Katharina Wasmeier

Freie Journalistin, Autorin, Lektorin, Nürnberg

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#pithairdontcare - Der Widerstand wächst

Unerwünschte Körperhaare entfernt man besser abends, danach mit Deo oder Pflegeprodukten warten. Bei Sonnenbrand ist Enthaaren tabu, am schnellsten ist der Rasierer, am schnellstesten, wer den unter der Dusche benutzt. Für chemische Depilation bitte einen Spachtel bereithalten, für Wachs und elektrische Pinzette lieber was zum Draufbeißen. Die Ratschläge, die Birgit Huber vom Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel (IKW e. V.) zu Beginn der Kurzklamottensaison bereithält, sind nicht nur saisonal en vogue, sondern auch gesellschaftlich: „Haare am Körper? Nein, Danke!“ titelt das Ergebnis einer Umfrage, laut derer 90 Prozent der Frauen und 60 Prozent der Männer dem Haarwuchs „eine deutliche Absage erteilen.“ Der Trend, so erforschen die Macher der Studie im Auftrag der IKW, laute zudem „jung und haarlos“: Je jünger der Mensch, desto glatter aalt er sich durchs Leben und sie auch, es wird rasiert, gezupft und geschäumt – nur zwei Prozent der Befragten 18- bis 29-Jährigen lassen wachsen statt zu wachsen. 
Doch während sich die Industrie wie seit circa 40 Jahren üblich ihre Self-Fulfilling Prophecys selbst zurecht- und die westliche Gesellschaft in ein Heer aus glatten Beinen, blanken Achseln, Brüsten und luftiger Bikinizone zimmert, regt sich im Untergrund zumal weiblicher Widerstand: #pithairdontcare, #hairywomanaresexy heißen die verhashtagten Schlachtrufe derjenigen meist jungen Frauen, die die ewige Glätterei nicht mehr mitmachen wollen. Die Instagram-Kampagne #januhairy ruft seit einigen Jahren im besagten Wintermonat dazu auf, die Gunst der Winter-Woll-Stunde zum eigenen Fellwuchs auszunutzen – eine Idee, die nicht nur vielen Frauen zu einem ersten Kennenlernen mit ihrem eigenen Körperhaar verhilft, sondern zumeist mit einsetzendem T-Shirt- und Rock-Wetter ein jähes Ende findet. Unrasiert in Freibad oder Arbeit, Straßenbahn oder Biergarten – das muss man erstmal aushalten. 
Eine, die das tut, ist Jenny. Jenny, die eigentlich anders heißt, trägt die Frisur kurz, die Hosenbeine auch. Auf Jennys Beinen glitzern Haare in der Frühlingssonne. Jenny ist 27 und nach langer Suche die einzige, die bereit ist zum Gespräch. Jenny will keine Vorreiterin sein, sondern normal, „kein ungewöhnliches Phänomen“, sondern in ihrer Selbstbestimmung akzeptiert. Will keine Gesellschaft umstürzen, sondern „dass alles legitim ist, so, wie man das selbst möchte.“ Jenny mochte lange Zeit Haare nur auf dem Kopf. Gesellschaftliche Norm, sagt sie, „der Druck: Das gehört sich so“, der auch im jugendlichen Gruppengefüge nicht hinterfragt worden ist. Dafür ein stetes Rechtfertigungsgefühl verspürt, wenn mal nicht alles ganz glatt lief. Und mit Anfang 20 das Bedürfnis, mal zu überlegen: Wie selbstbestimmt bin ich eigentlich? Einem erfundenen Schönheitsideal unterworfen fühlt sich die Sozialpädagogin, der es wichtig ist, zu betonen, dass „Frauen, die sich nicht rasieren, nicht automatisch Hardcore-Emanzen sind“, sondern selbstbewusst tradierte Rollen hinterfragen, die von Barbiepuppe zu Barbiepuppe weitergegeben werden anstatt die Chance zu erhalten, selbst auszuprobieren: Wie fühle ich mich wohl? 
Denn während für Jungs und Männer alle möglichen Varianten, Pelz zu tragen, unaufgeregt gesichtet werden, lösen behaarte Frauenkörper schwere Gewitter aus – Shitstorms, um genau zu sein. Unrasiert, so scheint es, muss als Frau immer erklärt werden. Dabei ist es eigentlich die Rasur, die medizinisch-biologisch erklärungsbedürftig ist: Haare haben einen Sinn, bieten Schutz vor Sonne oder Bakterien. Viele Frauen leiden unter schweren Entzündungen. Und nehmen sie in Kauf, um dem Ideal zu entsprechen. „Ich hatte immer Juckreiz an den Beinen“, sagt Jenny und dass das mit dem Nichtrasieren ausblieb. Wie auch die Schmährufe, die sie befürchtet hat. „Nach drei Jahren ist jetzt der erste Sommer, in dem ich mir keine Gedanken darüber mache, wie meine behaarten Beine wohl wirken“, sagt Jenny. Und dass es Auseinandersetzungen nur mit ihr selbst gab, nie von außen. Dass es Blicke gab, aber keine Reaktionen. Dass die Freundinnen das mutig finden und der Freund völlig ok. Dass die Kinder und Jugendlichen, mit denen sie beruflich zu tun hat, sie sehen, aber nicht ansprechen. 
„Ich hab da kein feministisches Ziel – keine politische Agenda“, sagt Jenny. „Aber den Wunsch, dass bestimmte Mechanismen aufgebrochen werden – und wir all freier.“ Es ist nur eine kleine Szene hier in der Region, die sich mit dem Thema konfrontiert, aber „es werden immer mehr, vor vier Jahren gab es da noch weniger.“ In den vier Jahren ist viel passiert in Sachen „Body Positivity“, sind Kunst und junge soziale Medien wie Instagram und Tiktok voller Angelegenheiten, die man bis vor Kurzem noch tunlichst für sich behielt, sprechen Frauen über Menstruation und, ja, färben sich die Achselhaare zum Regenbogen. „Ich glaube, dass man dadurch Menschen anregt, gesellschaftliche als auch eigene Denkmuster zu hinterfragen“, sagt Jenny. Mit einem Tabu-Thema immer erst anecken und es dadurch superpräsent machen. „Nur so stößt man ein Umdenken an und damit den Weg in eine offenere Gesellschaft.“ Die Augen glitzern in der Sonne. Die feinen Haare auch.