Kathrin Hollmer

Redakteurin, Journalistin, München

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Artikel

Ganz schön hart

(Foto: Alexander Pauckner/Neo Magazin Royale)

Sie hat es von Twitter zum "Neo Magazin Royale" ins ZDF geschafft. Giulia Beckers lässiger Feminismus hat viele Fans - und bringt einige gegen die Autorin auf.


Neulich haben ihr wieder Fremde Fotos von Dingen geschickt, in denen sie eine Vagina erkennen: in einer Blume, Obst und einer Luftmatratze. Seit Giulia Becker einem größeren Publikum bekannt ist, passieren ihr seltsame Dinge. "Du bist doch die mit dem Scheiden-Song!", sagen die Fans, die sie in der Schlange bei Rewe antippen. Manche wollen Selfies. Im Supermarkt. Wenn man gerade, sagt sie, "wie der letzte Heckenpenner" einkaufen geht!


Im Dezember 2016 machte ihr Musikvideo zu "Verdammte Scheide" im Neo Magazin Royale von ZDF Neo Giulia Becker berühmt. Ihre Songs waren überhaupt Höhepunkte in den letzten Staffeln der Late-Night-Show. Eigentlich fühlt sich Giulia Becker im Hintergrund wohl. Als Autorin der Show ist sie eine mächtige Stimme deutscher Fernsehkultur. Giulia Becker ist direkt und will niemandem gefallen. Ohne dass sie es beabsichtigt hat, ist sie zur Feminismus-Ikone geworden. Auf Twitter kommentiert sie als "Schwester Ewald" treffsicher und lustig; es geht um Politik, Gesellschaft und - so spitz wie einst bei Lena Dunham, der Erfinderin der Serie Girls - darum, wie Frauen sich für ihr Gewicht rechtfertigen müssen. Trotzdem ist erstaunlich wenig über sie bekannt. Fast ein Jahr hat es gedauert, bis sie einem Treffen zugestimmt hat. Ihr einziges Interview bisher gab sie einem Podcast.


An einem Freitagvormittag sitzt Giulia Becker, 27, nun also in einem Café in Köln-Ehrenfeld. Seit fünf Jahren lebt sie in der Stadt. Aufgewachsen ist sie in "einem Dorf hinter einer Kleinstadt hinter Siegen". Die Mutter ist Grafikdesignerin, der Vater Baustoffhändler. In der Schule schrieb und sang sie mit ihrer besten Freundin Lieder über ihre Lehrer. Irgendwann wurden die beiden in zwei verschiedene Klassen gesteckt. "Die Lehrer mochten es nicht, wenn die Jungs frech und lustig waren", sagt sie. "Und Mädchen hatten erst recht ruhig zu sein und zu lernen." Wegen ihres Gewichts wurde sie in der Schule gehänselt. Sie begann früh, schon in der ersten Klasse, kurze Geschichten zu schreiben und spielte Theater. "Daraus habe ich Selbstbewusstsein gezogen", sagt sie.


Wenn Giulia Becker aus ihrem Leben erzählt, sagt sie trotzdem sehr oft das Wort "deprimierend". Im Gespräch fällt es acht Mal. Dass sie auf zig Unibewerbungen nur eine Zusage bekam, Hauptfach Medienwissenschaften - "ultradeprimierend". Dass diese ausgerechnet von der Uni Siegen kam, aus der Stadt also, die sie unbedingt verlassen wollte - "ganz schrecklich deprimierend". Zum Glück lacht sie jedes Mal, wenn sie das Wort benutzt.


Dass sie schreiben will, wusste sie schon in der Schulzeit. Der Leiter eines Schreib-Workshops in Siegen überredete sie, ihre Geschichten auf der Bühne vorzutragen. Gleich mit ihrem ersten Text qualifizierte sie sich für die deutsche Poetry-Slam-Meisterschaft 2009. Als Quereinsteigerin tat sie sich schwer, Anschluss in der Szene zu finden, nach einem Jahr ließ sie es wieder. Nach dem Abitur bot ihr eine Partybekanntschaft ein Praktikum in der Dramaturgie von Sturm der Liebe (ARD) an. Wo sie kopierte, Kaffeemaschinen saubermachte und für eine Episode einen Liebesbrief schrieb, den die Hauptfigur verschickte. "Meine Oma war sehr stolz an diesem Tag", sagt Becker. Danach wechselte sie ins Szenenbild der Telenovela, wo sie den ganzen Tag die Logos auf Villeroy & Boch-Tellern übermalen musste. "Megadeprimierend".


"Einfach so passiert", auch das sagt Becker oft. Etwa über den Twitter-Account, der sie berühmt gemacht hat. In einem Twitter-Seminar an der Uni erstellten alle Teilnehmer Profile. Ein Jahr lang las sie nur Tweets von anderen, ihre Follower konnte sie an einer Hand abzählen. 2015 begann sie regelmäßig zu twittern. Ihre impulsiven, spitzen und schonungslos selbstironischen Kommentare werden manchmal tausendfach retweetet. Ihr Stil: eine Mischung aus maulig und lakonisch, derb und intelligent. Ihre Themen: Dschungelcamp, Desserts auf Schieferplatten, Supermarkt-Rubellose.


Aber auch: Gleichberechtigung in den Medien, Schönheitsbilder, Vorschläge, wer oder was den Friedensnobelpreis mehr verdient hätte als Donald Trump (ihr Vorschlag: Kräuterbutter aus der Tube). Heute hat sie 35 000 Follower. Lange wusste niemand, wer "Schwester Ewald" ist. Ihr Profilbild ist bis heute ein Kinderfoto von ihr. "Ich konnte quasi anonym twittern und meine Gedanken ungefiltert mit der Welt teilen", sagt sie. "Inzwischen wissen die Leute, wer ich bin." Das macht es schwerer, sich zu verstecken.


Zum Neo Magazin Royale brachte sie wieder jemand, der sie überredete - die Maskenbildnerin der Produktionsfirma Bildundtonfabrik btf, die vor allem für das Neo-Magazin und Schulz und Böhmermann bekannt ist. Eine Woche, bevor sie im Sommer 2015 ihr Praktikum dort begann, fragte Jan Böhmermann in der Redaktion, ob jemand wisse, wer hinter "Schwester Ewald" steckt. Er folgte ihr bereits, mochte ihre Tweets und ließ sie ab der ersten Woche an den Autorenkonferenzen teilnehmen. Einen ihrer ersten Auftritte in der Sendung hatte Becker im Herbst 2015 als "Coco", Mitgründerin des fiktiven Start-ups Kein Keks, das Prinzenrolle-Füllung pur verkauft und die Nüsse aus Toffifee-Pralinen entfernt.

"Viele Leute wissen ja schon sehr früh, dass sie zum Beispiel was mit Menschen machen wollen. Und ich wusste halt sehr früh: Du machst mal was mit Cremefüllung", sagt sie und schiebt sich ein Raffaello in den Mund. "Ihr Humor ist irgendwie immer recht unschuldig", sagt Comedian Hazel Brugger ( Heute-Show) über Becker, "aber trotzdem so verbittert, dass man ihn masochistisch nachempfinden kann."


Es sind solche Widersprüche, die Giulia Becker und ihren Humor ausmachen.


"Mutter von Kinn 1 und Kinn 2, drittes unterwegs."

Seit Januar 2016 arbeitet Giulia Becker fest bei der btf. Im Dezember überließ ihr Böhmermann als erster Frau aus dem Autorenteam ein komplettes Musikvideo im Neo Magazin Royale. Es ist ein Auftritt, der in Erinnerung bleibt. In "Verdammte Scheide" singt Becker über ihren Redaktionsalltag - darüber, dass sie nicht zeigen kann, was in ihr steckt, und dass sie nur eine Sache von den männlichen Kollegen unterscheidet: ihre Scheide. Ihre Lieder singt sie selbst ein. Fünf Jahre lang nahm sie Unterricht in Popgesang, obwohl sie keine Noten lesen kann. Es zieht sie auf die Bühne, obwohl sie immer Angst davor hatte. Und sie will es gut machen. Bewusst geht sie in letzter Zeit öfter vor die Kamera, ist in kleinen Rollen in der Sendung zu sehen, um die Scheu abzulegen.


"Verdammte Scheide" war ihr erster Solo-Auftritt. An dem Abend, an dem das Musikvideo, in dem als Gäste auch Hazel Brugger und Nora Tschirner auftreten, im Neo Magazin Royale ausgestrahlt wurde, lag Becker mit einer Nervenwasserentzündung im Krankenhaus. Ihr Handy stand nicht still, Zeitungen und Magazine berichteten, mehr als 800 000 Aufrufe hat das Musikvideo auf Youtube, ihr wurde eine eigene Show angeboten. "Ich will vorerst lieber schreiben", sagt Becker jedoch. Sie hat einen Buchvertrag unterschrieben. Da ist er wieder, der Hintergrund, in dem sie sich am wohlsten fühlt. Ihr Buch soll im Frühjahr 2019 erscheinen. Um Twitter soll es darin nicht vorrangig gehen.


Der Scheiden-Song, der so vieles ins Rollen gebracht hat, sei "sehr nah" an der Realität, sagt Becker. Die Hälfte der Mitarbeiter ihres Arbeitgebers seien Frauen, "aber die Verteilung stimmt nicht. Inhaltlich haben wir zu wenig Frauen." Becker ist im Moment die einzige feste Autorin. Gerade würden immer fünf bis acht Männer mitschreiben und entscheiden. "Wir arbeiten daran", sagt Becker. In anderen Satiresendungen ist das Bild ähnlich: Bei Extra 3 (NDR) sind fünf von 15Autoren Frauen, bei der Heute-Show (ZDF) schätzt ein Sprecher den Frauenanteil unter den Autoren auf ein Fünftel.


"Verdammte Scheide" wurde zu einer Hymne für einen modernen, unverkrampften Feminismus. Überhaupt heißt Gleichberechtigung bei Giulia Becker nicht, dass keine sexistischen Witze mehr gemacht werden, sondern dass auch Frauen welche machen. In der Neo Magazin Royale-Rubrik "Dicke Titten - Das Gleichberechtigungsmagazin" erzählten Giulia Becker und Jan Böhmermann Witze aus beiden Geschlechterperspektiven. Becker schmettert fast jeden von Böhmermanns Gags als sexistisch ab ("Weil du es gesagt hast!") und teilt selbst unter der Gürtellinie aus.


Früher spotteten Mitschüler über Beckers Figur, heute sind es Youtube-Kommentatoren. Becker macht ihr Gewicht regelmäßig selbst zum Thema. In ihrer Twitter-Biografie steht: "Mutter von Kinn 1 und Kinn 2, drittes unterwegs." In ihrem zweiten großen Song, "Monstertruck", parodiert sie die Modebranche, die Menschen mit Figuren über der Norm diskriminiert.


"Damit die Leute keine Witze über dich machen, musst du die Witze zuerst machen", sagt Becker. "Hasskommentare treffen mich nicht, weil ich sie nicht auf meine Person beziehe. Was mich trifft, ist, dass sich diese Kommentare immer nur gegen Frauen richten." Darauf hinzuweisen, sieht sie als Aufgabe. "Dicker Mann macht Comedy: Lustiger Typ einfach, so sympathisch (...) Dicke Frau macht Comedy: Fettes widerliches Schwein, erhäng dich", twitterte sie Anfang Februar.


Becker will deshalb auch ein Vorbild für Frauen und Mädchen sein. "Viele Frauen, die ich superlustig finde, haben kein großes Selbstvertrauen. Ich wurde ja auch so in die Branche reingeschubst." Sie selbst nennt weibliche Vorbilder: "Von Gilmore Girls habe ich viel Schlagfertigkeit gelernt." Groß geworden ist sie aber mit Loriot, den sie mit ihrer Oma geguckt hat. Evelyn Hamann sei ein Vorbild, sagt Becker, die nicht nur deren wissendes Lächeln beherrscht, sondern auch ihre unbewegte Miene und den trockenen Humor. Außerdem nennt sie Trude Herr, eine der großen Komödiantinnen Deutschlands, die schon Ende der Fünfzigerjahre den Schlager "Ich will keine Schokolade" sang, die aber in Personalunion auch Direktorin, Autorin und Hauptdarstellerin im Kölner Theater im Vringsveedel war.

Beckers Stimme ist mehr Adele als Schlager. Doch die Kombination ist so unwiderstehlich wie bei Trude Herr: große Stimme - und eine noch größere Klappe.

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