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Reportage

Muslimisch, queer und feministisch - Libertine 2015/16

An Allah glauben, Frauen lieben und Feministin sein? Passt das zusammen? Die Rolle der Frau im Islam scheint klar, wenn man sich in den Medien umsieht: Von Unterdrückung und Zwängen ist da meist die Rede. Wir haben mit drei Frauen gesprochen, die einen etwas anderen Blickwinkel zeigen.

Sie: Eine Powerfrau um die 40, Chefin eines international operierenden Handelskonzerns, eine der erfolgreichsten Unternehmerinnen ihrer Zeit, alleinerziehende Mutter, nach zwei Ehen wieder begehrte Junggesellin. Er: Ein 25-jähriger Angestellter ihrer Firma, zuständig für die Logistik, noch ganz am Anfang seiner Karriere, ledig, unerfahren. Sie beobachtet ihn bei der Arbeit, er gefällt ihr, sie kommen einander näher. Schließlich macht sie ihm einen Antrag, er sagt ja, die beiden heiraten. Mit ihren Kindern aus den vorherigen Ehen und den neuen Geschwistern entsteht eine große Patchworkfamilie. 25 Jahre hält die Liebe zwischen dem ungleichen Paar. Dann lässt sie ihn mit 50 Jahren als Witwer zurück.

Sie, das ist Khadija bint Khuwaylid. Von Mekka bis nach Damaskus war sie im siebten Jahrhundert als knallharte Geschäftsfrau bekannt, handelte mit Möbeln und Seide. Auf der von Männern dominierten arabischen Halbinsel fegte Khadija jede gläserne Decke beiseite. Er hat den klangvollen Namen Muhammad Abu al-Qasim Muhammad ibn ʿAbd Allah ibn ʿAbd al-Muttalib ibn Hashim. Khadija verliebte sich in ihn, lange bevor die ganze Welt ihn nur unter seinem Vornamen kennen sollte: Muhammad, der Prophet des Islam, Begründer der heute mit 1,6 Milliarden Anhängern zweitgrößten Religion der Welt. Einer Religion, der oft nachgesagt wird, Frauen zu unterdrücken. Von seiner Ehe mit Khadija, einer der emanzipiertesten Frauen seiner Zeit, ist nur selten die Rede.

„Die Geschichte von Khadija stellt so ziemlich alle Klischees, die es über muslimische Gesellschaften und die Rolle der Frau im Islam gibt, auf den Kopf“, sagt Lisa Osmann begeistert. Für die 24-Jährige zeigt das Beispiel von Khadija, die als erste Muslima, aber auch als erste muslimische Feministin in die Geschichte einging, wie viel Halbwissen über den Islam herrscht – gerade, wenn es um Frauen geht: „Ich lese aus dem Koran heraus, dass Mann und Frau gleichwertig sind.“ Schon Muhammad habe gesagt, dass derjenige der beste Muslim sei, der seine Frau am besten behandle. Doch wie kommt der Islam dann zu seinem so schlechten Ruf in Sachen Frauenrechte und Gleichberechtigung?

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