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Powerlifter Dominik: „Mir fehlt morgens ein Grund aufzustehen“

| 24. Januar 2021, 17:09 Uhr

Im Lockdown fürs Powerlifting trainieren? Ein Ding der Unmöglichkeit, sagt der 28-jährige Berliner Dominik. Er ist einer von vielen jungen Athlet*innen, denen der aktuelle Corona-Lockdown sehr zusetzt. FITBOOK hat er erzählt, wie sich der Sportverzicht auf seine mentale Gesundheit auswirkt.

„Vor der Corona-Pandemie habe ich sechsmal die Woche für mindestens zwei Stunden trainiert. Diese Routine halte ich seit meinem 14. Lebensjahr ein. Für mich gibt es wenig Gründe, dieser selbstauferlegten Pflicht nicht nachzukommen. Gebrochene Knochen oder eine mittelschwere Lebensmittelvergiftung gehören nicht dazu. Nur bei besonders schweren Verletzungen habe ich in der Vergangenheit eine Pause eingelegt - und dann meistens viel zu kurz. Das viele Trainieren fühlte sich natürlich an, wie Zähneputzen am Morgen. Ich kann mir keinen anderen Lebensstil vorstellen. Denn ich nutze meine Zeit gerne, um mich in dem, was ich liebe und was mich erfüllt, zu verbessern. Das Powerlifting hat einen großen Teil meiner Identität geformt. Vieles von dem, was mich ausmacht, habe ich durch diesen Sport gelernt.

Was ist Powerlifting? Powerlifting (oder Kraftdreikampf) ist eine Wettkampfsportart des Kraftsports und setzt sich aus den drei Disziplinen Kniebeugen, Bankdrücken und Kreuzheben zusammen.

Kinderspielplatz statt Fitnessstudio

Das Powerlifting so auszuführen wie davor, ist unmöglich. Mir fehlen die nötigen Hanteln und Gewichte. Durch die aktuellen Maßnahmen gibt es keinen legalen Weg, sinnvoll zu trainieren. In Berlin gibt es mittlerweile eine Underground-Fitnessszene und illegale Gyms: Eine Stunde in solchen Studios kostet 20 bis 25 Euro. Ein utopischer Preis für mein Work-out-Pensum. Bekannte von mir trainieren nachts illegal in einem Jugendzentrum, für das sie sich Schlüssel nachgemacht haben. Es gibt auch ein paar Leute, die sich das nötige Equipment für zu Hause bestellt haben. Aber das ist mit mehreren Tausend Euro Kosten und massiven Platzaufwand verbunden. Schließlich trainieren wir nicht mit 5-Kilogramm-Hanteln, sondern mit Gewichten, die zwischen 100 und 200 Kilogramm wiegen. Ich persönlich trainiere so oft wie möglich mit einigen Freunden auf einem Kinderspielplatz.

Dafür benutzen wir Seile aus dem Baumarkt, Steine, die wir von Baustellen geklaut haben, und unser eigenes Körpergewicht. Spaß macht es nicht. Wenn der Regen einem bei Minusgraden ins Gesicht peitscht, fühlt man sich wie in einem schlechten Teil der „Rocky"-Filme. Auch interessant: Ist Kreuzheben ohne Schuhe effektiver?

Mentale Gesundheit im Lockdown - Schlafstörungen und Konzentrationsverlust bei Powerlifter Dominik

Bei Kälte und Regen ein paar Klimmzüge im Freien zu machen, macht mich eher depressiv, als das es mich körperlich oder geistig fordert. Das gilt auch für meine Trainingspartner: Wir sind wie eine lustige Bande trauriger Clowns, die die Spielplätze Berlins unsicher macht. Trotzdem versuche ich mich auf das zu konzentrieren, was ich tun kann, statt darüber nachzudenken, was ich nicht kann. Es geht jetzt nur darum, den Schaden, den meine Performance davonträgt, zu minimieren und abzuwarten. Der Gedanke, hoffentlich bald wieder tun zu können, was ich liebe, hält mich gerade am Leben.

„Ich lebe für Kraft und den Kraftsport"

Die Maßnahmen geben mir das Gefühl, in einer aufgezwungenen Hilflosigkeit zu leben. Ich bin hungrig nach Freiheit. Ich will wieder stark und selbstbestimmt leben. Aktuell toleriere ich den Verzicht, aber ich akzeptiere ihn nicht. Darüber nachzudenken, wie lange dieses trostlose Aushalten noch weiter geht, macht mir Angst. Ich lebe für Kraft und den Kraftsport. Und jetzt ist es vielleicht an der Zeit, wahre Kraft zu zeigen und die Schwachen zu schützen. Auch wenn dadurch meine eigene Welt ein wenig in Trümmern liegt." Auch interessant: Wer allein in die Natur geht, kommt mit Coronakrise psychisch besser zurecht

Natürlich ist mein Schicksal nicht das schwerste in so einer Krise. Mich frustriert gerade vor allem die Situation in Flüchtlingslagern. Hier in Deutschland wird davon gesprochen, durch die Corona-Maßnahmen Menschenleben zu retten. Doch die dort aktuell herrschenden Lebensbedingungen zu sehen, macht mich wütend - und dadurch verliere ich auch die Relation zu den mir auferlegten Verzichten.

Wie Sie sehen, ist es keine einfache Situation für einen Powerlifter im Lockdown - nicht nur für sein Krafttraining, sondern speziell in Bezug auf die mentale Gesundheit. Vielleicht gibt Ihnen dieser persönliche Einblick ein bisschen Mut und Inspiration für Ihren eigenen Kampf mit den Lockdown-Restriktionen. Stay strong!
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