Kerstin Schweighöfer

Autorin + Benelux-Auslandskorrespondentin Den Haag, Den Haag

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Radio-Beitrag

DLF / ANDRUCK Geert Mak - die vielen Leben des Jan Six

 

Deutschlandfunk


Andruck – Das Magazin für Politische Literatur
Montag, 17. Oktober 2016

19:15 – 20:00 Uhr
Redakteur am Mikrophon: Robert Baag

 

 

 http://www.deutschlandfunk.de/dlf-audio-archiv.2386.de.html?drau:broadcast_id=93&drau:from=17.10.2016&drau:to=17.10.2016

 

 

 

Kerstin Schweighöfer: 

Geert Mak: Die vielen Leben des Jan Six: 

Geschichte einer Amsterdamer Dynastie,

                      Siedler Verlag

 

  

 

…..An dieser Stelle, wie angekündigt, noch einmal der vorausschauende Blick auf die Frankfurter Buchmesse übermorgen, und zwar auf den diesjährigen Ehrengast: auf Flandern und die Niederlande. - „Die vielen Leben des Jan Six“ - so der Name einer seit kurzem auch auf Deutsch vorliegenden Neuerscheinung, die Geert Mak verfasst hat. - Es ist nicht nur ein Geschichtsbuch über die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen Amsterdams und der Niederlande, erzählt anhand der Korrespondenz des Patriziergeschlechts Six: Mehr als 400 Jahre niederländischer Zeitgeist, Ängste, Hoffnungen und Veränderungen spiegeln dieses Buch wider. Und auch die Beziehungen zu Deutschland werden thematisiert. - Kerstin Schweighöfer lässt den Autor zunächst einmal schildern, weshalb die Six-Dynastie sein Interesse geweckt hat:

 

O-Ton Mak (Übers.)

„Die Familie Six hat mich in eine andere Welt entführt. Es war faszinierend. Deshalb ist das Buch auch so dick geworden, damit hatte ich nicht gerechnet.”

 

Autorin

Geert Mak über sein jüngstes Werk: “Die vielen Leben des Jan Six.” Auf mehr als 400 Seiten erzählt der niederländische Erfolgsautor die Geschichte einer der berühmtesten Familiendynastien seines Landes. Diese Seitenzahl steht sinnbildlich für Familientradition. Denn: Seit 400 Jahren heißt der erstgeborene Sohn stets - Jan. Der jüngste und 12. Jan hat vor drei Jahren das Licht der Welt erblickt; der erste wurde 1618 geboren und war ein guter Freund von Rembrandt. Die Sixe, wie sie kurz genannt werden, sind die Buddenbrooks der Niederlande. Sie haben nicht nur die Geschichte Amsterdams sondern auch die des gesamten Landes geprägt. Als Regenten und Bürgermeister, Kunstkenner, Mäzene und Wissenschaftler. Die Idee zu diesem Buch entstand, als Jan X. Geert Mak in die Six-Villa an der Amstel einlud. Ein stattliches Amsterdamer Herrenhaus mit 40 Zimmern, in dem das Buch beginnt:

 

Zitat

“Dieses Haus hat etwas Bezauberndes. Das liegt, wie mir mit der Zeit bewusst wurde, vor allem an der großen Kontinuität, die in dieser Familie herrscht, Generation um Generation. Man stelle sich vor: Es gab einen Jan Six im 17. Jahrhundert, der als Jan Six im Amsterdam des 18. Jahrhunderts weiterlebte, in seinem Sohn, seinem Enkel, seinem Urenkel. Als es mit der Stadt bergab ging, ging es auch mit der Familie bergab, doch im 19. Jahrhundert knüpfte Jan Six an die alten Zeiten an und machte große Karriere: als Kunsthistoriker, als Universitätsrektor, als Mitgründer des Reichsmuseums. Im 20. Jahrhundert machte er dann Geschäfte: als Direktor einer Brauerei, als Werbefachmann. Jetzt ist er wieder in der Kunst tätig.”

 

Autorin

Hinter den schweren Türen der Villa Six befindet sich eine wichtige Kunstsammlung: Gut 2.000 Werke, darunter das Porträt, das Rembrandt um 1654 von seinem Freund Jan Six I. machte. Im Reiterkostüm. Es gilt als sein schönstes:

 

Zitat

„Wir sehen Jan, dem Betrachter halb zugewandt. Er scheint in Gedanken versunken. Über die linke Schulter hängt sein roter Umhang. Es ist ein lockeres Porträt, voller selbstbewusster Nonchalance, voller Sprezzatura. Und dabei vertraut und so voller Leben, dass es den Anschein hat, als könnte Jan jeden Moment aus dem Rahmen steigen.”

 

Autorin

Neben der Kunstsammlung beherbergt die Villa Six das Familienarchiv: Zehntausende von Dokumenten, darunter der Briefwechsel, den die ersten Sixe mit George Washington führten. Mak bekam Einsicht in alles und begann, wie er es nennt, eine Achterbahnfahrt durch die Zeit: 

 

O-Ton Mak (Übers.)

„Bei meinem ersten Besuch war ich total perplex, ich konnte meinen Augen nicht trauen, was da alles versammelt worden war - eine wahre Schatzkammer. Zum Beispiel das Hochzeitsbild einer jungen Frau von 1612. Auf dem Bild trägt sie kostbare, mit Silber und Perlen bestickte Handschuhe. Und was geschieht? Jan X. macht eine Schublade auf und holt genau diese Handschuhe zum Vorschein, die das Mädchen vor 400 Jahren getragen hat! Ein niederländischer Historiker, Johan Huizinga hat einst den Begriff der “gefühlten Geschichte” geprägt. Ich kann Ihnen versichern: In diesem Moment habe ich Geschichte gefühlt - da sind eintausend Volt durch meinen Körper geströmt.”

 

Autorin

“Die vielen Leben des Jan Six” ist Maks viertes großes Buch über Amsterdam. Die Kritiker reagierten durchweg positiv. Zurecht: Sein Talent, anschaulich und fesselnd zu erzählen, stellt Mak auch in diesem Buch wieder unter Beweis. Es ist sein ganz persönlicher Streifzug durch vier Jahrhunderte – der Autor staunt und amüsiert sich, ironisiert oder moralisiert. Angefangen beim Goldenen 17. Jahrhundert über Kolonialzeit und Wiedereinführung der Monarchie 1815, bis hin zur deutschen Besatzung im zweiten Weltkrieg, als die Six das taten, was die meisten Niederländer zu tun versuchten - zu überleben. Jan VIII., Direktor der Amstel-Bierbrauerei, versteckte damals als erstes seine Kunstkollektion vor den Nazis, ließ aber zu, dass seine Brauerei fester Lieferant der Wehrmacht wurde, während sein Sohn Jan IX. sich aktiv dem Widerstand anschloss. Auch der Buchhandel ist  einmal mehr begeistert. „Es geht um unsere Geschichte“, sagt stellvertretend etwa Buchhändlerin Helen de Wolf aus Leiden: 

 

O-Ton de Wolf (Übers.)

“...und wir Niederländer lesen gerne Geschichte. Erst recht, wenn es auch um unser Goldenes 17. Jahrhundert geht. Mak ist ein begnadeter Erzähler. Das macht dieses Buch so besonders... ”

 

 

 

Autorin

Es sind die viele deutschen Bezüge, die das Buch auch für deutsche Leser interessant machen. Außerdem gelingt es Mak immer wieder, Parallelen zur europäischen Gegenwart herzustellen. Ein Beispiel: die so genannte Flüchtlingskrise. Auch um 1600 hat es eine gegeben, während des niederländischen Unabhängigkeitskriegs. Hunderttausende von Protestanten flüchteten in den freien Norden. Darunter die Eltern von Jan Six I. Denn auch die Geschichte der Sixe begann mit einer Flucht. Von einer Krise allerdings war damals keine Rede: Trugen die zahllosen Immigranten doch wesentlich dazu bei, dass Amsterdam sein Goldenes Zeitalter erlebte.

 

Moderator

Kerstin Schweighöfer besprach: Geert Mak: "Die vielen Leben des Jan Six", aus dem Niederländischen übersetzt von Gregor Seferens und Andreas Ecke. Erschienen ist der Band im Münchner Verlag Siedler - 512 Seiten für 26 Euro 99.

 

http://www.deutschlandfunk.de/dlf-audio-archiv.2386.de.html?drau:broadcast_id=93&drau:from=17.10.2016&drau:to=17.10.2016