Katja Edelmann

Freie Redakteurin. Kommunikationswirtin (FH), Speyer (Rhein-Neckar)

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Lebensmittel: Skandal oder nur Abweichung?

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Michael Lambert, Leiter des Instituts für Lebensmittelchemie über Arbeit und Fipronil


Seit September leitet Michael Lambert den Standort Speyer des Instituts für Lebensmittelchemie mit 60 Mitarbeitern. Es gehört zum Landesuntersuchungsamt (Lua). Der Lebensmittelchemiker hat einiges zu berichten - über Wasser und Wein, Fipronil und ängstliche Verbraucher.

Kartons mit Tütchen und Fläschchen von Lebensmitteln aus dem Handel sind gerade eingegangen. Es riecht nach Labor. Mitarbeiter in weißen Kitteln nehmen die Proben mit. Apparate, manche eine halbe Million Euro wert, spüren kleinste Substanzen darin auf. Michael Lambert fühlt sich in dem Umfeld sehr wohl. Einen weißen Kittel trägt der studierte Lebensmittelchemiker, Experte für Lebensmittelqualität und Analytik, seit einigen Jahren nicht mehr - stattdessen ein legeres Outfit. „Vom Lua hatte ich genauso wenig Vorstellung wie von Speyer. Aber der Menschenschlag gefällt mir", sagt der Referatsleiter, der 60 wissenschaftliche und technischen Mitarbeiter hat.


Für den neuen Job hat der 53-Jährige Bremen, seinen Lebensmittelpunkt über zwei Jahrzehnte, hinter sich gelassen. Seine Frau kommt bald nach. Zudem ist Lambert von der Privatwirtschaft in die öffentliche Verwaltung gewechselt. Er will Transparenz - im Auftrag des Steuerzahlers.


In seinen früheren Jobs leitete er Prüflabors in Dienstleistungsunternehmen, machte Qualitäts-Audits, schulte Kunden aus Agrar- und Lebensmittelindustrie, wenn sie Qualitätssysteme aufbauen wollten. Dafür war er regelmäßig über mehrere Wochen in China, Nepal, Mittelamerika oder Moldawien unterwegs. Dadurch ist ihm die hiesige hohe Lebensmittelqualität und Organisation deutlich geworden, zum Beispiel beim Trinkwasser: „Hier machen Sie den Hahn auf und trinken. Anderswo ist das ganz anders", sagt Lambert, der isst, was ihm schmeckt. Einzige Berufskrankheit: Er schaut beim Einkaufen aufs Etikett, weiß mit den Zutaten etwas anzufangen. Lebensmittelhersteller haben in Deutschland strenge Eigenkontrollen zu erfüllen. Zudem regelt ein Probenplan die Lebensmittelkontrollen in Instituten wie dem Lua.


Der Standort Speyer, einer von vier in Rheinland-Pfalz, ist zuständig für die Kontrolle von Wein, Trink-, Mineral-, Quell- und Tafelwasser sowie lokalem und importiertem Gemüse und Obst. Allein sechs Weinkontrolleure, meist im Außendienst, sind hier beschäftigt. Im Haus werden alle Proben chemisch und physikalisch auf Rückstände von Pflanzenschutzmitteln, auf Verunreinigungen aus dem Boden wie Nitrate oder auf Dioxine untersucht. Bei Letzterem, dem gefährlichsten Stoff, sind die Grenzwerte extrem niedrig - die Technik im Lua ist entsprechend aufwendig.


Ein Spülschwamm, der über Wochen nicht gewechselt wurde, löse häufiger Durchfall aus als verunreinigte Lebensmittel, meint Lambert. Dennoch hätten die Deutschen eine diffuse Angst, weil sie mit dem Thema nicht vertraut seien und die Medien sich einen Wettstreit lieferten. Beispiel Fipronil: „Wenn etwas von 0,01 Gramm pro Kilogramm in der Zeitung steht, kann der Bürger damit nichts anfangen." Kurz nachdem das Pflanzenschutzmittel in Eiern gefunden wurde, begann Lambert in Speyer. Es habe Nachtschichten geben müssen dafür. Was Medien „Lebensmittelskandal" nennen, nennt Lambert sachlich als eine „Abweichung". „Es geht häufig mehr um Emotionen als um die Sache." Die Verbraucher seien bei Fipronil nicht in Gefahr gewesen.

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