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Der erste ausländische Oberbürgermeister

Claus Ruhe Madsen will der erste ausländische Oberbürgermeister der Republik werden - in Rostock.

Die Kamera ist auf ihn gerichtet. Claus Ruhe Madsen, 46, Wikingerbart und Rahmenbrille, stellt sich breitbeinig vor das Rostocker Rathaus. Vor ihm rattert die Straßenbahn, hinter sich hat er eine Gruppe Komparsen mit Arztkitteln und Kellnerschürzen aufgestellt. Der Regisseur sagt: Madsen. Clip eins, Szene eins: "Mein Name ist Claus Ruhe Madsen, ich möchte Ihr Oberbürgermeister werden. Mit meinem Kopf für die Wirtschaft ..." Er stockt. "Nee. Ich wusste, dass das nicht klappt. Das war so klar." Die Szene hat er versemmelt, aber er lacht. Texte lernen, das liege ihm halt nicht so.


Madsen, ein dänischer Möbelunternehmer, will in das Rostocker Rathaus einziehen, vor dem er hier steht. Er könnte, jetzt bei den Kommunalwahlen, sogar Geschichte schreiben: Er wäre der erste ausländische Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt. Und das ausgerechnet im Osten, von dem es doch immer heißt, dass Migranten es hier besonders schwer hätten. Madsen aber ist der Favorit bei dieser Wahl. Was auch daran liegt, dass er auffällt - mit seiner besonderen Geschichte.


Eines aber stellt er gleich klar, wenn man ihn zum Gespräch trifft: Er mache sich keine Gedanken über seine Herkunft, und dass er der Erste aus dem Ausland wäre, sei ihm egal. "Ich bin Rostocker", sagt er. "Alles andere sind nur Dokumente, das ist nur Papier, das ändert nichts an meinem Gefühl." Und das Gefühl sei klar: Oberbürgermeister, das werde man nur dort, wo man sich zu Hause fühle.


Tatsächlich lebt Madsen seit zwei Jahrzehnten mit seiner Familie in Rostock. Zuerst hatte er in Essen gewohnt, als Verkäufer gearbeitet. Dann zog er nach Rostock, um sich zum Handelsfachwirt ausbilden zu lassen. 1997 gründete er sein Möbelhaus, Möbel Wikinger, inzwischen besitzt er vier Filialen in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen mit etwa 90 Mitarbeitern. Rostock sei, sagt Madsen, "ein bisschen wie Dänemark, auch wenn die Dänen entspannter sind". Er hat sogar seine Eltern aus Dänemark nachgeholt. Denn hier, an diesem Ort, wolle er bleiben.


Wieso wechselt einer, der ein gut laufendes Unternehmen führt, in die Kommunalpolitik?

Viel, sagt er, habe damit zu tun, dass er als Bürger und als Vater selbst gemerkt habe, wo es in Rostock hakt. Sein Motto sei: Weniger schnacken, einfach machen. Rostock solle schöner werden, grüner. Madsen will zum Beispiel, wo immer es geht, Plastik auf Großveranstaltungen verbieten. Will Elektrobusse einsetzen, Radschnellwege bauen. Vor allem die Verwaltung wolle er umkrempeln; sie kompromisslos auf digital umstellen. Wenn er das so aufzählt, klingt er eher wie ein Kandidat der Grünen. Dabei wird er als Parteiloser von CDU und FDP unterstützt. Der Vorsitzende der CDU in Mecklenburg-Vorpommern, Vincent Kokert, sagte beim Landesparteitag im Januar zu Madsen: "Es gibt auch gute Leute, die nicht in der CDU sind. Wir holen uns Rostock. Schön, dass du bereit bist, das für uns zu tun." Madsens Chancen stehen vor allem deshalb so gut, weil SPD, Linke und Grüne jeweils eigene Kandidaten aufgestellt haben, die sich gegenseitig Stimmen streitig machen dürften. Madsen könnte das nützen.


Seine Frau, sagt er, habe ihn für verrückt erklärt, als er ihr vor ein paar Monaten ankündigte: Er werde kandidieren. Ob er nicht schon ausgelastet genug sei, fragte sie ihn. 80 bis 100 Stunden arbeite er wöchentlich - derzeit. Seine Firma wolle er behalten, wenn er ins Rathaus einziehen sollte, aber die Geschäftsführung an seine Frau abgeben. Er glaubt, er werde als Oberbürgermeister sogar weniger Stress haben als heute.


Es gibt Menschen in Rostock, die sagen: Was ein Oberbürgermeister wirklich tun müsse, wisse Madsen noch gar nicht. Man könne eine Stadt nicht wie ein Wirtschaftsunternehmen führen. Er selbst hat lange gezögert, als die CDU ihn fragte, ob er für sie kandidieren wolle. Politische Erfahrung hat er zwar als Präsident der Rostocker Industrie- und Handelskammer gesammelt. Aber reicht das? Er glaubt, ja. "Ich bin Unternehmer, das macht mich aus. Das ist meine ganze Identität", sagt er. "Aber die würde ich aufgeben." Die Rostocker, sagt Claus Ruhe Madsen, sollten künftig wieder sagen können: Sie seien stolz, in dieser Stadt zu leben. Darum gehe es doch.


Er sieht sich als eine Art Kümmerer, der die Wut, den Ärger vieler Bürger durch ganz praktische Arbeit kanalisiert: Im Wahlkampf tingelt er durch jeden Stadtteil. Problemen will er ultrapragmatisch begegnen. Vor drei Jahren, erzählt er, als im Handballverein seiner Tochter Trainer fehlten, machte er einfach einen Trainerschein. Nun steht er dienstags in einer Turnhalle im Rostocker Norden, mit Jogginghose und Trillerpfeife um den Hals, und scheucht die Mädchen selbst über den Platz. Mitunter klingt er, als würde er Oberbürgermeister werden wollen, weil es ihn auch langweilen würde, einfach weiter Möbelhändler zu sein. Auf seiner Website schreibt er: Wäre sein Leben ein Buch, dann sei es doch egal, ob darin steht, dass er 20 oder 40 Jahre lang Möbelhändler war. "Das würde aber mein Buch nicht dicker machen und vor allem nicht interessanter."


Madsen sagt, er lebe nach einem Sprichwort, das ihm sehr gefalle: "Wenn jemand Marmorkuchen verlangt, backe ihm keine Sachertorte." Er müsse nichts vorspielen. Er wolle einfach machen.

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