Kais Harrabi

freier Journalist, Autor, Kritiker, Leipzig

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Radio-Beitrag

50 Jahre Aktenzeichen XY ungelöst

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Anmoderation:
Eigentlich sind fast alle großen Sendungen des westdeutschen Fernsehens mittlerweile verschwunden. Denken Sie nur mal an den langsamen Tod von „Wetten Dass...?“. Nur eine Sendung, die gibt es seit 50 Jahren im deutschen Fernsehen: „Aktenzeichen XY ungelöst“. Kais Harrabi mit einer kritischen Würdigung zum Geburtstag.

Eduard Zimmermann: „Den Bildschirm zur Verbrechensbekämpfung nutzen, dass meine Damen und Herren ist der Sinn unserer Sendereihe Aktenzeichen XY, die ich Ihnen heute vorstellen möchte.“

... sagt Eduard Zimmermann am Abend des 20. Oktober 1967 in die Fernsehkamera. Er wirkt nervös, übereifrig, wie ein frisch Angestellter, der seinen Job extra gut machen möchte. Das Verbrechen wächst fünfmal so schnell, wie die Bevölkerung, sagt er. Kriminelle würden sich modernster Technologie bedienen und da müssen auch die Strafverfolgungsbehörden mithalten. Deshalb nun: „Aktenzeichen XY... ungelöst“.

In herrlich behäbigen kleinen Filmchen werden ungelöste Kriminalfälle dargestellt.

[Ausschnitt aus dem ersten Beitrag: „Doch er kommt an diesem Abend ohne Kräuter nach Hause, denn er macht einen grausigen Fund.“]

Die Bundesrepublik hat zu der Zeit einige aufsehenerregende Mordfälle und Verbrechen gesehen. Kindesentführungen, wie die von Timo Rinnelt, der Fall Jürgen Bartsch oder der Mord an der Frankfurter Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt zeigten immer wieder: Die Bundesrepublik Deutschland hat auch eine dunkle Seite unter all dem Wohlstand. Der Historiker Philipp Felsch schreibt in der Einführung zum Band „BRD Noir“, den er mit dem Schriftsteller Frank Witzel zusammen geschrieben hat:

„Zimmermann machte seine Zuschauer in seiner Sendung mit der beunruhigenden Tatsache vertraut, dass das Wirtschaftswunderland Bundesrepublik zugleich ein El Dorado für Verbrecher war. ‚Aus Nord- und Südamerika, aus Marokko und fast allen europäischen Ländern eilen sie in Scharen herbei, um auf ihre Art am bundesrepublikanischem Wohlstand teilzuhaben.’ Die BRD war schon immer ein Einwanderungsland. Dass das Böse auch von innen kommen könne, diese Erkenntnis wurde hier noch geflissentlich abgewehrt.“

Über 4.500 Fälle sind in der Sendung behandelt worden. Die Aufklärungsquote liegt immerhin bei 40 Prozent.

Trotzdem wurde Aktenzeichen XY immer wieder harsch kritisiert. Die Sendung sei ein Instrument des Polizeistaats hieß es in den Siebzigern. Aktenzeichen XY sei Denunziantenfernsehen. Heinrich Böll nannte die Sendung gar ein „muffiges Grusical für Spießer“.

Eduard Zimmermann, mit seiner näselnden Stimme, dem über die Jahre immer weiter zurückweichenden Haaransatz und der betonten Ernsthaftigkeit in seiner Stimme war vielleicht genau die Figur, die den bundesrepublikanischen Fernsehzuschauer am meisten angesprochen hat. Er wirkte wie ein mittlerer Beamter, saß wie am Schreibtisch und erzählte, was man jetzt tun müsse, um die Idylle zu retten. Zimmermann sei, schreibt Philip Felsch, ein Vertreter jener Flakhelfergeneration gewesen, die die Bundesrepublik mit aufgebaut hätten. Vielleicht hat man ihm deswegen auch seine Fehltritte vergeben. In der Nachkriegszeit schlug er sich als Dieb und Schwarzmarkthändler durch und landete im Gefängnis. Ein Reportageauftrag für eine dänische Zeitung führte ihn 1954 in die sowjetische Besatzungszone. Dort wurde er verhaftet und verbrachte vier Jahre in der JVA Bautzen. Die Wirtschaftswunderdeutschen haben seine Schuld genauso vergessen, wie die eigene. Vor allem, da er ja die ehrenwerte Aufgabe angenommen hatte, das mühsam Wiederaufgebaute zu schützen.

Seine eigene Wandlung hat Zimmermann in seiner Autobiographie thematisiert. Der BILD-Zeitung sagte er zur Veröffentlichung:

„Ich bin sozusagen der Beweis dafür, dass man von der schiefen Bahn wieder runterkommt, wenn man es will.“

Vielleicht steht er damit auch emblematisch für ein Deutschland, dass seine dunkle Vergangenheit mit einem Saubermann-Image wieder wettmachen will. „Aktenzeichen XY Ungelöst“, war aber immer wieder eine schmerzliche Erinnerung daran, dass hinter den biederen Fassaden auch eine düstere Welt liegt.