert haben. Aber ohne Sklaven wäre das nicht möglich gewesen. Unsere Vergangenheit ist in doppelter Hinsicht gepfeffert.“
Bestes Beispiel: Jan Pieterszoon Coen, kurz J. P. Coen genannt, Generalgouverneur der Vereinten Ostindischen Handelskompagnie VOC. Er starb 1629 in Batavia, dem heutigen Jakarta. Fast jede niederländische Stadt hat eine J.P. Coenstraat. So wie Utrecht. Dort thront sogar eine Büste von ihm, hoch oben in einer Nische.
Was die wenigsten wissen: J. P. Coen hat auf den indonesischen Banda-Inseln mehr als zehntausend Menschen ermorden lassen, um dafür zu sorgen, dass sie ihre Gewürze nicht auch an die Engländer und Portugiesen verkauften und die Niederländer dort das Monopol behielten. Daraufhin gab es dort nicht mehr genug Menschen, um die Gewürze zu ernten. J.P. Coen holte per Schiff Arbeiter aus Afrika, so Bleijenberg, „die ersten Plantagensklaven der Niederlande“.

Keine Entschuldigung der Regierung

Offiziell entschuldigt für die Gräueltaten der Kolonialzeit hat sich die niederländische Regierung bis heute nicht. Angesichts der Tatsache, dass sich Den Haag nur allzu gerne mit dem Prädikat „Welthauptstadt für Frieden und Gerechtigkeit“ schmückt, wäre das mehr als angebracht. Findet nicht nur Kulturhistoriker Bleijenberg, sondern auch der Bürgermeister von Rotterdam Ahmed Aboutaleb.
„Ich rufe das Kabinett auf, sich für das Leid, das zehntausenden Menschen zugefügt wurde, zu entschuldigen. Dann können wir endlich einen Punkt hinter dieses schwarze Kapitel der niederländischen Geschichte setzen.“
Doch die Regierung belässt es dabei, ihr Bedauern auszusprechen. Um rechtliche Folgen und Schadenersatzforderungen zu vermeiden.

Utrechts Weg: Aufklärung und Dialog

Allerdings soll in Kürze mit dem Bau eines nationalen Sklavereimuseums begonnen werden. Und in vielen Städten ist eine Diskussion in Gang gekommen, ob die umstrittenen Helden aus der Vergangenheit von ihren Sockeln geholt werden müssen. Eine J.P.Coen-Schule in Amsterdam wurde bereits umbenannt. Und Eindhoven hat im Zuge einer Stadtsanierung einem Viertel neue Straßennamen verpasst.
Aber, warnt Kulturhistoriker Bleijenberg: Neue Namen könnten dazu beitragen, dieses schwarze Kapitel einfach auszulöschen. Utrecht hat sich deshalb bewusst gegen das Umbenennen von Straßen entschieden – und setzt mit den Stadtführungen auf Aufklärung und Dialog.