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Das Leben mit Anfang 30: Von Veränderung und prekären Lebenslagen - ZEITjUNG

Wind

Bild: Josh Willink mit CC0-Lizenz: https://www.pexels.com/photo/woman-holding-her-child-walking-near-windmills-122101/

Beiläufig und ungefragt servierte uns ein Dozent in einem Ethnologieseminar eine Prognose, die ich damals unverschämt fand. Er sagte: „Hier sprechen wir von prekären Lebensverhältnissen, in denen sich übrigens die meisten von euch nach der Uni auch wiederfinden werden..." Unsere Zukunft, eine Ansammlung von schlecht bezahlten, projektbasierten Jobs, Selbstausbeutung und Planungsunsicherheit? Acht Jahre, zwei Kinder und zwei Teilzeitjobs später kommt mir jener Nebensatz immer wieder in den Sinn: Ich bin arbeitslos gemeldet und mache mich selbstständig. Und sehe plötzlich, dass sich kaum einer meiner Freunde von damals bereits irgendwo „angekommen" und „abgesichert" fühlt. Ja, wir wussten, dass wir als Kultur- und Sozialwissenschaftler nicht ewig in dem einen, perfekten Job arbeiten würden. Aber der „Wind of Change" weht uns mit Anfang und Mitte 30 eisiger um die Ohren als noch mit Mitte 20. Das Gefühl der großen Freiheit ist definitiv weg, die Romantik eines Neuanfangs ist raus. Viele Weichen sind bereits gestellt. Nicht mehr alles ist möglich, aber viel mehr muss. Äh, ja, man könnte das als prekär bezeichnen.

Wie sind wir hierher gekommen? Wie geht es uns mit Veränderungen? Kann man mit 30 bereits Entscheidungen bereuen, weil sie etwas unwiederbringlich verlorengehen ließen? Was wäre wohl heute, hätte ich damals bloß... ? Ich teile diese Gedanken mit Freunden und stelle ihnen in einer spontanen Miniumfrage via WhatsApp vor allem diese Frage: Was würdet ihr eurem jüngeren Ich aus heutiger Sicht gerne raten?


Kurze Zeitreise

Sieben Jahre zurück, ein Abend an der Isar. Wir feierten (hach, damals!) unsere bestandenen Prüfungen, irgendwer summte „Wind of Change". Und dieses Lied passte. Uns wehte eine Ahnung von Veränderung wie ein leichter Windhauch aus einer fernen, großen Zukunft um Ohren und Nase. Wir hatten etwas in der Tasche, das zählte, unsere Welt war in Bewegung geraten. Wir wollten ins Ausland oder einen guten Job starten, die Welt ein Stück weit besser machen.


Und auf einmal ist alles anders

Jetzt habe ich eine Familie. Eine mittelgut versicherte Familie in einer Mietwohnung, mit zu klein gewordenen Kinderschuhen, anstehenden Klassenfahrten und sozialen Verpflichtungen. Das heißt, ich brauche Geld. Und ein bisschen Planungssicherheit gegen Sorgen und mütterliche Gereiztheit. Meine Freunde sind in alle Winde verstreut. Nicht jeder von ihnen sieht seine aktuell anstehende Veränderung als Krise oder prekäre Lage. Doch da ist zum Beispiel Ann: Sie absolvierte ein Volontariat im Museum, ein Praktikum, ein Fernstudium parallel zum ersten Job und fand durch ein Ehrenamt zu ihrem heutigen „Traumjob" in einer NGO. Trotzdem herrscht Krise, weil von ihr permanent mehr Engagement erwartet wird, als sie leisten kann. Und da ist Anette, die nach einem befristeten Job zwei miese Stellen erwischte. Sie schleppte sich tagsüber durch und bewarb sich abends parallel solange weiter, bis ihr Körper streikte. Es folgte ein Auflösungsvertrag. Jetzt bewirbt sie sich wieder, macht sich „employable" für den nächsten Arbeitgeber, wahrscheinlich wieder ein Start-Up. Rückblickend hätte sie ihr erstes Jobangebot lieber nicht sofort angenommen (was sie tat, „weil es so toll nach Internationalität klang"), sondern eine karriereträchtige Stelle gesucht. Ähnlich denkt meine ehemalige Kollegin Veronika. Der erste Job stellt Weichen.


Waren die ersten Weichenstellungen überwiegend negativ? Nein, denn damals saßen auch Caren und Dan mit mir an der Isar. Caren hatte schon einen Sohn, wanderte aus, kam zurück und entschied, sich von ihrem Partner zu trennen. Sie promovierte als Alleinerziehende. Kurz vor Abschluss der Dissertation ist sie ist froh über beides, vor allem über ihre Entscheidung für die Wissenschaft. Was jetzt ansteht, sind für sie nur „formale Änderungen“. Dan machte sich nach dem ersten Job selbstständig, weil er sich bereit für seinen Traum fühlte. Seine aktuelle Veränderung: hin zum Unternehmer, weg vom Dienstleister – ein selbst gewählter, guter Prozess.

Werden wir alle irgendwann mal irgendwo ankommen? Nein, meinen Tina und Jason, ein italienisch-amerikanisches Ehepaar, für das Veränderung „irgendwie zur Normalität geworden ist.“ Ihre radikalste Entscheidung, inzwischen zwei Jahre her, fasst Tina so zusammen: „Job kündigen und eine zweijährige Weltreise als Volunteer zu machen, während andere an ihrer Karriere bastelten. What happened: Tatsächlich Erfahrungen gemacht und auch gelernt, dass es kein Leben geben muss, in dem man sich ’niederlässt‘.“ Was sie heute bereut, ist, sich nach der Rückkehr erst mal doch niedergelassen und dafür zwei schlecht bezahlte Jobs gleichzeitig angenommen zu haben. Seit sechs Monaten sind sie mitten in der nächsten Veränderung. Diesmal traf Jason die Entscheidung, seine „Zelte in Europa abzubrechen und für die Entwicklungszusammenarbeit nach Westafrika zu gehen.“ Tina zog nach und hofft, sich durch „ehrenamtlichen Projekte und Fortbildungen“ beruflich wieder neu zu finden.


„Wer bereut, lebt in der Vergangenheit“

 

Bereuen wir alle also bereits ein paar Entscheidungen? Die Antwort lautet überwiegend: Nein. Denn, wie Ann sagt: „Wer bereut, lebt in der Vergangenheit“. Oder Jason: „Ich würde eher Entscheidungen bereuen, die ich nicht treffe.“ Und sie lautet Jein – für Leute wie Annette, Veronika, Tina und mich, die manche Jobs gerne überlegter oder gar nicht angegangen wären. Und doch auch: Ja, wie Dan meint: „Hätte ich nur damals schon den Wert der Bildungseinrichtung Universität so geschätzt, wie ich es heute tue!“

Zugegeben, ich habe meine Miniumfrage nur an Leute verschickt, die keine existentiellen Krisen durchmachen oder etwa einen nicht wiedergutzumachenden Fehler begingen. Aber dafür an Menschen, die Familie und Land verließen oder Berufe angegangen sind, die sie von ihren ursprünglichen Plänen wegführten.

Es stehen wieder Veränderungen an mit Anfang 30. Aber als verzweifelt Prekarisierte würden wir uns nicht bezeichnen, lieber Herr Dozent. Manchmal zwar auch dank Erbschaften, Eheschließungen, Kontakten, staatlicher Absicherung, oft nur wegen des Uniabschlusses. Aber wer sagt, dass häufige Jobwechsel, Selbstständigkeit oder ehrenamtliche Tätigkeiten und minimalistische Lebensformen eine Form der Prekarisierung sind, dem geben wir recht und auch nicht. Entscheiden kann man das nur aus der Perspektive des/der Betroffenen – und selbst der/die urteilt anders je nach Tagesform und aktueller Lebenseinstellung. So etwas wie ein Haus gebaut hat noch niemand von uns – im Gegensatz zu den Beamten, Ingenieuren und Physikern in meinem Freundeskreis. Das war so allerdings auch nicht geplant, damals an der Isar.

 

Krisen lassen Flügel wachsen

 

Was wir unserem jüngeren Ich aus heutiger Sicht raten würden? Hier die geballte Ladung an guten Wünschen:


(1) Niemals zwei (selbst-)ausbeuterische Jobs parallel annehmen! Möglichst immer finanziellen Puffer lassen, damit man Entscheidungen nicht mit der Pistole im Rücken treffen muss.

(2) Krisen lassen Flügel wachsen. Erst mal ruhig bleiben, in dir steckt mehr, als du denkst. Und nichts ist so schlimm, wie es auf den ersten Blick aussieht, nichts ist für immer.

(3) Einen Schritt in die Richtung gehen, in die du willst. Sobald etwas in Bewegung gerät, kommen Dinge auf dich zu. Und dann nicht zu starr an Plänen festhalten.


Wie es weitergeht? Wir haben gelernt, uns von Stürmen nicht umpusten zu lassen und aus Gegenwind Rückenwind zu machen. Wir werden uns weiterhin „Manche Dinge schön reden, bis irgendwann Veränderungen unumgänglich werden“, wie meine Schwester aus ihrer Krise mitnahm. Wir lernen, manches einfach anzunehmen. Oder in Evas Worten: „Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, sondern dazwischen viele Grauschattierungen. Nicht nur supertoll und total kacke, sondern auch einfach voll okay für den Moment.“


Wir gehen Veränderungen an, gestalten gesellschaftliche Veränderung mit. Nach Bauchgefühl, mit Köpfchen, mit Vertrauen trotz gelegentlicher Angst oder auch einfach Schritt für Schritt. Und dann setzen wir die Segel, wenn sich Gelegenheiten auftun oder Stürme toben. Aber hey – seht her! – das sind stabilere Segel als die, die wir mit Mitte 20 in den lauen Wind of Change hielten.


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