Katharina Pfannkuch

Mode-, Kultur- und Stil-Redakteurin

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"Food is the new fashion"

Die Marke Lakrids hat nicht nur eine ganz eigene Produkt-Kategorie geschaffen, sondern eine besondere Unternehmens-Kultur. Das ist auch Stefan Zappe zu verdanken. Heute leitet er von Düsseldorf aus das Exportgeschäft mit den weltweit erfolgreichen Kugeln.


Es war Liebe auf den ersten Biss. Zugegeben, für ein Portrait über den Global Export Manager eines Süßwaren-Unternehmens mag das klischeehaft klingen, aber als Stefan Zappe zum ersten Mal eine der kleinen Kugeln aus Lakritz - pardon, Lakrids - kostete, war es um ihn geschehen: „Damals beriet ich ein Start-up aus Dänemark. Zu einem Treffen brachten die Gründer eine Dose Lakrids mit. Ich probierte - und gab die Dose nicht wieder her," erinnert sich der 39-Jährige.

Zappe, damals in der Schmuckbranche tätig, begeisterte die Kombination aus salzig und süß, aus weichem Kern und knackiger Umhüllung: „Mit dem, was ich bis dahin als Lakritz kannte, hatte das nichts zu tun." Genauso fasziniert war er vom Unternehmen selbst. 2007 kochte dessen Gründer Johan Bülow in der Küche seiner Mutter auf der dänischen Insel Bornholm seine ersten Produkte. Statt auf Weizen- oder Kartoffelmehl, in üblichem Lakritz verwendet und so intensiv, dass erst durch Zugabe von Anis das typische Aroma entsteht, setzte Bülow auf geschmacksneutrales Reismehl und schuf damit quasi aus Versehen das erste glutenfreie Lakritz der Welt. Er experimentierte mit Zutaten, umhüllte die schwarzen Kugeln mit Schokolade und verpackte sie in Dosen, schlicht und zugleich edel, ganz im Stil des damals gerade die Design-Welt erobernden Scandi Chic. Lakrids by Bülow war geboren.

Der Erfolg ließ trotz hoher Preise für kleine Portionen (125 Gramm kosten rund 9 Euro) nicht lange auf sich warten. Auch Stefan Zappe, der sich schon immer für Luxus-Nischenprodukte interessierte und vor seiner Zeit in der Schmuckbranche ein eigenes Kosmetik-Unternehmen führte, hatte sich in Lakrids verliebt, wie er selbst sagt. Also schrieb er Bülow über ein soziales Netzwerk an: Ob schon jemand in Deutschland das Produkt verkaufe? Ob er das nicht übernehmen solle? Er sollte. Und wurde nach nicht einmal einem Jahr der erste Vertriebler von Lakrids in Deutschland.

Viereinhalb Jahre ist das jetzt her. Anfangs pendelte Zappe zwischen seiner Heimatstadt Unna, Düsseldorf, Hamburg und Berlin, um Lakrids auf dem deutschen Markt bekannt zu machen. 2015 kamen weitere Vertriebler hinzu, Lakrids eröffnete eigene Shops auf dem Düsseldorfer Carlsplatz, im KaDeWe und im Bikini Berlin, bald brauchte man einen eigenen Customer Support. Also wurde das Deutschland-Geschäft in Düsseldorf gebündelt. „Die Stadt ist ja logistisch ein Traum", findet Zappe, der vor anderthalb Jahren selbst herzog.

Heute ist das von 350 Mitarbeitern in Dänemark produzierte Gourmet-Lakritz von Kopenhagen bis Kapstadt, von Düsseldorf bis Dubai zu haben. Vor allem in Concept- und Department-Stores, die auf Luxusprodukte spezialisiert sind und lieber als Lifestyle- denn als Feinkostprodukt präsentiert: „Der stationäre Modehandel braucht heute Erlebnisse. Genau die schaffen wir, etwa mit permanenten Boutiquen und Pop-Up-Stores in Eingangsbereichen, begleitet von Mitarbeitern, die die Story zum Produkt erlebbar machen." Die enge Beziehung zwischen Lakrids und der Lifestylewelt begann im Sommer 2015 auf der Berliner Fashion Week. Die zieht ein Publikum an, das sich bewusst ernährt und bewusst genießt. So wie Zappe, unübersehbar selbst ein Ästhet. „New Fashion" - und nachhaltig, so seine Überzeugung.

Im Unternehmen helfe ihm seine langjährige Erfahrung im Beauty-Bereich. Denn auch dort drehe sich alles um die Marke, werden einzelne Produkte immer als Teil eines großen Ganzen präsentiert. Bisher auf klassische Feinkost spezialisierte Vertriebler müssen also umdenken. Dabei hilft Zappe. Mit Schulungen, Gesprächen und Interesse am Gegenüber. Alle Mitarbeiter sollen verstehen, was sie anbieten - und warum sich Dinge ändern. 2016 verkaufte Johan Bülow den Großteil seiner Anteile an die schwedische Investmentgesellschaft Valedo Partners. Offizielle Angaben über den Preis gibt es nicht, das dänische Magazin Finans nannte rund 63 Millionen Euro. Der Verkauf sorgte für viele Veränderungen. Die wecken oft Angst unter Mitarbeitern. Nicht so im zuletzt 40-köpfigen Team von Zappe. „Wir haben ganz bewusst die Start-up-Kultur der Anfänge beibehalten, weil sie uns offen und beweglich macht." Auch deshalb bedeute der anstehende Umzug vom aktuellen Büro in der ehemaligen Ulanen-Kaserne in Derendorf in den neuen Bürokomplex „The Beach" im Medienhafen eher Aufbruch als Abschied.

Als Führungskraft ist er Autodidakt. Einer, der offensichtlich gerne dazulernt. Begeistert erzählt Zappe von Seminaren, die er gerade besucht hat, von Impulsvorträgen, Buchempfehlungen und seiner Mentorin, die ihn coacht. Lange habe es gedauert, bis er seine Maxime, nämlich keine Erwartungen zu haben, wirklich verinnerlicht habe. „So entgeht man Enttäuschungen und bleibt offen." Nur eines erwarte er: den Willen, sich weiterzuentwickeln. Und geht selbst mit gutem Beispiel voran: Seit Februar ist er Global Export Manager und möchte vor allem mit externen Handelsagenten oder Distributeuren zusammenarbeiten. „Da muss ich Leute motivieren, die sich eigentlich nicht von mir motivieren lassen müssen," fasst Zappe seine neue Aufgabe zusammen. Die Herausforderung ist ganz nach seinem Geschmack: „Ich liebe meine Arbeit. Es darf gerne alles so bleiben, wie es ist. Eben ständig voller Veränderungen." *

Gründung: 2007 Gründer: Johan Bülow Ort: Bornholm, Dänemark 2008 erste eigene Fabrik in Taastrup, Dänemark. 2009 erstes Lakritz mit Schokolade umhüllt. Zentrale: in Kopenhagen, Dänemark Deutschland-Zentrale: in Düsseldorf Mitarbeiter: in Dänemark 350 (saisonabhängig) in Deutschland ca. 40 2016: Verkauf einer Mehrheit der Firmanteile an den schwedischen Investor Valedo.

Autorin: Katharina Pfannkuch

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