Katharina Wasmeier

Freie Journalistin, Autorin, Lektorin, Nürnberg

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Eine norddeutsche Hafenschänke geht in Gostenhof vor Anker

Über die Nützelstraße sagte unlängst jemand, hier läge so viel Müll herum, dass man der Entstehung von Erdöl zuschauen könne. "Schön" ist daher vielleicht nicht direkt der richtige Ausdruck für das Ambiente. Aber genau so, sagt Sebastian Köhler, wollte er’s gerne haben.

Für die neue Kneipe, „die Nürnberg verdient hat“ und für die er stolze drei Jahre Anlauf genommen hat. Und jetzt hat Köhler sie endlich: die „Große Freiheit“.

Eine Hafenschänke in bester norddeutscher Manier, mit der er „dem Fränkischen etwas entgegensetzen“ möchte und die nach dem Film „Große Freiheit Nr. 7“ mit Hans Albers benannt ist.

Mit viel Arbeit, Schweiß und Liebe zum Detail zusammengeschustert, lässt einen die Spelunke mit dem leuchtenden Anker direkt mal eben vergessen, wo man sich befindet: mitten in Gostenhof. „Sachen mit Seele und Geschichte“ haben Köhler und sein Kompagnon Jürgen Rehm in die kleine Kneipe verpflanzt, Leute mit Seele und Geschichte mögen bitte gerne folgen.

Die dürfen im mit dunklem Holz vertäfelten Raum, der wundersamerweise wirkt, als stünde er nicht erst eine Woche, sondern ewig und drei Tage in der Nützelstraße, „Proll-Charme, aber in nett“ erleben, sagt Köhler. Dabei ist hier gar nichts prollig, außer vielleicht der Jukebox, vollgepackt mit Seemanns-Songs à la Hans Albers, Punk und „Songs für Erwachsene“, die gegen Münzwurf ausgespuckt werden. Eine ganze Kneipe elf Songs lang in den Wahnsinn treiben? Macht zwei Euro, viel Vergnügen, bloß keine Scheu.

Etwas mehr (2,30 Euro) kostet das „Holsten Edel“, das Bauarbeiterbier in der kleinen Flasche. Die Spezialität des Hauses sind darüber hinaus Aquavit oder Danziger Goldwasser sowie allerlei erlesene Rum-Sorten wie Cuate oder Abuelo oder die Tres Hombres: frisch und fair-trade vom Lastensegler (ab 2,50 Euro).

Auch direkt vom Schiff: die Bullaugen, die vom Segelschiff „Thor Heyerdahl“ abmontiert und in der „Großen Freiheit“ ihrer neuen Bestimmung als Waschbecken und Spiegel der Sandstrand-Toiletten zugeführt wurden.

Über der Tür zum Schankraum wacht der Schwertfisch, aus einer Ecke linst ein Klabautermann, an den Wänden blecken Haifische die Zähne. Eine riesige ausgestopfte Möwe bewacht ganz entspannt das Regal mit nautischer Literatur sowie die Knotentafeln und Reederflaggen – dass der Torpedo an der Decke plötzlich explodiert, steht nicht zu befürchten, der ist nämlich vom Chef selbst gebastelt. Ebenso wie der Kronleuchter aus einem alten Steuerrad, die Galionsfiguren oder tauumwickelten Tische, an denen einschlägige Fisch-Gerichte serviert werden. Und Currywurst.

Ein gutes Karma wünschen sich Köhler und Bar-Chef Paul Felsing, und dass es „nicht dünnlippig“ zugeht hier: „Liegt euch in den Armen und feiert!“ Aye!

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