Katharina Wasmeier

Freie Journalistin, Autorin, Lektorin, Nürnberg

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Glosse

Rauf aufs Sofa - Grog adhoc

Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht eh für jeden Jahreszeitenwechsel und Saisonstart güldet, aber ich hab das Gefühl, als wäre so ein Herbst ganz speziell dazu geeignet, erwachsene Menschen in Sturmeseile an der Windhose zu packen, einmal um sich selbst zu wirbeln und zu zwirbeln und als Kleinkind wieder hinabfallen zu lassen wie die anderen schönen Herbstgeschenke, die uns grad so süßlich um die Ohren tanzen und in kuschlig-warme Vorfreude versetzen: beige Mundschütze und indian-summer-rote Hundstrümmerltüten, käsig-gelbe Pizzaschachteln, bräunende Kaffeebecher, auch ein frischgrüner Elektroroller blitzt hier und da aus dem Gebüsch und stemmt sich freundlich gegens Himmelsgrau, in dem die Wolken Fangen spielen und Blindekuh und vor lauter Freude und vielleicht auch Schwindel gelegentlich einmal zu Boden speien. Da feuchtelt’s dann umeinander, aber das ist dem Menschlein schon egal, denn innere Stimme, höhere Gewalt oder niederer Instinkt sitzt ihm im Ohr und wispert: Nimm! Die! Kastanie! Und das Menschlein beugt den 30 oder auch schon 40, 60 Lenze schweren Buckel hinab und probiert sich in einer kleinen Gegenwehr: Kastanie wozu, viel zu alt für den Unsinn, was mach ich dann damit! Und in dir drinnen dann Protest: ES IST RUND! UND GLATT! UND WUNDERSCHÖN! WIR MÜSSEN ES BESITZEN! UND ZWAR BEVOR DIE ANDEREN ES ENTDECKEN! UND DANN NEHMEN WIR ES IN DIE HAND UND STREICHELN ES! UND BAUEN LUSTIGE TIERE! Und du lässt dich mitreißen, weil ACH! so schön der Herbst, sammelst Kürbisse zum Schnitzen und für Suppe auch und Eicheln weil auch aus denen kannst du süße Figürchen bauen und DA SCHAU! EIN ROTES BLATT! und DORT DRÜBEN NOCH EIN GELBES! und DA-UND-DA-UND-DA-UND-DASCHAUNOCHVIELMEHR! die müssen wir MITNEHMEN und PRESSEN und dann springst und hüpfst und jauchzt du und „Ich will mit dir einen Drachen bau‘n“, singst du dem grantigen Nachbarn ins Gesicht, „mit dir einen Drachen bau’n, für sowas hast du niemals Zeeeeeeeeeeeit! … Mit diiiir einen Drachen bau’n, denn ein gekauuuufteeeeer Drachöööö flieeeeegt nichtmal haaalb so weeeeit!“ und irgendwann später, viel später, kommst du wieder zu dir. Du sitzt auf dem Boden deines Wohnzimmers, umringt von angemodertem Laub und braunen Kugeln, ein Schwung Eicheln unterm Sofa, Zahnstocher und Klebeaugen sinnlos um die herum verstreut, dazwischen Fitzel von Buntpapier und Schnur, vom Tisch tropft Kürbisschlonz. Du angelst nach einem großen Müllsack und schaufelst den Herbst beschämt dort hinein. Irgendwas muss da in der Luft sein. Jetzt erstmal einen Grog. Weil neue Weisheit: Kein Bier vor vier, doch Grog adhoc!