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Diabetes in der Schwangerschaft: Erkämpftes Glück

Der medizinische Fortschritt ermöglicht es Frauen mit Diabetes heute, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. Allerdings müssen sie ihre Therapie umstellen. So bleiben Mutter und Kind wohlauf


Von Kathrin Schwarze-Reiter


Hannah hätte es eigentlich gar nicht geben dürfen. Zumindest nach dem Urteil mancher Ärzte. Gleich zwei Mediziner erklärten Hannahs Mutter, Kathrin Schanz, dass sie sich damit abfinden müsse, keine Kinder bekommen zu können. Ihr Typ-1-Diabetes und eine Erkrankung der Eierstöcke würden dies verhindern. Zwar ist die Fruchtbarkeit bei Diabetikerinnen nicht per se geringer als die von Frauen ohne Diabetes. Doch wenn der Blutzuckerspiegel stark schwankt oder langfristig zu hoch ist, kann es zu Zyklusstörungen kommen, die eine Schwangerschaft erschweren. Kathrin Schanz war 24 Jahre jung, als sie die ernüchternde Erklärung erhielt. Für sie und ihren Freund, die sich sehnlich ein Kind wünschten, brach eine Welt zusammen. Nach der Traurigkeit kam der Trotz: „Na, dann brauchen wir ab jetzt auch nicht mehr zu verhüten“, dachte sich die Lehramtsstudentin. Drei Monate später fiel der Schwangerschaftstest positiv aus. Ein kleines großes Wunder. Hannah hatte sich einfach so ins Leben „gemogelt“. Am liebsten hätte Kathrin Schanz die freudige Nachricht in die Welt hinausgeschrien, doch als Erstes rief sie nicht ihre Eltern oder ihre beste Freundin an – sondern ihren Diabetologen.


Die Therapie wird in vielen Fällen angepasst


Früher mussten Frauen mit bestehendem Typ-1- oder Typ-2-Diabetes ihren Kinderwunsch oft aufgeben. Dank besserer Diagnostik und Behandlungsmethoden ist das heute anders. Allerdings erfordert eine Schwangerschaft mit Diabetes spezielle Vorsichtsmaßnahmen. So sollte der Blutzuckerlangzeitwert HbA1c möglichst schon drei Monate vor der Empfängnis unter sieben, besser 6,5 Prozent liegen. Bei einer unerwarteten Schwangerschaft – wie bei Kathrin Schanz – ist schnelles Handeln gefragt. Der Arzt muss den Langzeitwert bestimmen und bei Bedarf die Therapie umstellen. Nicht jedes Insulin ist für eine Schwangerschaft erprobt. Tabletten sind, anders als in einigen anderen Ländern, hierzulande bei Schwangeren nicht zugelassen. Folglich wird in der Schwangerschaft jede Diabetikerin insulinpflichtig. Viele wechseln zu einer Insulinpumpe mit oder ohne kontinuierliche Glukosemessung. „Das alles ist für die Frauen oft eine große Umstellung“, weiß Helmut Kleinwechter vom Diabetologikum in Kiel. Das Bemühen um eine möglichst normnahe Blutzuckereinstellung ist sowohl für die Mutter als auch deren ungeborenes Kind essenziell. Allzu große Schwankungen bergen die Gefahr einer Fehlgeburt. Auch das Risiko für Fehlbildungen ist um das Vierfache höher. Das können Herzfehler, Neuralrohrdefekte, Harnwegsfehlbildungen oder Skelettanomalien sein. „Hohe Blutzuckerwerte können zudem dazu führen, dass das Kind bei der Geburt sehr schwer wird und 4500 Gramm und mehr wiegt“, so Diabetologe Kleinwechter. „Dann bleibt meist nur ein Kaiserschnitt.“ Auch eine mögliche Präeklampsie müssen Gynäkologe und Diabetologe streng im Auge behalten. Bei Frauen mit Typ-1-Diabetes kommt die sogenannte Schwangerschaftsvergiftung etwa zwei- bis viermal häufiger vor. Die Erkrankung ist gekennzeichnet durch einen hohen Blutdruck und eine vermehrte Ausscheidung von Eiweiß über den Harn. Da sie lebensbedrohlich werden kann, muss sie möglichst früh erkannt werden.


Der Insulinbedarf sinkt erst und steigt dann


Die korrekte Menge Insulin zu kalkulieren ist gar nicht so einfach. Im Verlauf der Schwangerschaft wandelt sich der Bedarf, wobei es zu erheblichen Schwankungen von Tag zu Tag kommen kann. Bis zur 14. Woche ist weniger Insulin nötig. Später, um die 20. Schwangerschaftswoche, steigt der Bedarf dann kontinuierlich auf das Zwei- bis Dreifache an und fällt zum Zeitpunkt der Geburt abrupt wieder ab. „Es ist wichtig, mehrmals täglich zu messen und etwa alle vier Wochen zur Kontrolle zu den Ärzten zu gehen“, betont Michael Hummel vom Lehrstuhl für Diabetes und Gestationsdiabetes an der TU München. Erste diabetesbedingte Schäden an Augen, Nerven und Nieren könnten sich sonst verschlechtern. Sie müssen daher auch engmaschiger als üblich beobachtet werden. Kathrin Schanz’ Blutzuckerwert war vorbildlich. Doch ihr Insulinbedarf stieg im Lauf der Schwangerschaft so stark an, dass sie immer mehr spritzen musste. Dadurch nahm die sportliche Frau, die fast profimäßig Tischtennis spielt, viel zu – erschreckende 60 Kilo. „Auf der Straße haben mich manche Leute nicht mehr erkannt“, erinnert sie sich. Von ihren ihre Erfahrungen erzählt die lebenslustige Frau auf ihrem YouTube-Kanal „Diabeteswelt“. Sie will hier nicht ihr Leid klagen, sondern anderen Diabetikerinnen Mut machen. Experten sprechen von einem „Einzelfall“, wenn sie von Kathrin Schanz’ starker Gewichtszunahme hören. Der Kieler Mediziner Kleinwechter vermutet, dass ihr Diabetologe sie zu straff einstellte und es dadurch zu einer sogenannten Überinsulinisierung kam. Hannah kam in einem Perinatalzentrum des Levels 1 zur Welt. Das Spezialkrankenhaus für Risikogeburten bietet zusätzliche Sicherheit, da Neugeborene dort rund um die Uhr intensivmedizinisch betreut werden können. Das ist in einem herkömmlichen Geburtshaus nicht möglich, für Diabetikerinnen aber sehr wichtig. Hannahs Geburt musste eingeleitet werden. Sieben Tage dauerte es, bis Hannah endlich da war: 3640 Gramm, 52 Zentimeter, das ganze Glück ihrer Eltern. „Am besten suchen die werdenden Mütter schon zu Beginn der Schwangerschaft ein geeignetes Krankenhaus, da ja ein höheres Risiko für eine Fehlgeburt besteht“, sagt Michael Hummel. „Ist eine Klinik darauf vorbereitet, ist eine natürliche Geburt oder auch ein Kaiserschnitt kein Problem. Die Pumpe kann währenddessen normal weiterlaufen“, sagt Hummel. Während der Geburt sollten die mütterlichen Werte zwischen 70 und 110 mg/dl (3,9 und 6,1 mmol/l) liegen.


Das Baby kann nach der Geburt unterzuckern


Sobald der Säugling das Licht der Welt erblickt, müssen die Ärzte neben dem Blutzucker der Mutter auch den des Kindes überwachen. Schließlich muss der kindliche Organismus sich auf eine neue Stoffwechsellage einstellen: Im Bauch wird das Baby über die Nabelschnur mit Nährstoffen versorgt, nach der Geburt muss es den Stoffwechsel selbst regulieren. Ist der Blutzucker während der Schwangerschaft dauerhaft erhöht, passt der Säugling seine Insulinproduktion daran an. Nach der Geburt bleibt seine Insulinproduktion zunächst hoch, während die Glukoseversorgung abnimmt. Das Risiko für eine Unterzuckerung steigt. Im Ernstfall versorgen Ärzte die Neugeborenen über eine Infusion mit Glukose. Die kleine Hannah ist heute eineinhalb Jahre alt. Kathrin Schanz hat 50 Kilo abgenommen. Seit etwa einem Jahr spielt sie wieder Tischtennis. Vor Kurzem ist sie Deutsche Meisterin im Behindertenbereich geworden, sogar als Sportlerin des Jahres war sie nominiert. Und die 26- Jährige liebt ihre Mutterrolle. Vielleicht wird Hannah eines Tages ein Geschwisterchen bekommen. Medizinisch spricht nichts dagegen. 


Kathrin Schwarze-Reiter