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Im Tüllrock zum Protestmarsch

Im Tüllrock zum Protestmarsch

Elemente des klassischen Balletts haben in der Mode längst ihren Platz. Aber passen sie echt zum Frauenbild von heute? FAS, 02. April 2017, Seite 15.

Ein Streichquartett setzt zu Tschaikowskis „Schwanensee“ an, Scheinwerfer tauchen von der Decke hängende Tutus und rosafarbene Ballettschuhe in strahlendes Licht, Tänzerinnen erscheinen in schwarzen Tüllröcken. Anmutig heben sie die Arme zur Arabesque und schweben auf Spitzenschuhen über die Bühne – pardon, über den Laufsteg. Denn statt einer Ballett-Inszenierung erwartete das Berliner Publikum nach diesem Auftakt im Januar die neue Kollektion von Marc Cain.

Unter dem Titel „Ballet Magnifique“ schickte das schwäbische Label am ersten Tag der Fashion Week zunächst Ballerinen in T-Shirts mit dem Aufdruck „Don’t Walk. Dance“ auf den Laufsteg. Die anschließend auftretenden Models verzichteten dann zwar auf Pirouetten und Chassées, schritten aber umso eleganter in Tüllröcken und Kaschmirpullovern in Rosé- und Nudetönen am Publikum vorbei.
Auch Edited setzt in diesem Frühjahr ganz auf Ballett. Am Rande der Modewoche lud der Hamburger Onlineshop zur Präsentation seiner hauseigenen „Urban Ballerina“-Kollektion in ein Berliner Tanzstudio und zeigte dort hauchdünne Wickeljacken und Tops aus schimmerndem Samt, von Spitzenschuhen inspirierte Schleifen an Pullovern, Taschen und Schuhen und natürlich Röcke aus blassrosa Tüll.

Zwei Beispiele, die zeigen: Unaufhaltsam erobert alles, was an die Trainingsgarderobe einer Primaballerina erinnert, die Laufstege der Luxuslabels und wandert von dort direkt in die Filialen großer Modeketten. Das alles wirkt sehr rosa, sehr fragil, sehr sanft. Ballett ist eine wortlose Kunst, Revolution ist ihre Sache nicht. Sie unterliegt eiserner Disziplin, strengen Hierarchien und noch strengeren Regeln. Dass ein Metier, dessen vornehmlich weiblicher Nachwuchs etwa an der Pariser Oper als „kleine Ratten“ bezeichnet wird, gerade jetzt als modische Inspirationsquelle wiederbelebt wird, überrascht.

Schließlich propagiert derzeit ein anderes Modephänomen das genaue Gegenteil der schweig- und folgsamen Elevin: Maria Grazia Chiuri, seit vergangenem Herbst die erste Frau an der kreativen Spitze bei Dior, rief bei ihrem Pariser Debut im September nicht nur zur „Dio(r)evolution“ auf, sondern ließ auch die Worte „We should all be feminists“ auf T-Shirts drucken. Der Titel eines Essays der Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie bescherte Dior einen triumphalen Erfolg. Bloggerinnen tragen das T-Shirt ebenso stolz wie Popsirene Rihanna und die Schauspielerin Nathalie Portman, die darin im Januar auf dem Frauen-Marsch in Los Angeles eine flammende Rede hielt. Unzählige Nachahmer bringen ähnliche Shirts auf den Markt. Ihre Botschaft: Feminismus ist cool, er darf glitzern und vor allem laut sein.

Zu diesem Frauenbild will die zarte Ballerina, die eben nicht ihre Stimme erhebt, sondern alles mit ihrem – natürlich ganz bestimmten Maßen entsprechenden – Körper ausdrückt, nicht recht passen. Zumindest auf den ersten Blick. Wer selbigen von den plakativen Dior-Slogans löst und über den Rest von Chiuris erster Kollektion schweifen lässt, entdeckt nämlich ausgerechnet dort Tüllröcke und Frisuren, die ziemlich stark an jene von Ballerinen erinnern.

Kein Wunder: Bevor Chiuri bei Dior übernahm, war sie Chefdesignerin bei Valentino und trat genau da 2015 den aktuellen Ballett-Trend los. Streng gebundene Dutts zu pastellfarbenen Chiffonkleidern und der für Tänzerinnen abseits der Bühne so typische Lagenlook aus hautengen Trikots und samtenen Trägershirts sorgten damals für Begeisterung: „Selbst Degas würde erblassen“, urteilte die US-Vogue.

Seit Edgar Degas im 19. Jahrhundert die Tänzerinnen der Pariser Oper in Gemälden und Skulpturen verewigte, hat sich mehr verändert, als die so klassisch und zeitlos anmutende Oberfläche der Ballettwelt vermuten lässt. Die ist oft zartes Rosa getaucht, eine Farbe, die lange als mädchenhaft, kitschig und alles andere als für emanzipierte Frauen geeignet galt. Spätestens aber, seit die „body positive“-Bewegung die Farbe zu der ihren erkor und Hillary Clinton in rosafarbenen Hosenanzügen um die US-Präsidentschaft kämpfte, bedienen sich sowohl Feministinnen als auch Unternehmen wieder nach Herzenslust an der Palette von zartem Nude bis zu knalligem Pink.

Auch mit der Wortlosigkeit der anmutigen, immer ein bisschen entrückt wirkenden Wesen auf der Bühne ist es vorbei. Als das Ensemble des Berliner Staatsballetts im vergangenen September erfuhr, dass die Choreographin Sasha Waltz seine neue Co-Intendantin werden solle, begehrten die Tänzerinnen und Tänzer auf und verfassten eine Petition gegen die Personalie, die sie weniger als künstlerische denn als politische Entscheidung auffassten. Das war sogar der New York Times einen Bericht wert.

Vor allem Tänzerinnen erobern sich jenseits von Ballettsaal und Bühne neue Plattformen: 2010 startete der Fotograf Dane Shitagi das „Ballerina Project“, das Mitglieder großer Kompagnien in Alltagskleidern mitten in den Straßen von New York, auf Feuerleitern und im Central Park zeigt. Mittlerweile gibt es weltweit Ableger, sogar die ägyptische Hauptstadt wird im viel beachteten Projekt „Ballerinas of Cairo“ zur improvisierten Bühne für klassischen Tanz, der sich gegen die Rauheit der Metropole auflehnt.
Ihre Grands Jetés zu perfektionieren, reicht vielen Tänzerinnen nicht mehr. Die 14-jährige Stephanie Kurlow aus Australien machte 2016 als erste Ballerina mit Kopftuch auf sich aufmerksam. Marie-Agnès Gillot, Solistin an der Pariser Oper, modelte schon vor zwei Jahren für das amerikanische Lifestyle-Unternehmen Anthropology. Die Kombination aus Anmut und Stärke kommt an: Zahllose vom Ballett-Training inspirierte Workouts verheißen den perfekten Körper.

Auch die viel beschworene „diversity“ ist endlich in der Tanzwelt angekommen. Jahrhunderte lang waren schwarze Solistinnen wie Misty Copeland, seit 2007 Primaballerina American Ballet Theatre, die große Ausnahme. In sozialen Netzwerken wie Instagram spricht sich nun der Nachwuchs mit Mottos wie „Brown Girls Do Ballet“ gegenseitig Mut zu.

Als Christian Louboutin im Frühjahr 2016 diese neue Dynamik in seiner „Nude Collection“ aufgriff und für wirklich jeden Haut-Ton den passenden Schuh schuf, wurde er dafür bejubelt. Als revolutionär bezeichnete der britische Telegraph die Kollektion aus hellbeigen, mokka- und karamellfarbenen, dunkelbraunen und schwarzen Schuhen. In seiner Kampagne bildete Louboutin dann nicht nur das ganze Spektrum ab, das sich hinter dem Begriff „Nude“ verbergen kann, er zeigte die Kollektion auch noch an Models in jeweils exakt auf den Farbton von Haut und Schuhen abgestimmten Ballett-Trikots und Tüllröcken.

Damit öffnete der Schuhdesigner ein neues Kapitel in der langen Liebesgeschichte zwischen Mode und Ballett. Seit 1910 schöpfte der französische Couturier Paul Poiret Inspiration aus den Kostümen der Ballets Russes, Coco Chanel kreierte 1924 für deren Stück „Le Train Bleu“ an Badeanzüge erinnernde Kostüme. Karl Lagerfeld folgte ihrem Beispiel und entwarf 1997 zum ersten Mal für die Ballets de Monte Carlo; es folgten Aufträge für das English National Ballet und das Ensemble der Pariser Oper. Gerade erst waren seine Kostüme in der Inszenierung des Berliner Staatsballetts von Jean-Christophe Maillots „Altro Canto“ zu sehen. Zur der Zeit saß auch Christian Lacroix über einer Reihe von Kostümen - für doe Tänzer von George Balanchines "Ein Sommernachtstraum" an der Pariser Opéra Bastille.

Keine Ballett-Kompagnie aber treibt die Symbiose aus Tanz und Mode so auf die Spitze wie das New York City Ballet. Azzedine Alaïa, Valentino und Stella McCartney gehören zu den illustren Kostümschneidern des 1948 von George Balanchine gegründeten Ensembles. Seit 2012 wird auf der jährlichen Gala des Balletts um Finanzspritzen geworben – und ein glamouröses Stelldichein der Mode-, Tanz- und Medienszene gefeiert. Gerade erst schloss die Kompagnie eine Partnerschaft mit Puma. Das deutsche Unternehmen stattet nicht nur die Mitglieder mit Trainingskleidung aus, sondern lässt sie auch für seine von Ballettschuhen inspirierte „Puma Swan Pack Collection“ modeln. Ein äußerst lukrativer Pas de deux.

Der Trend funktioniert auch deshalb so gut, weil zumindest bei der weiblichen Zielgruppe eine gehörige Portion Nostalgie im Spiel ist. Wer nicht selbst als Kind im Ballettsaal an Pirouetten und komplizierten Schrittfolgen verzweifelte, sah in den 1987 Jahren der Heldin der ZDF-Weihnachtsserie „Anna“ und zwei Jahrzehnte später Nathalie Portman im Kino-Erfolg „Black Swan“ dabei zu. Vor allem aber ihre zunehmend sichtbar werdende Individualität lässt Tänzerinnen nun zum Modevorbild werden. Fragil und folgsam war gestern. Und seit Rosa ganz offiziell als cool gilt, können auch alle, deren Maße nicht ganz denen einer Ballerina entsprechen, ganz selbstbewusst in Tüll gehüllt und zu Tschaikowski im Ohr durch den Alltag tänzeln.