1 Abo und 2 Abonnenten

„Darmkrebs ist eine vermeidbare Erkrankung“

Bei kaum einer Krebserkrankung ist Prävention so wirksam wie bei Darmkrebs. Im Verbund des Deutschen Krebsforschungszentrum greift die Forschung zu Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention ineinander

 

Es war eine echte Mammutaufgabe: 12.000 Patienten ab 55 Jahren wurden für das Projekt „BliTz“ des Deutschen Krebsforschungszentrums von ihren Ärzten gefragt, ob sie eine Früherkennungs-Koloskopie zur Darmkrebsprävention machen möchten. Zur Darmspiegelung kam noch eine Stuhl- sowie Blutprobe sowie ein Fragebogen dazu. Mit Erfolg: Einigen Patienten ersparte das Projekt viel Leid - 800 Adenome wurden entdeckt.


Darmkrebs – gemeint ist Krebs im Dick- und Enddarm – ist in Deutschland bei Frauen die zweithäufigste und bei Männern die dritthäufigste Krebserkrankung. Pro Jahr erkranken schätzungsweise 61.000 Menschen neu. In der Regel gilt: Je früher Darmkrebs behandelt wird, desto besser sind die Heilungschancen.  Das zeigt wie unverzichtbar Prävention ist. „Das kolorektale Karzinom ist eine vermeidbare Erkrankung, denn es entwickelt sich in der Regel langsam über viele Jahre. Diese Zeit muss man nutzen“, sagt Herrmann Brenner. Der Professor leitet die Abteilung Klinische Epidemiologie und Alternsforschung am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Er empfiehlt, das Angebot der Vorsorge mit der Darmspiegelung wahrzunehmen, denn diese kann Darmkrebs und seine Vorstufen sehr zuverlässig aufdecken.


Nach Entnahme von Adenomen ist das Erkrankungsrisiko für die nächste Zeit deutlich erniedrigt, wie Hermann Brenner erklärt: „Wurden Vorstufen von Krebs entdeckt und entfernt, ist die Wahrscheinlichkeit Darmkrebs zu entwickeln in den folgenden Jahren sehr gering. Je nach Größe und Eigenschaften der Adenome ist aber eine Kontroll-Koloskopie nach 3 bis 10 Jahren sinnvoll. Wenn der Befund der Spiegelung unauffällig ist, ist eine Wiederholung in der Regel frühestens nach 10 Jahren erforderlich, denn während dieser Zeit ist das Darmkrebsrisiko für Teilnehmer ohne auffällige Befunde sehr niedrig.“ So lautet eines der Ergebnisse der DACHS Studie, einer groß angelegten vom Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK) mitfinanzierten Studie, für die Brenner und sein Team mehr als 10.000 Darmkrebspatienten und gesunde Kontrollpersonen in der Region Heidelberg befragt haben. Die DACHS Studie fällt damit in den Bereich der Tertiärprävention.  Die Ergebnisse stießen nicht nur bei Experten im In- und Ausland, sondern auch in den Medien auf großes Interesse.


Hermann Brenner führt mit seinem Team seit Jahrzehnten große Studien zu Möglichkeiten der Verbesserung der Prävention und Früherkennung von Krebserkrankungen, sowie zur Medizinischen Versorgung, Prognose und Lebensqualität von Krebspatienten durch. Ein Verdienst der intensiven Forschung ist es, dass Früherkennungsmaßnahmen eingeführt und von den Krankenkassen bezahlt werden. „Dadurch sinkt in den letzten Jahren die Zahl der Neuerkrankungen bei Darmkrebs leicht“, erklärt der Krebsepidemiologe. Nehmen Menschen an solchen Untersuchungen teil, erkranken weniger an Darmkrebs.


Der Darmkrebsforscher gibt sich aber noch lange nicht zufrieden: „Ein weiteres Ziel unserer Forschung ist es, nichtinvasive Biomarker zur Risikobewertung zu ermitteln, die in Zukunft eine individuelle Darmkrebsvorsorge ermöglichen“, so Hermann Brenner. Es sollen also Daten aus verschiedenen Bereichen verknüpft werden, um ein persönliches Risikoprofil zu erstellen - familiäre und genetische Vorbelastung genauso wie Daten zum Mikrobiom im Darm. „Bestimmten Risikogruppen können wir dann empfehlen, bereits in jüngerem Alter zur Vorsorge zu gehen, während für andere ein ‚Einstieg’ in höherem Alter durchaus ausreichend sein kann.“

Zu den Menschen, die mit höherer Wahrscheinlichkeit an Darmkrebs erkranken, gehören beispielsweise jene mit einer familiären Vorbelastung, mit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung oder Typ-2-Diabetes. Auch ungünstige Ernährungsgewohnheiten und ein ungesunder Lebensstil mit wenig Bewegung, Übergewicht, Rauchen und hohem Alkoholkonsum fördern die Erkrankung.


Wie stark all diese Faktoren jeweils wirken, soll unter anderem durch die Analyse von Daten aus der größten deutschen Darmkrebsstudie möglich werden, die an den DKTK-Standorten in Heidelberg, München, Tübingen und Dresden durchgeführt wird. Von den ca. 2.700 eingeladenen Teilnehmern kamen mehr als 1.200 Personen zu den Untersuchungen. Anhand der Blut- und Stuhlproben, die den Probanden entnommen wurden, analysierten die Wissenschaftler nicht nur die genetische Veranlagung, sondern auch weitere Biomarker, die ein erhöhtes Darmkrebsrisiko anzeigen, sowie die Darmflora der Patienten. Denn jüngste Erkenntnisse belegen, dass auch unsere Darmbakterien einen entscheidenden Einfluss auf die Tumorentstehung haben können.

Mit Hilfe modernster Forschungsmethoden entsteht somit ein riesiger Datenschatz, um die Darmkrebsvorsorge künftig personalisieren zu können. Er wird derzeit von Experten des Konsortiums ausgewertet. Dabei können die Informationen intelligent verknüpft werden: „Ein schönes Beispiel dafür, wie Forschung den Menschen hilft“, sagt Hermann Brenner. Zudem wurde mit den tiefgefrorenen Stuhlproben eine einzigartige Biodatenbank angelegt, mit deren Hilfe die Zuverlässigkeit weiterer Tests untersucht werden kann. 


Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention können relevante Beiträge zur Senkung der Krebslast leisten. Würden alle Maßnahmen umgesetzt, ließe sich die Rate der Krebsneuerkrankungen um bis zu 45 Prozent senken – so eine Einschätzung des Deutschen Krebsforschungszentrums. Forschung und Praxis der einzelnen Krebsarten sind üblicherweise getrennt und werden von verschiedenen wissenschaftlichen und professionell-arbeitenden Arbeitsgruppen vertreten, die jeweils das eigene Gebiet als das wichtigste ansehen. So arbeitet im Normalfall jeder Bereich der Präventionsforschung und jeder Bereich der angewandten Prävention isoliert und eigenständig. Es gibt wenig Austausch.


Im Bereich der Darmkrebsforschung wird jedoch seit einigen Jahren versucht, diese Trennung aufzuheben. Hermann Brenner ist einer der Vorkämpfer auf diesem Gebiet. Er entwickelte auf der Tagung zu wirksamer Prävention des Deutschen Krebsforschungszentrums im Februar 2018 am Beispiel Darmkrebs ein integriertes Modell für die Krebsprävention der Zukunft: Was ließe sich erreichen, würde Vorbeugung, Früherkennung und Rückfallprophylaxe genutzt? Der Präventionsexperte setzt sich dafür ein, dass diese integrierte Strategie auch in die breite Gesundheits- und Patientenversorgung Eingang findet.


Doch es ist noch viel zu tun. „Wir müssen das enorme Potential der Krebsprävention noch viel besser ausschöpfen", sagt Herrmann Brenner. Prävention ist immer noch die beste Krebstherapie, um die Entstehung von Krebs zu verhindern, oder Methoden zu entwickeln, Krebserkrankungen so früh zu erkennen, dass sie mit sehr gutem Erfolg mit den heutigen Methoden behandelt werden können. „Bedauerlicherweise wird diesem überaus wichtigen Forschungsfeld nach wie vor zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt", sagt Brenner. „Prävention hat im DKTK noch einen zu geringen Stellenwert. Ihr wird zu wenig Aufmerksamkeit und zu wenig finanzielle Förderung zugemessen.“


Um das Potenzial optimal auszuschöpfen, bedarf es einer vernetzten, leistungsstarken und interdisziplinären Präventionsforschung. Darüber hinaus müssen durch Kooperation mit Politik und Praxis die Forschungsergebnisse in den Lebensalltag der Bevölkerung übertragen werden.