1 Abo und 1 Abonnent
Artikel

Frei von Ost und West

1872243 1 articledetailpremium 560da74658a12

Duderstadt/Niedersachsen im November 1989: Das erste Westgeld wird in harte Devisen umgetauscht: Joghurt, Caro-Kaffee, Schokolade für die Kinder. Die Schwester freut es: Konsum macht wohl doch glücklich.

Ich war zwei Jahre alt, als die Mauer fiel. Nun soll ich als Quoten-Ossi hier schreiben. Soll schreiben, wie das so ist mit mir, mit meiner Generation und dem Osten. Geboren 1987 auf dem Sterbebett eines Landes, das nur noch drei Jahre existieren sollte, aufgewachsen in der vereinten Bundesrepublik Deutschland, in einem vereinten Europa. Dieses Kapitel der Zeitgeschichte lässt die Menschen nicht los, so viel ist noch unverstanden und unverarbeitet. Die DDR ist tot, lange lebe die DDR. Und ich? Ich lese Dossiers, „25 Jahre Mauerfall“, „Chronik der Wende“, ich sehe Sondersendungen, Talk-Shows, alles schwankend zwischen Nostalgie und Unrechtsstaatdebatte.


Berührt mich das? Persönlich nicht. Aber es ist die Geschichte meiner Familie, geprägt durch Erziehung und Erzählungen, die man nicht einfach auswischen kann. Der Osten ist ein Teil von mir, den ich nicht greifen kann. Ich höre meine Mutter reden von der ersten Fahrt in den Westen, nach Duderstadt im Herbst 1989. Der erste Einkauf bei Aldi, bei dem ihr „die Augen übergequollen" sind. Was es alles zu kaufen gab: Reihen voller Joghurt! Und Schokolade für uns zwei Kinder. Das alles landete dann im Kofferraum des roten Lada: Westdeutsches Begrüßungsgeld für einen Einkauf bei Aldi.


Für mich ist es eine nette Anekdote, die ich stets mit ungläubigem Kopfschütteln quittiere - nicht anders als bei einem Blick in ein Geschichtsbuch. Meine eigenen Anekdoten reichen nur bis in die Grundschule zurück. Schulsport irgendwann Mitte der 1990er- Jahre. Antreten, in Reihe und Glied, nach Größe geordnet. Vor uns der Sportlehrer, ausgerüstet mit Trillerpfeife und jenen Glanznylon-Sportanzügen, die heute unter der Kategorie „Vintage" teuer verhökert werden. Der Lehrer jedenfalls, tönte vor Beginn jeder Stunde mit herausgestreckter stolzer Brust „wir begrüßen uns mit einem kräftigen Sport . . ." und alle Kinder stimmten ein: „FREI!".


Es ist wohl nur ein Relikt der erfolgreichen DDR-Sportgeschichte in meiner Erinnerung. Neben der Freikörperkultur. Ja, auch ich bin Oben- und -Unten-ohne an der Ostsee aufgewachsen. Aber auch ich schämte mich mit Beginn der Pubertät, nackt am Strand herumzurennen. Das unterschied mich nicht von anderen Pubertierenden auf Sylt oder am Starnberger See. Ja, ich sage Wörter wie Plaste, Kosmonaut oder Broiler, kenne und kaufe Produkte wie Knusperflocken oder Spreewaldgurken. Nostalgiker bin ich deswegen nicht. Es ist meine Heimat, die sich nur von den Trachtenträgern in Oberbayern oder den karnevalesken Kölnern in den Regionalismen unterscheidet, die Deutschland bunt machen.


So blicke ich auch nicht jährlich am 3. Oktober voller Weh- oder eben Unmut auf eine Zeit zurück, in der man zwischen Vollbeschäftigung und Stasi-Spionage, Kindergärten und Warten auf einen Trabi lebte. Ich bin keine Heldin der Arbeit. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, sowohl als Kind der Demokratie, als auch des Kapitalismus - obwohl ich Letzteres nicht sein möchte. Frei ist in Deutschland derjenige, der das nötige Geld hat. Vielleicht ist das die Hinterlassenschaft sozialistischer Erziehung in mir, wahrscheinlich aber nur der generationsübergreifende Drang, gegen die eigenen Eltern zu rebellieren.

Denn das unterscheidet mich von der Generation meiner Eltern: der Lebensstandard, ihr Wunsch nach materieller Sicherheit und Status - Auto, Eigenheim, Konsum. Der Wunsch nach etwas, das ihnen 40 Jahre verwehrt worden war. Materielle Dinge, die etwas kompensieren sollen, das mit der Wende verloren gegangen ist: Identität und Zugehörigkeitsgefühl. Stattdessen wurden ihnen Begrüßungsgeld und Bananen serviert, Arbeitslosigkeit, Zukunftsängste und offenen Rechtsextremismus gab es als Beilage gratis dazu.


Ich habe meine Identität nicht mit dem Beitritt der DDR im Oktober 1990 verloren. Ich bin in einer Aufbruchsstimmung aufgewachsen, in einem Antagonismus zwischen Love Parade und Terroranschlägen, Casting-Shows und Globalisierungskrisen. Alles bewegt sich, ist schnelllebig und vergänglich, nichts ist sicher, mein Arbeitsplatz am allerwenigsten. In West- wie in Ostdeutschland.


Soziologen würden in mir wohl ein Exempel der „Generation Y" sehen. Die Generation, die zwischen 1980 und 1995 geboren wurde, die Sinn und Selbstverwirklichung in ihrer Arbeit sucht, Gleichberechtigung fordert und Unabhängigkeit will. Meine Generation der Ostdeutschen, die letzten, auf deren Geburtsurkunde Hammer und Zirkel gestempelt sind, trägt zu dieser von Soziologen gemachten Kategorisierung bei.

Denn sie treibt der Drang nach Freiheit besonders an, das ist das Erbe ihrer DDR-Eltern. Sie kosten eine Freiheit aus, die erstritten wurde von denen, die auch hinter der Mauer geboren wurden. Ich meine nicht nur die Reisefreiheit. Es ist ein unbedingter Freiheitswille, die Option, alles und nichts tun zu können: Work and Travel in Australien, Auslandssemester in Kanada, Freiwilliges Soziales Jahr oder unzählige unterbezahlte Praktika. Wahllose Grenzenlosigkeit, die von den Eltern unterstützt wird, denen das alles nicht vergönnt war.

Trotzdem: Denk- und Arbeitsweisen, politische Ansichten oder der Lebensstandard, das sind heute nicht mehr Merkmale einer geografischen Trennung, sondern einer Auslese durch soziale Herkunft und ethnische Zugehörigkeit. Alles andere ist nur noch eine imaginäre Grenze in den Köpfen der Alten, die mit ihnen aussterben wird.


So bin ich Teil einer gesamtdeutschen Generation, und nicht eines Landes, das nur noch in der Erinnerung existiert. Ja, ich bin in Ostdeutschland geboren, geografisch gesehen. Aber ich bin keine Ostdeutsche, schon gar kein Ossi. Der Begriff ist negativ besetzt, wird ganzen Generationen zugeschrieben, die im eigenen Land eingesperrt waren, die nichts Fremdes kannten, nur die Fremdbestimmung durch den Einheitsstaat. Ich bin kein Ossi, der auf „den Westen" und „die Asylanten" schimpft.


Natürlich, zwei Diktaturen im 20. Jahrhunderts haben ihre Spuren in den Köpfen hinterlassen: Die eine Diktatur, die Andersartiges zerstörte, die andere, die Fremdes aussperrte. Von dieser Einteilung in Ost und West bin ich befreit. Ich bin froh, nicht in der DDR aufgewachsen zu sein, froh über eine Mauer weniger auf dieser Welt.


Zum Original