Katharina Kugelmeier

Journalistin / Redakteurin / PR / Social Media / Texterin, Grevenbroich

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Ich wollte immer schon Pilotin werden - jetzt hat mein Traumberuf mich unheilbar krank gemacht

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"Ich bin Pilotin" - Wie oft habe ich diesen Satz freudestrahlend gesagt. Heute muss es heißen: "Ich war Pilotin, leider bin ich durch das Fliegen unheilbar erkrankt."

Obwohl ich mittlerweile seit fünf Jahren in keinem Cockpit mehr gesessen, geschweige denn überhaupt in einem Flugzeug geflogen bin, tut es mir nach wie vor im Herzen weh. Abgesehen davon habe ich nach wie vor starke, gesundheitliche Probleme.

Fliegen war mein großer Traum, schon seit ich denken kann. Als Kind habe ich immer davon geträumt, fliegen zu können. Eigentlich habe ich nie erwartet, dass dieser Traum jemals Wirklichkeit werden würde, aber ich habe es geschafft.

Niemals werde ich die vielen Momente vollkommenen Glücks vergessen, hoch über den Wolken, die Erde ganz klein. Sogar die Erdkrümmung habe ich sehen dürfen.

Elf Jahre und eine Woche ist mein erster Flug nun her, in einer kleinen Propellermaschine über dem Chiemsee in Bayern, fünf Jahre und sieben Monate mein letzter, in einem Business-Jet auf 15 Kilometern Höhe von Ibiza nach Hause.

Die Odyssee beginnt

Drei Jahre bin ich beruflich geflogen, bis es mir plötzlich nicht mehr gut ging. Im September 2011 habe ich dann die Notbremse gezogen und aufgehört - bis es mir besser geht.

So dachte ich damals. Für nichts in der Welt hätte ich freiwillig meinen Traum aufgegeben. Doch es kam anders. Kopfschmerzen, Konzentrationsschwäche, Übelkeit, Schlaflosigkeit und Erschöpfung, Darmprobleme und Schmerzen in Muskeln und Nerven. Damit fing es an, deswegen fühlte ich mich nicht mehr fit genug, um Verantwortung im Cockpit zu übernehmen. "Das ist bestimmt der Stress, Burnout und so", lautete die Meinung einiger Ärzte. "Psychosomatisch", so das Urteil von anderen. Doch ich spürte genau, dass es nichts Psychisches war.

Deshalb haben mich diese Aussagen sehr verletzt; sie zermürbten mich regelrecht. Doch trotz Pause und Ruhe ging es mit meiner Gesundheit immer weiter bergab. Das machte aber keinen der Ärzte stutzig.

Wie mich die Luft in Flugzeugen langsam krank gemacht hat

Bis ich zwei Jahre später plötzlich alle Symptome einer akuten Leukämie hatte, quasi über Nacht. Ich weiß gar nicht mehr, bei wie vielen Fachärzten ich gewesen bin - gefunden hat niemand etwas.

Bis ich letztes Jahr nach fünf Jahren Hölle durch eine frühere Kollegin den Tipp bekam, mich an die Uniklinik Göttingen zu wenden. Dort werden in einer Spezialambulanz Menschen untersucht, die durch die Luft in Flugzeugen vergiftet sind. Ich gehöre dazu.

Aktuell sind weit über 400 Menschen in Behandlung. Die Wartelisten sind jedoch lang, denn aus Kapazitätsgründen können seit Januar keine neuen Fälle mehr angenommen werden.

Selbst Piloten und Flugbegleiter wissen zum großen Teil nichts über die Gefahr, der sie sich tagtäglich aussetzen. "Aerotoxisches Syndrom" - so wird diese Form der Erkrankung durch Vergiftung mit Organophosphaten und anderen Stoffen umgangssprachlich genannt.

Manche dieser Stoffe sind in geschlossenen Räumen eigentlich sogar verboten. Die Luftfahrtindustrie und die Airlines versuchen viel, um diese dunkle Seite der Fliegerei totzuschweigen. Nicht selten werden Schweigegelder an Betroffene gezahlt.

Und wer nicht gekauft werden kann, der wird schnell als Verschwörungstheoretiker diffamiert. Oder man veröffentlicht ominöse Kabinenluft-Studien, durchgeführt von einem "Top-Spezialisten", der allerdings keine einzige entsprechende Qualifikation hat, so etwas festzustellen.

Über den Wolken sollte genug Luft sein

Die wenigsten Menschen denken darüber nach, woher die Luft kommt, die sie im Flugzeug einatmen. Gerade über den Wolken sollte ja genug davon da sein. Allerdings ist es da oben mit Minus 40 Grad alles andere als angenehm.

Als schnelle und einfache Lösung, greifen viele Flugzeughersteller (außer beim "Dreamliner", der Boeing 787) zu einem Trick: Sie zapfen die vorgewärmte Luft aus den Triebwerken ab.

In dieser Luft tummeln sich allerdings Rückstände von Kerosin, Enteisungsmitteln, speziellen Schmierstoffen und so einiges andere, was in den Lungen des Menschen nichts zu suchen hat. Mal mehr davon, mal weniger.

Ein einzelner Flug schadet einem Passagier nicht zwangsläufig. Doch es gibt auch sogenannte "Fume Events", bei denen eine besonders hohe und auch meist sicht- oder riechbare Dosis in der Luft ist. Hier kann tatsächlich ein einziger Flug ausreichend sein, um schwere und auch bleibende Schäden hervorzurufen.

Auf einem von insgesamt 1000 Flügen kommen solche Fume Events tatsächlich vor.

Statistisch wäre das bei den deutschen Airlines je einmal täglich. Und fast jeder Vielflieger kennt ihn auch, diesen muffigen, undefinierbaren Geruch nach Käsefüßen oder nassem Hund.

Oder das Gefühl plötzlichen Unwohlseins, Kopfschmerzen oder ein Kratzen im Hals nach oder während eines Fluges. Das Gefühl der Müdigkeit oder des Schwindels. Die Symptome sind unterschiedlich.

Es gibt über 100 verschiedene Symptome

Die Giftstoffe greifen vor allem das menschliche Nervensystem an. So ist es auch bei mir gewesen. Da allerdings annähernd alles in unserem Körper durch Nerven oder Nervenfasern gesteuert wird, kann man das Ausmaß nur erahnen. Der Einschnitt in das Leben ist allerdings massiv. Für die meisten Betroffenen ist der Alltag nicht mehr zu bewerkstelligen. Auswärts essen ist kaum möglich, da viele künstliche Zusatzstoffe mich sofort ausknocken würden.

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Flugreisen? Wenn überhaupt nur mit Atemschutzmaske, denn jede weitere Vergiftung könnte schwerste Folgen haben.

Und ganz ehrlich? Mit 31 Jahren fühle ich mich verdammt noch mal zu jung für eine so schwere Erkrankung. Seit über fünf Jahren leide ich an chronischen Durchfällen, Überempfindlichkeit auf fast alle chemischen Stoffe, starken Migräneschüben, Schmerzen und Taubheit in Armen und Beinen, Herzrhythmusstörungen, Erschöpfung, Schlafproblemen, Sehstörungen, Konzentrationsstörungen, Wortfindungsstörungen, Schwindel, Übelkeit, Luftnot, Blutdruckstörungen und vielem mehr.

Das meiste davon täglich, manches äußert sich in Schüben. Aussicht auf Besserung gibt es kaum, es wird eher schlimmer. Und ich habe noch Glück: Andere können zum Teil nicht mal mehr laufen.

Der Traum bleibt

Und trotz allem - noch immer träume ich vom Fliegen. Noch immer schaue ich in den Himmel und verfolge die Flugzeuge. Und noch immer wünsche ich mir, da oben zu sitzen. Ich habe meinen Beruf geliebt, mehr als alles andere.

Wenn man so viel Geld zahlt, um eine solche Ausbildung zu machen, muss man das wahrscheinlich auch. Bis heute zahle ich immer noch meine damalige Ausbildung ab. Jeden Monat, obwohl ich schon lange keine Einkünfte mehr habe.

Solange der Antrag auf Erwerbsunfähigkeitsrente läuft, bekomme ich auch nichts. Und der läuft, und läuft, und läuft. Denn abgesichert war ich nicht, schließlich hatte ich ja gerade erst begonnen zu fliegen, und kaum etwas verdient.

Und so wie mir geht es vielen. Einige davon kenne ich mittlerweile persönlich. Eine Kollegin hat sogar ein Buch über ihr Schicksal geschrieben. Ihre Geschichte ist meiner sehr ähnlich. Ohne ihr Buch hätte ich damals wahrscheinlich nie den Zusammenhang von meiner Erkrankung zum Fliegen hergestellt. Es könnte so viel Elend von den Betroffenen abgehalten werden, wenn sie früher von dieser Problematik wüssten. Und selbst wenn man das System der Kabinenluft nicht von heute auf morgen flächendeckend ändern kann, so könnte man zumindest über die Gefahren aufklären. Crew und auch Passagiere müssen davon wissen, damit man handeln kann, bevor es zu spät ist. Ende April findet eine Demonstration am Frankfurter Flughafen statt. Organisiert von Betroffenen.

Denn wie auch sie hoffe auch ich, dass dieses schmutzige Geheimnis irgendwann keines mehr ist und die Luftfahrtindustrie zum Handeln gezwungen wird. Damit jeder sicher und in sauberer Luft fliegen kann, vielleicht sogar ich, wenn auch nur als Passagier.

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