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Analphabeten in Hamburg: Unfrei und im Dauerstress

Allein in Hamburg leben 200.000 Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können. Die meisten haben Angst, das zuzugeben und erleben einen Alltag voller Stress.

Solveig Klockmann aus Hamburg lebte lange in eine Parallelwelt - einer Welt ohne Lesen und Schreiben. Mit 25 Jahren las sie ihr erstes komplettes Buch. Ein Kinderbuch, eine Geschichte über einen sechsjährigen autistischen Jungen, der nicht spricht und mithilfe eines Delfins lernt, sich mit seiner Umwelt zu verständigen. Auch Solveig, heute 29, konnte sich lange Zeit nicht richtig verständigen. Sie ist funktionale Analphabetin, das heißt, sie kann zwar einzelne, kurze Sätze lesen und schreiben, zusammenhängende jedoch nicht.

Begonnen hat alles in der Grundschule. Ihre Eltern arbeiteten viel, hatten einen eigenen Betrieb. Zu Hause standen zwar Regale voller Bücher, aber fürs Lesen, für die Schule allgemein interessierte sich Solveig wenig. Wenn sie heute über diese Zeit sprich, wirkt sie schüchtern, sie versteckt ihr Gesicht immer ein wenig hinter ihren schulterlangen, dunkelblonden Haaren. In dem portugiesischen Café im Hamburger Bahnhofsviertel bestellt Solveig einen Latte Macchiato. Ihren Blick senkt sie auf den Tisch, auf ihre Finger, die sie ständig miteinander spielen lässt.

Aber Solveig lacht über die Fragen, lacht darüber, wie unverständlich es erscheint, im Alltag zu bestehen, ohne richtig lesen und schreiben zu können. "Wir haben unsere eigenen Vermeidungsstrategien, Verheimlichungen und Tricks, um das Leben zu meistern", sagt die 29-Jährige.

Jeder zweite übt einen Beruf aus

Mehr als sieben Millionen funktionale Analphabeten leben in Deutschland. Sie können einzelne Worte lesen, aber schon an Alltagssätzen, die über drei Worte hinausgehen, scheitern sie. Funktionale Analphabeten können etwa so gut lesen und schreiben wie ein Erstklässler in der Grundschule.

Trotzdem haben die meisten funktionalen Analphabeten Haupt- oder Realschulabschlüsse, manche auch Abitur. Jeder zweite übt einen Beruf aus, vor allem Tätigkeiten wie Küchenhilfe, Maler oder Hausmeister. Branchen, die wenig Schriftkompetenz erwarten und dafür Routine bieten. Die immer gleichen Beschriftungen auf Farbeimern oder Lebensmitteln lassen sich auswendig lernen, die Form der Wörter prägt sich ein.

Auf Grenzen stoßen Analphabeten trotzdem jeden Tag aufs Neue. Das bestätigt Kerstin Schnepper. Die Projektassistentin der Kampagne ichance vermittelt Analphabeten an Ansprechpartner und Kursangebote. Mit ichance versucht das Bundesministerium für Bildung junge Erwachsene zur nachträglichen Bildung zu motivieren, mit Werbung im Fernsehen, Internet oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Eine schwierige Aufgabe. "Die Menschen scheuen Konflikte am Arbeitsplatz oder in der Schule, wollen unauffällig bleiben und nicht geoutet werden. Analphabetismus ist ein Makel in unserer Gesellschaft", sagt Schnepper. Es ist ein Stressfaktor, den die Betroffen jeden Tag erleben, egal ob es darum geht, Fahrkarten zu kaufen oder an Spieleabenden teilzunehmen.

Ein Monopoly-Abend war für Solveig in ihrer Jugend ein Problem. Straßennamen oder Worte wie Elektrizitätswerk lesen? Unvorstellbar. "Ich wollte mich nicht entblößen", erzählt Solveig. Deswegen sagte sie solche Veranstaltungen ab, erfand Ausreden. Auch an anderen Tricks im Alltag mangelte es ihr nicht. Freunde traf sie nur an den ihr bekannten Orten, bei denen sie sich die Wege mit Bus und Bahn schon längst eingeprägt hatte. In der Schule kompensierte sie schlechte Ergebnisse in schriftlichen Tests durch mündliche Mitarbeit. Formulare beim Arzt oder Amt ließ sie sich vorlesen. Statt SMS zu verschicken, rief sie lieber an.

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