Katharina Wasmeier

Freie Journalistin, Autorin, Lektorin, Nürnberg

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Rezension

Plastikeis und Popcornschnee - Egersdörfers Kurzfilmnacht

Melonen und Vampirbadelatschen sausen in Stop-Motion über Leinwand und Jahrzehnte, Buster Keaton die Möbel um die Ohren, May Spils scheitert am Portraitmal und Conny daran, ihr Pony in den Bus zu schieben. Klingt absurd? Nö. Nur nach einem fast ganz normalen Kinoabend. Kuratiert jedoch von Matthias Egersdörfer, stattlicher Kunstkenner und Cineast, nebst Christiane Schleindel, seit nunmehr 30 Jahren Leiterin des Filmhauskinos im Künstlerhaus. Zum zweiten Mal machten die beiden gemeinsame Sache und luden zur Kurzfilmnacht, aus deren Ankündigung man hätte herauslesen können, es würde einzig das filmische Œuvre des Gastgebers selbst gezeigt. Tatsächlich plärrt ein Leinwandegers zwar einmal selbst in gewohnt schriller Grantigkeit einen Zorn übers Lachen ins Publikum hinein, zeigt sich ansonsten aber als höchst friedlicher und wohl informierter Präsentant eines maximal durchmischten Potpourris der „Zeugnisse aus dem digitalen Frühbarock“, die mit der 1920er-Legende Buster Keaton slapstickend und einem schier endlosen Scheitern beim Aufbau des ersten Ikea-Haus-Bausatzes beginnen und hinaufreichen bis ins frisch geschlüpfte 2019, dem der Stop-Motion-Vampir „Theodor“ entohmrollt ist und mit seinem Begehr nach ausgedehntem Mondscheinbad für Verzücken sorgt. Hundert Jahre Filmgeschichte in zehn Clips, mal länger, mal im Nu vorbei, mal witzig, mal verstörend haben Matthias Egersdörfer und Christiane Schleindel herausgepickt. Sie zeigen, was heute möglich ist wie die schier haptische Collage, in die „Der Conny ihr Pony“ des Schweizer Poetry Slammers Gabriel Vetters verbastelt wurde, und einst undenkbar war wie Hans Richters „Vormittagsspuk“, der 1928 in seinem dadaistisch-futuristischen Konstruktivismus vor allem den Nazis unheimlich war. Sie zeigen mit „Fischstäbchen und Milchkännchen in der Antarktis“, wie fürchterlich gut die Filme der Arnold Hau-Gruppe (Satire, aus der später die „Titanic“ hervorging) mit Plastikeis und Popcornschnee auch heut noch funktionieren und anhand der Besen-Romanze, was das Hilpoltsteiner Trio Y-Titty noch bis vor wenigen Jahren zum mit 700 Millionen Videoaufrufen meistabonnierten deutschsprachigen YouTube-Kanal werden ließ – und dass „wer schon mal in Hilpoltstein war verstehen wird, wie es dazu kommen konnte.“ Eine Spitze hier und da, sonst jedoch viel Hintergrund, in dem sich Egersdörfer vornehm hält und mit dem der Besucher vom Gastgeber Stück für Stück versorgt wird, beim historisch Einordnen unterstützt und vor allem auf ganzer Länge überrascht. Kurzweil mit Kurzfilm, und „Wenn’s Ihnen gefallen hat, empfehlen Sie’s weiter. Wenn’s Ihnen nicht gefallen hat, empfehlen Sie’s jemandem, den Sie nicht leiden können.“ Nun denn: Am 20.11. gibt’s die nächste Auflage, am 21.12. eine weitere im Rahmen der Kurzfilmtage. Dann werden Sie schon sehen.