Katharina Wasmeier

Freie Journalistin, Autorin, Lektorin, Nürnberg

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Mäßigung - warum wir uns auf eine alte Tugend besinnen sollten

Aufgeheizt von Sommer zeigte sich dieser Tage ein Autofahrer wenig einverstanden mit dem Verhalten einer Fahrradfahrerin. Er schrie und tobte – über Gebühr, konnte man meinen, und so fand es auch die Dame. Ruhig blickte sie den Zürnenden an und sprach: „Mäßigen Sie sich.“ Doch der Gescholtene tobte weiter, brüllte, wütete. Es schien, als habe er die Aufforderung schlichtweg nicht verstanden – und läge damit vollauf im Geiste einer Zeit, der das Wort „Mäßigung“ so unbekannt zu sein scheint wie dessen Bedeutung. Oder gar, mit welchem Verhalten es einhergehen könnte. Das wäre nicht weiter verwunderlich. Denn wenn „Mäßigung“ so seltsam und altbacken auf der Zunge schmeckt, so liegt es vielleicht daran, dass es einfach niemand mehr benutzen mag. Mäßigung ist out, angestaubt und mit dem Stempel der Spießbürgerlichkeit versehen. Mäßigung bedeutet Einschnitt meiner Freiheit, Entfaltung, Wahlmöglichkeit, und das mag er nicht, der moderne Mensch. Er will kaufen, er will genießen, der will angeboten bekommen, was er nachfragt, und nachfragen, was er angeboten bekommt. Das ist nicht sonderlich modern. „Seit über 2500 Jahren gibt es philosophische Überlegungen über die Suche nach einem rechten Maß als wichtigem Fundament menschlichen Lebensglücks“, schreibt der Heidelberger Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Thomas Vogel in seinem 2018 erschienen Buch „Mäßigung – Was wir von einer alten Tugend lernen können“

Von Konfuzius in China bis Aristoteles in Griechenland war den alten Denkern klar: Der Homo Sapiens kann vieles, doch sich zu zügeln ist keine seiner Stärken. Später findet sich die Mäßigung als Kardinaltugend wieder. Das klingt christlich, Kirche und darob freilich antiquiert. Up to date dagegen ist die Maßlosigkeit – nicht direkt eine Todsünde, wohl aber etwas, was seit jeher mit gelupfter Augenbraue beobachtet wird. Dass eben jene Maßlosigkeit sich heute in allen Bereiche unseres Lebens wiederfindet, ist ein Problem. Einerseits individuell, wie Vogel kategorisiert, denn „die Überflussgesellschaft mit ihren vielen Wahloptionen“ hinterlasse einen „grundsätzlich verunsicherten Menschen“, der hinter jeder getroffenen Entscheidung verpasste, ja: bessere Optionen befürchtet und so dauernd gestresst ist. Je mehr Auswahl ein Laden bietet, umso länger brauche ich. Befindet sich im Regal nur eine Sorte Wein, an der Stange nur ein Kleid, so nehme ich das eben – oder nicht. Doch der Neoliberalismus will es, dass immer neue Produkte entwickelt und sehr erfolgreich Bedürfnisse geweckt werden. Das Ergebnis: Wie in Sucht hechelt der Mensch dem immer neuen hinterher wie der Esel der Karotte, die ihm an einer Angel vor die Nase gehalten wird. Auf dem Esel sitzen Unternehmen und zählen freudig die Millionen.

Das funktioniert nur, weil, so zeigt Vogel auf, wir bereitwillig in Kauf nehmen, dass zur Befriedigung unserer künstlich erzeugten Bedürfnisse andere Völker, Länder, Kontinente ausgebeutet werden. Nicht umsonst hat die UNO 2019 zum „Internationalen Jahr der Mäßigung“ gekürt. Die sogenannte „Externalisierungswirtschaft“, also wir, nimmt wenn dann Anstoß daran, dass Menschen armer Länder in ihrer Not Hilfe suchen – und den Weg zu uns. Das klingt alles ziemlich groß – doch „Mäßigung“ kann, ja: darf auch vorsichtig beginnen. Nämlich mit dem „Maßregeln“. Und das geht ziemlich einfach bei sich selbst. „Es ist völliger Unfug, dass jetzt Jutetaschen so gefeiert werden“, rechnete neulich ein gewitzter Betriebswissenschaftler vor. „Die sind in der Herstellung teurer und ressourcenschädigender als das böse Plastik.“ Das mag stimmen. Doch der Gedanke kann auch anders gehen: Wer stets in Rucksack oder Aktentasche einen Beutel mit sich trägt, muss an der Kasse nicht dauernd einen neuen kaufen. Wer flexibel ist und ein bisschen kochen kann, der muss nicht zusammenbrechen, wenn kurz vor Ladenschluss nicht mehr jedes Produkt im Kühlregal steckt. Wer erkennt, dass nur irgendwer mal angefangen hat zu behaupten, einzig Fernreisen wären gesellschaftlich anerkennungswürdig, der kann wunderbar die Mecklenburgische Seenplatte entdecken – und dabei richtig Ressourcen schonen.

Das freilich erfordert ein Mindestmaß an – schon wieder eine olle Tugend – Disziplin. Und Bildung, denn nur wer kenntnisreich ist, kann sich den Verlockungen widersetzen und selber mäßigen. Das wäre nicht nur global erstrebenswert, sondern auch individuell: „Trotz der nie dagewesenen Produktflut“, schreibt Thomas Vogel, „haben Zufriedenheit und Glück der Menschen in den Industriegesellschaften in den vergangenen vier Jahrzehnten immer mehr abgenommen.“ Na klar: Der Mensch ist immer noch genau so gierig wie zu Zeiten des Konfuzius – nur das Angebot ist unendlich größer. Philosophie, Weltreligionen, neuzeitliche Diskurse finden nicht umsonst seit vielen hundert Jahren, dass „Mäßigung“ ein gleichbleibend topmodernes Thema ist – theoretisch. Wir könnten überlegen, ob es nicht auch ganz praktisch zu realisieren wäre. Gerechtigkeit, Tapferkeit und Klugheit sind ebenso Kardinaltugenden wie die Mäßigung, jedoch weit weniger in Verruf geraten. Lasst uns uns mäßigen! Überlegen, ob es die neuen Schuhe wirklich sein müssen oder die alten vielleicht nur mal geputzt gehören. Statt des billigen Fleisches vielleicht einfach das günstige Saisongemüse. Statt des neusten Smartphones vielleicht einfach eine andere Hülle. Und statt sich gegenseitig auf der Straße anzuschreien und mit ausgefahrenen Ellenbogen durch die Welt zu rennen, vielleicht einfach mal Lächeln und Energie sparen. Mit der kann man denn der Industrie den Mittelfinger zeigen. Völlig maßlos.