4 Abos und 0 Abonnenten
Artikel

Dieser Kieler lebt im Tennis-Museum

Reinhold "Ali" Landt in seinem Tennismuseum in Kiel. Quelle: Sven Janssen

Der 72-Jährige Reinhold "Ali" Landt hat die Tennisszene in Kiel in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten entscheidend geprägt – und besitzt wahrscheinlich eine der größten Tennissammlungen in Deutschland. Wir haben ihn besucht.

Schon vor der Wohnungstür fällt die Liebe zum Tennis auf: Die Fußmatte ist nicht etwa in gewöhnlichem Grau oder Schwarz gehalten, sondern zeigt den Ausschnitt eines Tennisplatzes. In der rechten oberen Ecke der grünen Matte liegt ein Tennisball. "Viele Besucher haben versucht, den Ball mit dem Fuß wegzukicken", erklärt Reinhold „Ali“ Landt lachend. Der Ball sei aber festgeklebt.

Der 72-Jährige hat die Kieler Tennisszene in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten entscheidend geprägt – und besitzt wahrscheinlich eine der größten Tennissammlungen in Deutschland. Im Treppenhaus hängen Turnierplakate mit den Originalunterschriften der Spieler, Zeitungsausschnitte und Tennisreklame – angefangen in den 1920er-Jahren bis hin zu aktuellen Plakaten, wie etwa zum Daviscup 2016 in Berlin. Ein signiertes Foto von Angelique Kerber findet sich auch dort, die Kielerin hat in der TG Düsternbrook ihre Tenniskarriere begonnen.

Spätestens im Flur bleibt man unweigerlich stehen, so viele verschiedene Tennisschätze gibt es zu betrachten. Dort ist etwa ein Schläger von Boris Becker ausgestellt – insgesamt besitzt der gelernte Fernmeldetechniker etwa 1200 Tennisschläger, davon viele historische Schläger, die in der TG Düsternbrook bei Holzschlägerturnieren verwendet werden. Auch einige hochkarätige Auszeichnungen kann Landt vorzeigen: Etwa das 1988 vom Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker an Steffi Graf verliehene „Silberne Lorbeerblatt“, die höchste sportliche Auszeichnung der Bundesrepublik. An den Wänden gibt es historische Fotografien von Turnieren aus den 1920er- und 1930er-Jahren zu sehen.

Es geht aber noch älter: Stolz zeigt Landt eine Zeichnung aus dem Jahr 1894, die Kaiser Wilhelm II. beim Tennisspielen vor dem heutigen Landeshaus zeigt. Das Programmheft von einem Hamburger Turnier aus dem Jahr 1903 war für Landt fast noch ein größerer Sammelerfolg. Schließlich öffnet Reinhold Landt die Tür zum Herzstück seiner Sammlung, dieser Raum ist ausschließlich für Tennis reserviert: Pokale, Balldosen, Holzschläger und sogar ein Tennisbademantel. Begonnen hat dieses Museum mit einem skurrilen Mitbringsel aus dem Portugal-Urlaub Ende der 1980er-Jahre: „Das sind vier Tennis spielende Mönchsfiguren.“

Doch woher kommt Reinhold Landts Leidenschaft für Tennis und die Begeisterung, alles über diesen Sport zu sammeln? Eigentlich wollte er sich nur etwas Taschengeld dazuverdienen, als er in den 1950er-Jahren als Balljunge bei den Tennisplätzen am Forstweg anfing. Landt erinnert sich: „Ich habe etwa 200 Meter vom Forstweg entfernt gewohnt. Und dann guckt man immer. Auf der Anlage spielten die Professoren von der Universität. Erst konnte man 50 Pfennig die Stunde verdienen, dann 60 Pfennig und dann eine Mark. Wenn man jeden Tag nach der Schule seine Freizeit auf dem Tennisplatz verbringt, möchte man selbst auch zum Schläger greifen.“ In den Pausen der Trainer durften die Balljungen „auf dem Platz herumtollen“, wie Landt es nennt. Und so versuchte er, die Tipps der Trainer an ihre Schüler, die er täglich auf dem Platz mitbekam, mit dem Schläger umzusetzen – denn Trainerstunden waren damals für ihn unerschwinglich. Schließlich erfuhr auch die TG Düsternbrook von dem Balljungen und holte ihn zu sich. So kam Reinhold Landt zu seinem heutigen Verein. 1964 wurde Landt als 18-Jähriger Jugendwart der TG Düsternbrook, einige Jahre später dann Sportwart und war schließlich bis 1992 zweiter Vorsitzender des Vereins. 1993 war das wohl einzige tennisfreie Jahr seit Mitte der 1950er: „Ich hab mir eine Pause vom Tennis gegönnt. Aber bald kam der Tennisverband Schleswig-Holstein darauf, dass hier jemand sitzt, der Langeweile hat.“ So gehörte Landt von 1994 bis 2013 als Sportwart dem Vorstand des Tennisverbands Schleswig-Holstein an.

Vor sechs Jahren gab er dann diesen Posten bewusst auf – denn als Sportwart sei man mit zunehmendem Alter irgendwann unglaubwürdig, da man stets den Draht zu den Nachwuchsspielern wahren müsse. Beim Deutschen Tennis Bund war Landt zudem in den Kommissionen für Seniorensport und für Mannschaftswettbewerb und Turniere tätig: „Bis 2013 war ich rund 35 Wochenenden pro Jahr tennismäßig unterwegs.“ Bei dieser Karriere verwundert es auch nicht, dass er seine Frau auf dem Tennisplatz kennengelernt hat – 1962 bei den Bezirksmeisterschaften in Schulensee. „

Jetzt spiele ich eifrig Tennis und beschäftige mich hier,“ sagt Landt und zeigt auf die vollgestellten Regale um ihn herum. Aus einer bewussten Entscheidung heraus ist der Pensionär, der viel bei Ebay erwirbt, nicht auf der Plattform registriert. Über einen Kauf denkt er zwei bis drei Tage nach und gibt die jeweilige Nummer des Objekts dann an Freunde weiter, die den Gegenstand für ihn ersteigern. Durch sein jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement ist er in der deutschen Tenniswelt vielen ein Begriff, weshalb ihm für seine Sammlung sehr viele Gegenstände von Vereinen und auch Privatpersonen angeboten würden.

Zweimal die Woche steht der 72-Jährige auf dem Platz, spielt lieber Einzel als Doppel: „Denn beim Einzel bewegt man sich mehr.“ An Tennis begeistert ihn nach all den Jahren, dass man sich fair bekämpfen und nie wissen könne, „was der Gegner so vorhat.“ Auf die Frage, ob er demnächst anbauen müsse, antwortet er lachend: „Nein, ich müsste aufhören zu sammeln. Aber jeder hat doch irgendeinen Tick.“

Zum Original