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Kolumbien: Tanzen gegen das Morden

Protest mit Performance: Eine Tänzer*in bei den Protesten in Barranquilla, 4. Mai. Foto: Charlie Cordero

Die Angst um ihr Land und ihre Zukunft treibt Kolumbianerïnnen seit Monaten auf die Straßen. Beim Protest sind sie kreativ.

Vor allem junge Menschen demonstrieren seit Monaten in Kolumbien gegen Mord, Gewalt und Ungleichheit – mit Tanz, Musik und Kreativität. Vorausgesetzt, es schießt gerade niemand auf sie.

Graziös gegen die Polizei

Die Polizisten bekommen offensichtlich nicht mit, was sich hinter ihnen zusammenbraut. Dann ist es schon zu spät - und Piisciis, Nova und Axid machen den abgesperrten Eingangsbereich des Kongresses zum Dancefloor. Oder zum Laufsteg.

Die Menschenmasse auf der Plaza Bolívar, dem Hauptplatz in Bogotá, feuern sie an. Piisciis, Nova und Acid schwenken elegant die Hüften und Arme, sinken in den Spagat auf dem von geworfenen Steinen übersäten Boden nieder, kreisen ihre Mähnen, heizen der Menge ein. Sie tragen schwarze Hosen und um die Oberkörper wie ein enges Wickeltop gelbes Absperrband mit der Aufschrift "Peligro, no pase" - Gefahr, kein Durchgang.

Die berüchtigten Polizisten der Anti-Aufstandseinheit Esmad, als Personen unerkennbar hinter schwarzem Ganzkörperpanzer, Helm und Schild, nähern sich dann doch vorsichtig - und werden von den dreien umtanzt. Einen berührt Piisciis zart an der Schulter.


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Piisciis, Nova und Axid gehören zu einer gefährdeten Minderheit, die in Kolumbien eine Lebenserwartung von durchschnittlich gerade einmal 35 Jahren hat: Piisciis aka Akhil Canizales (25) und Nova aka Felipe Velandia (25) identifizieren sich als non-binäre Personen; Axid aka Andrés Ramos (20) als Transfrau. Was die drei am 28. April auf der Plaza Bolívar veranstalteten, war eine kleine Revolution. Vom Rande der Gesellschaft tanzten sie sich ins Zentrum der Aufmerksamkeit - und riskierten viel dabei.

"Wir beschlossen, rauszugehen, um für unsere Menschenrechte zu demonstrieren, aber auch, damit die LGBTQ- und nichtbinäre Community sichtbar ist", sagte Piisciis in einem Interview. "Wir hatten große Angst, weil in Kolumbien alle Angst vor dem Esmad haben. (Die Polizisten) sind gewalttätig und aggressiv zu uns." Sie hatten nicht nur Angst, dass die Polizei sie zusammenschlagen würden, erzählt Piisciis, sondern auch vor den Reaktionen der Menschen auf der Plaza Bolivar, dass jemand Steine oder Knallkörper auf sie werfen könnte.


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