Katharina Wasmeier

Freie Journalistin, Autorin, Lektorin, Nürnberg

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Glosse

Rauf aufs Sofa - Mai Hair Lady

Ich liebe die öffentliche Anteilnahme meiner Leser*innen wirklich sehr, das ist superwichtig weil sonst denkst du nicht nur zwischendurch sondern immerwährend: Jetzt hast du wieder drei Tage den Text der Texte ausgefeilt und wahrscheinlich der einzige der’s liest ist der Fisch der darin eingewickelt wird, hach naja immerhin hoffentlich der hat ein bisschen Spaß, und dann trauriger Blick zu Boden und ach schau, ein Steinderl, kick ich das halt einmal, vielleicht hat wenigstens das mich lieb. So aber: „HAST JETZT DU DEINE FUßNÄGEL DIR SCHON LACKIERT?“ hat eine Dame sich übers ganze Quartier plärrend interessiert und ich hab geantwortet, wie’s halt meine Art ist: schweigend, trauriger Blick zu Boden, dort kein Steinderl, dafür Schuhwerk. Hochgeschlossen, fest verschnürt, ein hohles Lachen war zu hören statt fröhliches Zehengezwitscher. Weil ich sag einmal so: Es ist eine Sache, schön in Ruhe daheim Fingernägel einzufärben in der Couleur der Säsong oder meinethalben mit dem hippsten Muster oder chiquen 3D-Aufbauten, wer meint, kannst eh für dich selbst entscheiden, und dann sagen wir es klingelt und du weißt: Du musst jetzt aufmachen weil vor der Tür steht entweder eine wahnsinnig wichtige Lieferung oder der wahnsinnig charmante Bote derselben, bestenfalls beides zusammen, und dann ist das aber überhaupt kein Problem weil dass Filme aus dem niederpreisigen Erotiksegment ihre Eingangssequenz oft einmal genau so beginnen (sollen, angeblich, was weiß ich): schön Morgenmantel und Wedelfinger und „Ach der Herr Postbote [wedelwedel] täten’s mir das Packerl [wedel] bitte hier hinein…?“, naja, jedenfalls selbst wenn es dann nur ein Werbezettelbringer war oder die Nachbarin, die sagt „Machst du einmal deine Musik wieder leiser bitteschön?“ oder „Tut mir leid aber mein Hund hat grad deinen Fahrradreifen aufgefressen?“, völlig wurscht, es ist nichts verloren. Wenn du aber grad dabei bist, vom Käsemauken die Nägel sommerfrisch zu dekorieren und dann plötzlich klingelt’s und es heißt, du sollst einmal hinunterkommen und eine Unterschrift leisten / Stromkastenzählertür aufsperren / Spinne entfernen und du weil wohlerzogen / autoritätshörig / Helfersyndrom springst auf und schlupfst in deine Schlapfen weil es ist doch noch ziemlich sommerfrisch im Treppenhaus und erfüllst deine Mission und dann oben ziehst du deine Füße wieder aus den Schlapfen und mit ihnen aber auch drei Zentner Filzfusseln weil der Lack war ja noch gar nicht trocken weil das ist er nie und jetzt hat er eine chemische Verbindung eingehen können mit allen Fusseln und Bröseln dieser Welt! So. Das ist mir selbstverständlich nicht passiert. Ich bin ja nicht blöd. Dafür politisch aktiv. Ich schreib jetzt ein feministisches Musical über Sommer und Body Positivity, der Titel lautet „Mai Hair Lady“. Schüss!