Katharina Pfannkuch

Freie Journalistin, Referentin/Moderatorin

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Hutmacherkunst: Reine Kopfsache

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"Ich habe einfach kein Hutgesicht." Diesen Satz hört Matthias Lueb mindestens zehnmal in der Woche. Und fast jedes Mal beweist der 37-Jährige den Zweiflern das Gegenteil. "Jeder Mensch hat ein Hutgesicht - man muss nur die jeweils richtige Kopfbedeckung finden", ist Lueb überzeugt. Meist genügen ein Blick auf besagten Kopf und ein zielsicherer Griff in eines der Regale seines Geschäfts am Rande der Bielefelder Altstadt, um ein überraschtes Lächeln in das eben noch skeptische Gesicht zu zaubern. Auch Lueb selbst freut sich noch immer, wenn er mit seinem Gespür richtig liegt.

Der Hutmacher - unter diesem Namen ist sein Geschäft fünf Jahre nach dessen Eröffnung Kunden von Bayreuth bis Fehmarn bekannt. Fedora-Hüte und Melonen, Basken- und Schiebermützen, Fascinator und handgeflochtene Panamahüte: Lueb verkauft in seinem hellen, in einem Mix aus Retro- und Scandi-Stil eingerichteten Laden alles, was man auf dem Kopf tragen kann, fertigt individuelle Entwürfe an und repariert alte Erbstücke. Der groß gewachsene Gründer und Geschäftsführer mit tätowierten Armen und Nasenring hat nicht nur seinen Laden nach dem traditionsreichen Handwerk benannt, er ist gelernter Hutmacher.

Ganz korrekt laute seine Berufsbezeichnung Modist, erklärt Lueb: "Früher unterschied man zwischen Hutmachern, Putzmachern und Kappenmachern." Die Hutmacher zogen den Filz über die Holzformen, die Kappenmacher vernähten die Kappen und die Putzmacher nähten schließlich die Futterbänder ein und versahen die Hüte mit Garnituren. Heute fallen alle diese Aufgaben unter die Arbeit des Modisten, ein langsam aussterbender Beruf: 2016 gab es laut dem Bundesinstitut für Berufsbildung noch 36 Auszubildende in Deutschland.

Dabei hat das so traditionsreiche Handwerk durchaus Glamour-Potenzial: Coco Chanel war Hutdesignerin, bevor sie die Modewelt revolutionierte. Bill Cunningham, der Erfinder der Streetstyle-Fotografie, versorgte die New Yorker Mode-und Kunstszene als Hutmacher mit extravaganten Kopfbedeckungen, bevor er für die "New York Times" unermüdlich Looks aus dem echten Leben dokumentierte. Und Philip Treacy, der wohl bekannteste Hutmacher der Welt, entwirft nicht nur für Lady Gaga und Madonna, sondern auch für königliche Häupter und arbeitet mit Labels wie Valentino, Chanel und Alexander McQueen zusammen.

Schlosser und Hutmacher

Vorbilder wie diese waren es nicht, die Matthias Lueb in das Metier zogen. Er habe mit seinen Händen arbeiten wollen, erzählt er. Also machte er mit 16 in seiner Heimatstadt Bocholt eine Lehre zum Schlosser. Nach einem kurzen Umweg über die Alten- und Krankenpflege riet ihm ein Berufscoach dann, Modist zu werden. "Viele Menschen sind überrascht und meinen, Schlosser und Hutmacher, das passe ja gar nicht zueinander", sagt Lueb lachend. "Ich sehe das anders. Für beide Berufe braucht man einen Blick für Formen und ein Gefühl für die Materialien, mit denen man arbeitet."

In seiner Werkstatt, die durch eine Wand mit Fenster vom Rest des Ladens getrennt ist, liegen die Materialien, aus denen er Hüte herstellt. Eine Hutkappe aus verfilztem Kaninchenhaar in sattem Grün zum Beispiel. Viele Hüte werden aus Wolle hergestellt, Modelle aus Haarfilz seien weicher und zugleich robuster, so Lueb. Steht fest, welche Form ein Hut haben soll - etwa ein Fedora oder doch lieber ein Bowler, auch bekannt als Melone -, wird der Filz mit Dampf auf bis zu 300 Grad erhitzt, über die entsprechende Holzform gezogen und anschließend mit einer Krempe und Garnitur versehen.

Auf der Werkstattbank steht ein bordeauxroter Trilby bereit, eine Maßanfertigung. Der Hut ist fast fertig, nur noch die Garnitur fehlt, zwei breite Bänder in unterschiedlichen Rottönen, eine Idee von Lueb. Anders als sein berühmter Kollege Philip Treacy würde der Bielefelder Hutmacher sich selbst nie als Designer bezeichnen: "Ich bin ein Handwerker mit Sinn für Farben und Formen."

Und er ist Verkäufer. Ein ziemlich erfahrener nach insgesamt zwölf Jahren als Modist und fünf Jahren im eigenen Geschäft. Dort bietet er auch Produkte der Firma Mayser an. Nach einem der berühmtestem Modelle der Allgäuer Traditionsmarke, dem schwarzen Fedora, den Udo Lindenberg seit Jahrzehnten trägt, fragt an diesem Nachmittag ein Kunde im gesetzten Alter. Auch jüngeres Publikum findet immer öfter den Weg zu Matthias Lueb. Manche Trends überraschen selbst ihn: "Baskenmützen waren dieses Jahr extrem gefragt." Und die Melone, ein klassischer Herrenhut, sei bei vor allem bei jungen Frauen beliebt. Sie tragen den Hut, den Patrick Macnee in "Mit Schirm, Charme und Melone" populär machte, zu Tanktop und Jeansjacke auf dem Hinterkopf.

Seit rund sechs Jahren sind Hüte und Kappen wieder auf dem Vormarsch. Justin Timberlake, Pharrell Williams, der 2016 verstorbene Roger Cicero, Models wie Gigi Hadid und Kaia Gerber: Sie alle verhalfen dem, was einst von sozialem Stand und Etikette zeugte, zu einem betont lässigen Comeback. Von den Bühnen und Laufstegen war der Weg in die Accessoire-Ecken großer Modeketten nicht weit. Dort sind Panamahüte und Elbsegler, Fedoras und Baskenmützen für einen Bruchteil der Preise zu haben, die ein Fachgeschäft ansetzt. Dafür gibt es aber meist nur die Kopfbedeckung, und keine Expertise für Kopfweiten, Material und Farbe. Dabei sei es gerade bei Hüten und Co. wichtiger denn je, die Kunden beraten zu können, so Lueb. Manche Kunden kommen vier, fünf Mal zu ihm, bevor sie sich entscheiden. "Da spielt auch die Angst mit, verkleidet auszusehen", weiß er.

Mit der feinen Grenze zwischen Coolness und Kostümierung kennt Lueb sich aus. Während seiner Ausbildung zum Modisten in Witten arbeitete er für die Düsseldorfer und die New Yorker Oper, heute fertigt er hin und wieder fürs Theater Kopfbedeckungen an. Viele Modisten tun das. Dass es das klassische Hutgeschäft allen Trendbewusstseins zum Trotz nicht einfach hat, zeigt der Fall der italienischen Marke Borsalino, zu deren Fans Winston Churchill und Michael Jackson gehörten. Vergangenes Jahr strauchelte Borsalino so sehr, dass ein Schweizer Investor einspringen musste. Lindenberg-Lieferant Mayser verkauft zwar immer noch erfolgreich Hüte, den Großteil des Umsatzes erzielt das Unternehmen aber mit anderen Produkten. Schaumstoff eignet sich nämlich nicht nur als Hutfutter, sondern auch als Material für Trittmatten.

Matthias Lueb kann noch von Hüten leben. Herstellung, Reparatur und Verkauf werfen genug ab. Gerade im Sommer kommen viele Kunden in seinen Laden auf der Suche nach einem Sonnenschutz. Seine Funktion als "kleiner Regenschirm", wie Lueb es nennt, verlor der Hut aber mit der Verbreitung des Automobils. Und die in den Fünfzigerjahren noch unumstößliche Maßgabe, dass man nur mit Kopfbedeckung komplett angezogen sei, brachte spätestens John F. Kennedy ins Wanken, der sich 1961 als erster US-Präsident oben ohne hatte vereidigen lassen. Auch Matthias Lueb greift nur selten zum Hut. Ausgerechnet der Hutmacher bevorzugt Mützen und Kappen. Um die 30 besitze er - aber nur einen Hut, gesteht er lachend. Am mangelnden Hutgesicht liegt das natürlich nicht. Das hat schließlich jeder.

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