Katharina Wasmeier

Freie Journalistin, Autorin, Lektorin, Nürnberg

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Claudia Holzinger: "Rule #1 - Always be sexy"

Sie ist Teller-Schülerin und Teil des unlängst kunstministerial ausgezeichneten Künstlerkollektivs Edel Extra, nominiert für den German Design Award 2019, erforscht als eine Hälfte des Duos HolzingerUrbat zuweilen Schmerzgrenzen und die des guten Geschmacks. Mit ihrer letzten großen Arbeit „"Rule#1: always be sexy!"“ stellt die Nürnberger Designerin und Fotografin Claudia Holzinger Schönheitsideale in Frage – und dabei nur sehr vermeintlich sich selbst in den Mittelpunkt.


Die Nonne im hautengen Habit, die Chinesin im spannenden Kostüm, Soldatin und FBI-Agentin im reizenden Berufsdress – 15 Motive sind es, in denen Claudia Holzinger mit schmerzendem Ernst in eine Rolle schlüpft, die irgendwo anders auf der Welt irgendwer ersonnen hat. Für sie. Für alle Frauen. Die Rolle lautet: Sei sexy! Und das, sagt die 32-Jährige, „ist doch absurd.“ 2010 kam Claudia Holzinger nach Nürnberg. Nach einigen Jahren als TV-Redakteurin bei einer großen Produktionsfirma war die gebürtige Oberbayerin Scripted-Reality-Formate wie Frauentausch leid. „Sowas hat doch keinen Wert für niemanden“, entscheidet sie sich für den bereits eingeschlagenen Weg der Fotografie. Nach der Ausbildung zur Grafik-Designerin geht es weiter in die des Juergen Teller, Fotografie-Ikone und Dozent an der Akademie der Bildenden Künste, lernt das Handwerkszeug, die Kunst und vor allem „von Juergen viel Selbstvertrauen bezüglich meiner Fotografie.“ Die beschäftigt sich zunehmend mit subjektiven Erfahrungen, Körpern und deren Wahrnehmung, Missständen und absurden Beobachtungen – solchen, die sie letztlich zur sexy Serie führen.

Claudia Holzinger, die fast seit Gründung des Edel Extra e. V. 2014 zu den Mitgliedern zählt, wirkt auf den ersten Blick wie die klassische Ulknudel. Blond und blauäugig finden um sie herum und mit ihr dabei zahlreiche Aktionen statt, die irgendwie spaßig wirken. Mit ihrem kreativen Alter Ego Lilly Urbat geht es zum „Männerurlaub“ in tschechische Bierkneipen, gibt es Bilder mit Umschnalldildos und welche mit David Hasselhoff. Alles nur Gaudi? Sicher nicht. „Wann ist ein Mann ein Mann?“ will man ergründen, wie fühlt es sich eigentlich an, als auf eine Schablone reduzierter Mensch alternden Kreuzfahrtgästen zu Diensten zu stehen? „Ich versuche, dem Beobachter den Zugang zu Themen zu erleichtern, Absurditäten sichtbar zu machen, indem ich in Rollen schlüpfe“, sagt Claudia Holzinger. Die – vorläufige – Krönung dieses Schaffens stellt die „sexy“-Reihe dar. Eine Vorarbeit hatte die Fotografin bereits geleistet: „All the girls I could be“ lautet der Titel einer während des Studiums entstandenen Arbeit. Dank Facebook und Instagram ließ sich Lebensverlauf längst vergessener Schulfreunde beobachten – und auch, wie die sich online inszenieren. „Die führen alle ein individuelles Leben, stellen sich dann aber so dar, wie sie meinen, dass es zu ihrer Persönlichkeit passt – und rutschen damit in Stereotype.“ Die identifiziert Holzinger und stellt sie nach. „Das soll kein Makel sein oder eine Anklage, sondern nur eine Form der Kommunikation durch Kleidung.“

Ob im Vogue-Shirt oder Baywatch-Dress ist erstmal egal und wenig besonders. Gar nicht egal, dafür sehr besonders ist, was man sieht: Am Strand klebt Sand im Gesicht, das Haar strähnig am Kopf. Der Bauch ruht rund und zufrieden mitten im Bild. Wie Claudia Holzinger in sich selbst. Kein Modellkörper, kein Zeitschriftengesicht. Keine Makellosigkeit, nichts von dem, was die Gesellschaft – angeblich – unter „Schönheit“ versteht. Oder gefälligst darunter verstehen soll. Dafür ein Mensch, der sagt: „Ich geh überall hin und zeig mich: Das ist mein Körper, und ich fühle mich wohl so.“ Dieses Bewusstsein muss man erst einmal erlangen. „Niemand ist makellos, ohne dafür einen brutalen Aufwand zu betreiben“, weiß auch Claudia Holzinger. „Aber je öfter man sich daran erinnert, dass dieser Kampf sinnlos ist, desto eher geht dieses madige Gefühl weg.“ In ihren Bildern führt die Fotografin deswegen den Anspruch der Gesellschaft an Frauen, oder noch schlimmer: den der Frauen an die Frauen ad absurdum. Die Suche nach einem Faschingskostüm brachte sie auf die Idee. Da nämlich, erkennt sie, „muss alles sexy sein. „Sexy Fuchs, sexy Indianerin, sexy Asiatin, sexy Feuerwehrfrau – ich meine, was soll das denn bitte sein?“ Keine Köchin, sagt sie, arbeitet im hautengen, quasi stofflosen Gewand, keine FBI-Agentin in der pofreien Shorts, „das sind doch ernstzunehmende Berufe – was soll das?“ Auch die Nationalitätenfrage stellt sich schwierig. Weder Spanierin noch Französin, weder Asiatin noch Hawaiianerin „schauen so aus. Das wird runtergebrochen und dann als sexy wieder rausgetragen. Warum, will Claudia Holzinger wissen, „macht man das, woher kommt das, was transportiert man damit?“ Wenn jemand schön sein möchte, wolle sie das keinesfalls anprangern. Wohl aber die Definition von Schönheit, die versteckten Rassismen. „Es gibt Menschen, die sehen mich im Hawaii-Kostüm und sagen: Das kann die doch nicht ernsthaft anziehen und sich dann auch noch ausstellen?“ Claudia Holzinger sagt: „Ich biete meinen Körper als neutrale Projektionsfläche, mit dem ich mich in Rollen begebe.“ Das darf nicht selbstverliebt wirken, sondern bewusst überzogen. Da hängen Bäuche über Gürtel und Brüste verschwinden in Cups, da fährt kein Retusche-Werkzeug über Beindellen und wird kein Knopf vorm Absprengen gerettet, nur eine Schleife verhüllt schüchtern den so natürlichen Körper. Bilder, die kaum jemand so von sich selbst zu sehen, geschweigen denn zu veröffentlichen wagen würde. Der Anblick tut weh. Der Anblick tut so gut.

„Wenn ich genau das gleiche machen würde und aber aussehen wie Heidi Klum, dann hätte das nicht die gleiche Wirkung.“ Die darf gern Gelächter sein. Bewusst drapiert sind die passenden Attribute als Collage um das Modell. Wenn man etwas schaffe, habe man die Verantwortung, durch den Witz erst ein gutes Gefühl und dann den versteckten Inhalt zu vermitteln. „Wenn man den Witz dann aber untersucht und schaut, wie er zustande kommt, dann fällt meistens der Groschen – wenn nicht, ist es auch ok.“ Ob als alternatives Christkind oder als griechische Athletin, als die sie zuletzt stadtweit und in brutal ehrlicher Körperlichkeit zu sehen war, habe sie „freilich mitgekriegt, dass die Leute sagen, dass ich das doch nicht machen kann. Denen sage ich: Seid netter und mehr bei euch selbst statt bei anderen. Das täte allen ganz gut.“ Während Claudia Holzinger der Region ihre schillernde Vorderseite präsentiert, hat die Fotografin der Stadt heimlich den Rücken gekehrt, um „auf Wanderjahre“ zu gehen. In Wien holt sie sich derzeit nicht nur eine kleine Auszeit, sondern auch neue Einflüsse. Im Anschluss geht’s nach Prag, wo dank des eines Stipendiums des Petrohradská Kolektiv gemeinsam mit der nach Berlin ausgewanderten Lilly Urbat weiter am Kreuzfahrt-Erlebnis gearbeitet wird. Dann kommt Claudia Holzinger zurück. Und arbeitet hoffentlich weiter mit Körpern. Ihrem. Und unseren.

 

Claudia-holzinger.de