Katharina Finke

Journalistin & Sachbuch-Autorin

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Wer reist, sieht mehr

Photo Credit: David Weyand

Unsere Gastautorin Katharina Finke hat ihre Leidenschaft zu reisen zum Beruf gemacht. Als freie Journalistin ist sie viel im Ausland und schätzt die Vielfalt an Kulturen.



„Auf Reisen lernte ich so viele neue Sichtweisen kennen und konnte so meinen Horizont erweitern."

Ich bin schon immer gern unterwegs gewesen und nach meinem Abitur stets weitergezogen. In den vergangenen 15 Jahren habe ich ein Jahr in Bristol, mit Unterbrechungen drei Jahre in Heidelberg, insgesamt ein halbes Jahr in Spanien, zwei Jahre in Hamburg, ein halbes Jahr in München, eineinhalb Jahre - mit Unterbrechungen - in New York, ein dreiviertel Jahr in Lissabon und immer mal wieder in Berlin gelebt. Zudem bin ich nach und durch Argentinien, Australien, Bangladesch, China, Dänemark, Frankreich, Indien, Indonesien, Irland, Island, Israel, Italien, Kanada, Myanmar, Neuseeland, in die Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Schweden, in die Schweiz, Spanien, Thailand, Tschechien, Türkei, Ungarn und Wales gereist. Auf meinen Reisen habe ich viel gelernt. Vor allem eins: dass sie dabei helfen Vorurteile abzubauen.

Schon zur Schulzeit hatte ich es als enorm bereichernd empfunden, viele Freunde mit internationalem Background zu haben. Sie ermöglichten es mir schon früh, Einblicke in unterschiedliche Kulturkreise zu bekommen und offen zu sein. Das motivierte mich zum Reisen. Dabei lernte ich viele neue Sichtweisen kennen und konnte dadurch meinen Horizont erweitern. Ich war so begeistert, dass ich das zu meinem Beruf machen wollte, und berichte seitdem als freie Journalistin von verschiedenen Orten rund um den Globus. Mir wurde klar, dass noch zu viele im Korsett von Vorurteilen gefangen sind, und das wollte und will ich durch meine Arbeit ändern: Menschen dazu inspirieren, offener zu sein und es zu wagen, selbst auf Reisen zu gehen. Denn davon können alle profitieren: da der interkulturelle Austausch Synergieeffekte hat.

Auch Hermann Hesse wollte uns bereits 1941 mit seinem damals verfassten Gedicht „Stufen" ermutigen, Neues zu wagen: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben." Er geht in seiner zweiten Strophe auch auf das Reisen und die damit verbundene Horizonterweiterung ein: „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen. Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen. Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen. Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen." Hesse benennt dabei, was uns am Reisen hindert: Gewohnheiten.

Ohne Gewohnheiten wäre das Gehirn überfordert. Sie erleichtern uns den Alltag und geben uns ein Gerüst, Sicherheit und Stabilität, da wir über grundlegende Verhaltensweisen nicht nachdenken müssen. Doch sie haben auch ihre Kehrseite, das Gehirn wird nicht beansprucht. Wir hören auf, uns zu fragen, ob es nicht eine andere Option gäbe, werden unflexibel und steif. Die Macht der Gewohnheit ist noch stärker, wenn das Umfeld mitspielt und ähnliche Positionen vertritt. Genau aus diesem Prozess entstehen Vorurteile. Es bedarf großer Anstrengung, sie abzulegen, und viel Mut, sich ins Ungewisse zu stürzen. Die Bereitschaft dafür gibt es laut Wissenschaftlern nur in sogenannten teachable moments: Situationen, in denen sich der Kontext ändert, beispielsweise bei Scheidung, Todesfällen oder eben auch beim Reisen.

„Es bedarf großer Anstrengung, Gewohnheiten abzulegen."

Verhaltensforscher sind sich einig, dass es sich lohnt: Wir sind dann wacher, engagierter und kreativer, wenn wir bereit sind, umzudenken und Neues zu erlernen. Auf Reisen geht das besonders gut. Das kann ich nur bestätigen, und ich bin sehr dankbar für alle Erfahrungen, die ich auf meinen Reisen gemacht habe. Sie sind für mich mit das Wichtigste in meinem Leben.

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