Katharina Wasmeier

Freie Journalistin, Autorin, Lektorin, Nürnberg

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BETHANGO! - der Neumann geht spazieren

Ein Mann mit buntem Blick und buntem Helm läuft die Fürther Straße entlang, schiebt ein Fahrrad, trägt es zuweilen, ruft laut „BETHANGO!“, wann immer es ihm in den Sinn kommt – ja, es waren nicht nur vereinzelt verwirrte und manch missbilligende Blicke, die Karsten Neumann sich am vergangenen Mittwoch eingefangen hat. Doch das ist dem Aktionskünstler nur recht. Denn „¡Ya estoy harto! – Der Neumann geht spazieren“ verfolgt freilich ein Ziel: „Mir reichts!“

Oder anders: „Mir reicht’s nicht“, meint der Künstler, der den meisten Menschen wohl als grellgrünes Rechteck mit pinken Sachen drin bekannt ist: das Symbol von „Bethang“, der grenzaufgelösten Kunststadt, deren 130 Kilometer Umriss vom Künstler selbst erwandert und vom Fränkischen Albverein mit 4 000 Markierungspunkten versehen ist. Damit vorerst genug. Denn was dem Neumann aufstößt, das ist der scheint’s politisch gewollte oder mindestens gebilligte Krieg Fußgänger vs. Radfahrer. „Die Selbstverständlichkeit, mit der man Radwege auf Fußwegen markiert, das regt mich gelinde gesagt auf“, so der Künstler, der selbst mobil per pedes oder Pedale. Wegen der Überzeugung. „Niemand kommt auf die Idee, mal den Autos eine Spur zu rauben!“, sagt er, und dass er die Autos nicht verteufeln will, aber eigentlich halt doch. Weil sie Platz rauben. Und Luft. Weil es knapp 23 000 sind, die tagtäglich vor seinem Haus in Eberhardshof die Menschen quälen. Und „weil es doch ein Wahnsinn ist.“ Überall in Nürnberg führten Radwege in die Irre und ins Nichts, sei das Wegenetz „kopflos zusammengestöpselt“ und wirklich nicht mehr zeitgemäß. Und zudem: gefährlich. „Es gibt viel zu viele Stellen, an denen sich zugunsten der Autos Radfahrer und Fußgänger die engsten Wege teilen müssen“, konstatiert Karsten Neumann und assistiert sogleich mit Belegexemplaren: Menschen, Ankömmlinge, die vom Hauptbahnhof angespült orientierungslos am Frauentorgraben stranden, mitten auf der frischgerötelten Fahrradautobahn. Menschen, die im Gänsemarsch den vierspurigen Frauentorgraben entlangbalancieren. Menschen, die auf dem Gostenhofer Boulevard der Wegmarkierung á la Schildbürger auferliegen, weil, so recherchiert der Neumann, Behörden um Zuständigkeiten streiten, der SÖR nicht weiß, was das Verkehrsplanungsamt macht und vice versa und dem Ergebnis, dass über viele vielbelebte hundert Meter eine gänzlich unbekannte Fußgängerzone herrsche, jedoch mit leuchtend rotem Radweg – und unklarer Rechtslage. „Ich bin Künstler, kein Bauplaner“, sagt Karsten Neumann, der die Performance als Protest anlegt, als Fahrradschieber und -träger, um „das schwächste Glied zu simulieren“ im Bürgersteigballett, wo mit Glück die Rücksicht, zu oft aber das Recht des Stärkeren regiert. Und der kleine Tross wie zum Beweis gleich Höhe Opernhaus in Fisimatenten gerät: Schnellradler von hinten und von vorne, Kinderwagenschieber, Trolleykofferzieher, Spaziergänger und dann der Neumann, der halt auch noch Platz braucht. Man zürnt und klingelt und ist ganz und gar ungehalten. Kann’s denn wundern bei knapp 1,50 Aktionsbreite? „Ich darf andere Visionen haben. Nämlich: Warum nicht mal mutig sein, warum nicht mal einen radikalen, bundesweit einzigartigen Schnitt wagen?“, Vorreiter sein, den Autos den Platz entziehen, den andere so dringend brauchen? Pop-Up-Radweg Rothenburger Straße? Nicht mutig, sondern lächerlich, typisch Nürnberg. Einspurigkeit die Bayreuther Straße entlang, vom Rathenauplatz hinab zum Bahnhof – das wär was! Da wär was los! Zum Beispiel: weniger Unfälle. Und so viel weniger Wut, die „die Radfahrer auf die Fußgänger richten und umgekehrt – anstatt wütend zu sein auf die Autos! Die nehmen euch den Platz doch weg!“ Aber der Radler hat halt keine Priorität, muss ich fügen ins wirre Netz der billig-weißen Streifen, der bröckelnd-roten Farben, die einen kerzengrad hineinführen in die große Kreuzung, auf Parkplätze oder sich mittendrin einfach verabschieden. Karsten Neumann hingegen begrüßt. „BETHANGO!“ ruft er seine „Avenida Mahatma Ghandi“ entlang, fast zwölf Kilometer Gluthitze, auf denen Mitstreiter und Fans, Neugierige und viele, viele Fragezeichen die Performance begleiten. „Am Ende“, sagt Neumann, „haben ein paar verstanden, was ich da mache und warum.“ Das wär dann schon ganz gut.