Katharina Kugelmeier

Journalistin / Redakteurin / PR / Social Media / Texterin, Grevenbroich

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„Ich bin kein Bedenkenträger“

Christian Springer ist sicher vieles, aber wahrlich kein Bedenkenträger. Als Kabarettist schimpft er über Politik und Gesellschaft, tags drauf putzt er als Orienthelfer bei den am Vortag verspotteten Politikern Klinken – um lebensnotwendige Unterstützung für seine Hilfsorganisation „Orienthelfer e.V.“ zu bekommen. Doch wer ist der Mensch, der sich zwischen den Welten der Bühne und des Kriegselends hin und her bewegt wie das Pendel einer Standuhr?


Seine erste Bühnenluft schnupperte Christian Springer bereits als Kind im Chor der Münchner Oper, dieser kehrte er jedoch recht bald den Rücken, die Bühne allerdings ließ ihn nie mehr los. Seit über dreißig Jahren steht der Fünfzigjährige mittlerweile auf der Bühne, von Jahr zu Jahr erfolgreicher. Seinen Durchbruch hatte er mit seinem Alter Ego „Fonsi“, mit welchem er fünfzehn Jahre erfolgreiches Solo-Kabarett präsentierte. Den Neuschwansteiner Kassenwart mit blauer Uniform, Mütze und Tasche hat er vor einem Jahr in Ruhestand geschickt, seitdem steht er nicht minder erfolgreich als er selbst auf der Bühne.


Ein lauer Sommerabend in Bonn, in einer Stunde wird er hier sein neues Programm präsentieren. Das Foyer des Pantheon ist noch fast menschenleer, nur einige Mitarbeiter sind schon bei den Vorbereitungen, als ein gut gelaunter Christian Springer die Stufen hinunter kommt. Seine Augen sehen müde aus, seine Tage sind lang. Dennoch strahlt er unglaublich viel Energie aus. Woher er diese Energie nimmt? „Ich habe nur sehr wenig Freizeit, aber meine Arbeit ist ja keine Belastung für mich, schließlich habe ich meine Hobbies zum Beruf gemacht“, erklärt er nachdenklich.


Zwischen Applaus und betroffenem Schweigen


Sein aktuelles Programm „Oben ohne“ kommt beim Publikum erwartungsgemäß gut an. Schließlich ist er Profi und weiß, wie man als bayrischer Kabarettist aus München auch nördlich des Weißwurst-Äquators Erfolg hat. Der Saal ist nahezu ausverkauft, das Publikum begeistert. Neben kreativen Lösungen politischer Langzeitdiskussionen, welche das Publikum zu ausgelassenem Lachen bringen, gibt es allerdings auch leise Momente. Vor allem zum Abschluss verzichtet er auf eine laute Zugabe und wird zum ruhigen Aufklärer, der von seiner Arbeit als Orienthelfer und seinen Erlebnissen am Rande des Syrienkrieges berichtet. Wie wichtig dieser Bereich seines Lebens für ihn ist und wie viel Herzblut er tagtäglich in seine Hilfsorganisation steckt, spürt man in jedem einzelnen Wort.


„Endlich mal jemand, der nicht nur oberflächliche Witze reißt“, hört man im Anschluss mehrfach vom Publikum. „Kabarett auf so hohem Niveau findet man leider nicht mehr allzu oft“, ergänzt eine zufriedene Zuschauerin. Viele suchen noch das private Gespräch mit Christian Springer. Für ihn ist es selbstverständlich, sich nicht in seine Garderobe zurück zu ziehen, sondern sowohl in der Pause als auch im Anschluss für Gespräche mit dem Publikum zur Verfügung zu stehen. Mit viel Zeit und Einfühlungsvermögen erzählt er auch hier von seiner Arbeit in den Flüchtlingsregionen und nimmt Spenden für seinen Verein dankend entgegen.


Er schaut unauffällig auf die Uhr. Morgen früh um acht sitzt er bereits wieder im Zug zurück nach München um mittags pünktlich zu einem Termin beim Radio zu sein. Sonntage wie die meisten sie kennen gibt es für ihn nicht. Seine Woche hat oft sieben Arbeitstage, zusammen mit seiner Arbeit für die Orienthelfer hat jeder Tag zu wenige Stunden. „Ich könnte jeden Tag achtundvierzig Stunden nur für den Verein aktiv sein“, erläutert er. „Ich versuche, so oft es eben geht selbst vor Ort zu sein – mindestens einmal im Monat, meist häufiger.“ Dies verlangt ein hohes Maß an Organisation, denn neben der Zeit auf der Bühne und als Orienthelfer ist er auch für Radio, Fernsehen und als Autor tätig. Sogar vor dem Deutschen Bundestag hat er schon gesprochen, als Experte vor dem Ausschuss für Hilfe im Syrienkrieg. Wer sonst ist auch so häufig vor Ort?


Helfen aus Tradition und Sturheit


Füreinander und für andere da sein, wenn Hilfe gebraucht wird, ohne Fragen oder Gegenleistung ein guter Mensch sein. Diese Einstellung lebt Christian Springer ohne Wenn und Aber. Helfen, wenn Hilfe benötigt wird, lernte er schon als Kind von seinen Eltern. Gutes tun ist für ihn ein Selbstverständnis. Sein ständiger Begleiter und Talisman ist darum ein kleines Bild des Münchner Paters Rupert Mayer, welcher für seine unermüdliche caritative Hilfe trotz Verbote und gegen alle Widerstände bekannt war. Auch sein Grab in der Unterkirche des Münchner Bürgersaals besucht Christian Springer wann immer er frei hat und in der Innenstadt unterwegs ist. Oft ist dies nicht, seine freien Tage verbringt er meist im Libanon.


„Ich habe mittlerweile kein Gefühl von Orient mehr, wenn ich ankomme. Beirut ist wie ein zweites zu Hause“, erzählt er. Sogar eine eigene Wohnung hat er privat gemietet, damit keine Übernachtungskosten anfallen, wenn Mitglieder der Orienthelfer in Beirut sind. Und es sind häufig Helfer vor Ort, damit Spenden auch wirklich ankommen, wo sie hin sollen. Auch mit Organisationen im Libanon arbeiten die Orienthelfer zusammen, dies schafft Vertrauen und es entstehen wichtige Kontakte, um überhaupt helfen zu können. Vieles wird nämlich erst in der Region gekauft, da der Transport aus Deutschland durch den Zoll und die Flut an Dokumenten und Papieren für Gegenstände des alltäglichen Bedarfs in keinem Verhältnis steht. „Außerdem kurbeln wir durch den Kauf vor Ort auch die Wirtschaft an, und das ist gut und wichtig“, erklärt er. Doch es fehlen auch viele Dinge, die man nicht einfach kaufen kann.


Feuerwehrautos, Feldküchen, Müllwagen, Kuscheltiere, Krankenwagen – in Syrien und den angrenzenden Flüchtlingsregionen mangelt es an nahezu allem, was in Deutschland selbstverständlich und im Überfluss zu finden ist. Schon mehrfach haben die Orienthelfer Hilfstransporte organisiert und diese so dringend benötigten Dinge in die Krisengebiete gebracht. Am Ball bleiben und immer wieder kommen um zu helfen ist jedoch keine Selbstverständlichkeit. „Oft erzählt man mir, dass Helfer da waren, fragten, was benötigt würde, dann aber nie wieder kamen“, berichtet er. „Doch ich komme immer wieder, schon seit drei Jahren, auch aus Sturheit. Dadurch vertrauen mir die Menschen mittlerweile.“


Nicht nur schimpfen sondern handeln


Während viele Menschen fluchen und jammern, wie schlecht die Welt doch ist, geht Christian Springer mit gutem Beispiel voran. Er schimpft zwar lautstark und professionell auf deutschen Bühnen, was ihn jedoch von vielen unterscheidet ist das Handeln. Angst, bei seinen Reisen sich selbst zu gefährden, hat er keine. Er ist schließlich kein Bedenkenträger und mag diese auch nicht. Auch Bedenken, sich als Kabarettist mit hohen Tieren anzulegen, kennt er nicht. Er trägt sein Herz einfach auf der Zunge. Zu viel nachdenken hat noch niemandem geholfen, wer zu lange überlegt, handelt nicht mehr. Egal, ob er von seinem Leben als Kabarettist oder als Orienthelfer redet, sein Credo bleibt gleich: „Manchmal hilft es, einfach anzufangen!“