Katharina Wasmeier

Freie Journalistin, Autorin, Lektorin, Nürnberg

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Artikel

Bunte Leuchttürme in der Trabantenstadt - Betonliebe

„Man kann den Leuten das mittlerweile zumuten“

Vor knapp einem Jahr fiel in Nürnbergs tiefem Süden die erste Dosenkapsel und gab den Startsprühstoß für „Betonliebe“, ein Teilprojekt des Stadtentwicklungsprogramms #LNGWSSR. Idee und Ziel der liebevoll zweideutig betitelten Aktion: Den Stadtteil bunter zu machen – sowohl hinsichtlich endlich grauer Flächen als auch als Verknüpfungspunkt innerhalb der Bewohnerschaft. Und: Mal antasten, was er denn so sagt zur in der Noris schlecht beleumundeten und darob weitestgehend unsichtbaren Wandbemalung, der Bewohner.

Ein Jahr nach dem initialen Festival entstehen derzeit erneut an mehreren Orten gleichzeitig „Murals“, riesengroße Gemälde, weithin sichtbare Leuchttürme, deren Strahlkraft im besten Fall über die Grenzen der Trabantenstadt hinausreicht. Eine schlechte Zeit für Festivals der Partizipation, der Zusammenkunft und Begegnung – eine gute aber, um mal Zwischenbilanz zu ziehen. „Die Bewohner sind sehr positiv, der ganze Stadtteil nimmt die Wände dankend an“, berichtet Kurator Carlos Lorente beim Spaziergang durchs Quartier. „Die Wände“, das sind gigantische Kunstwerke, angefertigt mit Kränen, Farbdosen und hochprofessionellem Knowhow international wie regional renommierter Künstler, im Alleingang oder Workshops mit den Kids, die „das Angebot zur Partizipation gut und charmant angenommen“ haben so wie auch „die StreetArt-Zentrale in der Ratiborstraße mit ihrem Informations- und Unterhaltungsprogramm als Kultur- und Begegnungsort von großem Nutzen war“ – und sei es nur als Vorlage für künftige Projekte, für die eine solche Anlaufstelle „für Transformationsprozesse und Austausch ein Segen ist.“

Ein Segen auch die Kunst, die jetzt per Augmented-Reality-App fidel von Parkhauswänden grüßt, die triste Kuben verwandelt hat in lustige Riesenradios, die Formen und Farben mischt und wirbelt und hinter den Plattenbauklötzen durchwinken lässt und die immer einen Bezug zum Kontext herzustellen weiß. Manchmal deutlich, manchmal hintersinnig wie das Bild des Münchner Künstlers Rafael Gerlach (SatOne), „einem der wichtigsten abstrakten Graffitimalers weltweit“ (Lorente), der dem wenig berühmten Bach und Namensgeber des Viertels mit Hebebühne und Farbe ein dynamisches, formverspieltes Denkmal setzt. Die Anwohner? Freut’s. Stehen, schauen, staunen. Oder? „Eigentlich schade“, bremst eine ältere Dame ihr Fahrrad ab. Schade? „Na wegen dem Baum!“ sagt sie und meint das satte Grün, das die halbe Hauswand für sich beansprucht und das Gerlachs Bild um die Ecke zwingt. „Kunst im Öffentlichen Raum setzt andere Impulse, schafft neue Bezugs- und Treffpunkte“, so SatOne, „eröffnet den Dialog auch unter Nachbarn, bedarf einer sorgfältigen Kuratierung. Und ich sehe eine hohe Verantwortung, mich mit dem Kontext auseinanderzusetzen und die Komposition entsprechend zu gestalten.“

Auch ein paar hundert Meter weiter wird großmeisterlich komponiert. Ein Riesendürer, fresh interpretiert vom Mannheimer Yannick Czolk, der in digitaler Projektarbeit mit dem Nürnberger Stylescout Sven Küstner eine gigantische Identifikationsfläche geschaffen hat, eine „moderne Fortsetzung Dürers Schaffens, der früher Wände bemalt hat und jetzt selbst gemalt wird.“ Spannend: die farb- und formgewordene intensive Auseinandersetzung der Künstler mit dem Motiv, in dem sich auf drei Ebenen Ortsbezug manifestiert. Ein Suchbild mit Stadtplanung und Stadtplan, während dessen Entstehung die Künstler nicht nur den Dialog anbieten, sondern beobachten: Die Leute entwickeln Stolz und einen guten Draht zum Haus, ein Gebäude der wbg, die sich zum Thema Graffiti stadtuntypisch proaktiv verhält. Ein durchwegs positives Stimmungsbild, das auch Projektleiterin Miriam Fuggenthaler vom Gemeinschafshaus Langwasser zeichnet. Gerechnet habe man mit Skepsis, mit Vorwürfen des Geldverschleuderns, doch „die Resonanz klingt durchwegs positiv nach: endlich macht ihr mal was für uns!“ Malt ihr gemeinsam mit Jugendlichen die Kinderrechte ans Familienzentrum und richtet eine Free Wall ein zum Üben, ein „echter Zugewinn für das Viertel“, so Fuggenthaler, „alle freuen sich, dass es bunter ist, selbst die eingefleischten, älteren Bewohner.“ Denn auch die schauen, Überraschung, lieber auf verschlungene Wimmelbilder und märchenhafte Traumgemälde als auf endlos grau-marode Mauern.

Die jedoch ihren Preis haben: Im Schnitt 10 000 Euro, wie’s weitergeht mit Projekt und Marke „Betonliebe“ hängt also nicht zuletzt von der Finanzierung ab. Und von der erhofften Leuchtturmfunktion. Die Rechnung scheint aufzugehen, zwar mit Trippelschrittchen statt im gestreckten Galopp, aber „es wenden sich bereits erste weitere Kulturläden an uns als Vorreiter in Graffiti-Fragen“, verrät Miriam Fuggenthaler, auch Institutionen, von denen man Interesse an der Kunstform eher nicht erwartet, meldeten ein solches an, und selbst der bislang streng konservierte „Innenstadtbereich zeigt sich zugewandt.“ Jetzt erstmal in Arbeit: eine Komoot-Tour in bewährter Kunstanschlag-Manier. Die Blaupause und Marke „Betonliebe“ polieren. Kunst zulassen und Freiräume schaffen wie den Bauzaun im KKQ, der längst Kulturort geworden ist. „Man kann“, sagt Carlos Lorente, „den Leuten das mittlerweile zumuten.“