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Rezension

Comme ci, Comme ca

Zeit dehnt sich. Module kannibalisieren sich gegenseitig, Spannung versiegt noch im Aufbau. Plötzlich gehen Lieder nicht mehr zweieinhalb Minuten, sondern vier, fünf, gar sechs. Selbst die Backstreet Boys haben es unverhofft in die Jetztzeit geschafft, wieso also nicht auch The Strokes? 


Gitarre und Synthies nudeln, die Casablancas-Stimme leiert, der Takt schunkelt: Nach sieben Jahren und einigen Verwerfungen, als eigentlich niemand mehr damit rechnete, sind The Strokes nun mit einem neuem Album zurück, und die wohlmeinend formulierten Erwartungen an „The New Abnormal“ schießen eingedenk des aktuellen Alles-wird-ewig-bestehen-Lebensgefühls hoch. Selbst die Backstreet Boys haben es unverhofft in die Jetztzeit geschafft, wieso also nicht auch The Strokes?


Als Meme-Material eigneten sich die New Yorker natürlich schon immer. Freunde reagieren noch heute gereizt, wenn sie den Namen jener Band hören, die ihnen mit dem hirnfräsenden Di-di-di-di-di-di-di-di-di-di-Gitarrenhooks vor 15, 20 Jahren die stundenlangen Abschlussprüfungen verleidet haben. Aber da konnte man sagen: Das ist doch noch lange nicht alles.

Richtig auch, dass bisher noch jedes neue Album ob der jeweils unerwarteten Einverleibung diverster Genres (80s-Tanzmusik! Metal!) einen kurzen Moment der Irritation auszulösen vermochte. Auf „The New Abnormal“ wird der nun zum Dauerzustand. Kaum ist man drin, geht es schon wieder scheinbar unmotiviert an einer anderen Ecke weiter.


Interessanter Weise haben die einzelnen Bandmitglieder zwischenzeitlich solo oder in anderer Formation nahezu durch die Bank weg ziemlich gute Alben vorgelegt. Doch hier will das nicht so recht zusammengehen. Stattdessen muss man vielleicht unverhofft auflachen, wenn Casablancas wie in „Eternal Summer“ die ihm scheinbar Gott gegebene, geradezu unangenehm anzuschauende, daher durchaus sympathische awkwardness, dieses Gegenteil von Wohlbehagen im eigenen Körper, abzuschütteln und sich an einem nicht mehr ganz so unterdrückten Schrei oder hier Falsetto versucht, was (der hohe Gesang) ihm immerhin besser gelingt als früher.


Es gibt gute Passagen, die an gute Passagen vergangener Alben erinnern und ihren Weg auf die Indie-Diskoparty machen werden, aber selbst die in der üblichen Songlogik tanzauffordernden Synthie-Riffs schleppen sich mühevoller als sonst voran. Zeit dehnt sich. Strokes-Module kannibalisieren sich gegenseitig, Spannung versiegt noch im Aufbau. Plötzlich gehen Lieder nicht mehr zweieinhalb Minuten, sondern vier, fünf, gar sechs. Es geht mehr um Feelings und ihre Versatzstücke, um Statements und Sounds statt um Songs, und das passt symptomatisch dann natürlich wieder sehr in diese Zeit.


Umso deutlicher wird nun, wie sehr es die Formstrenge, die schmalen Songkorsetts brauchte, um das Ganze zusammenzuhalten. Einigen bekommt das musikalische Comme ci, comme ça besser als anderen, The Strokes fallen offensichtlich in letztgenannte Kategorie. Vieles von dem, was sie auszeichnete wie keine andere The-Band, was man mühelos lieben konnte oder hassen, das präsentiert dieser immer noch fraglos nach ihnen klingende Kessel Buntes den Band-Gegnern jedenfalls als bis dato überzeugendstes Argument, es habe sich hier ja eh immer bloß um Memes und Posen von etwas anderem gehandelt.


„The New Abnormal“, Rough Trade