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Ein kleineres Übel namens B.

Langsam zerbröckelt die Macht Silvio Berlusconis. Italien wird trotzdem noch lange mit ihm zu kämpfen haben.

Er gefällt ihr einfach. Wie er spricht. „Er hat so ein Charisma“, sagt Mary und tippt erfüllt den Preis für ein Paar Schuhe in die Kasse. Sie bewundert ihn. Als Person und als Geschäftsmann. „Er ist ja schon in fortgeschrittenem Alter, aber er vermittelt mir Sicherheit.“ Ihr Sohn, der es sich auf einem der Sofas im Schuhladen bequem gemacht hat, geht noch weiter. „Ich würde sofort alles stehen und liegen lassen für Silvio“, sagt Alessandro Astrologo. Er ist 34 Jahre alt. Wenn der presidente ihn rufen würde, wäre er morgen Früh bei ihm. Um von ihm zu lernen. Dieser Kampfgeist, dieser Erfolg, dieses Ansehen!

Alessandro Astrologos Mutter ist gerade 60 geworden. Ihre Haare sind blond gefärbt, sie trägt ein T-Shirt mit Leoparden-Muster. Sie sagt, sie habe Silvio Berlusconi schon immer gewählt. Seit 1994. Und sie würde es wieder tun. Weil Mary sehr laut spricht, hat auch einer der Verkäufer im Geschäft an der Fontana di Trevi das Gespräch mitbekommen. „Wählst du ihn auch?“, will die Chefin wissen. „Klar“, sagt der Verkäufer. Er kramt dabei ein Paar dunkler Halbschuhe für einen Kunden aus der Schachtel. „Silvio é un grande“, sagt er. Silvio ist ein Großer. Sie bewundern ihn ganz selbstverständlich, als sei es nichts, wofür man sich schämen müsste.

Im Schuhgeschäft „Angelo“ an der Fontana di Trevi in Rom ist der Berlusconi-Kosmos noch intakt. Man merkt hier nicht, dass es bergab geht mit dem 77 Jahre alten Paten der italienischen Politik, dass er den Zenit seiner Macht längst überschritten hat. Berlusconis Partei hat sich gespalten im Streit um die Frage, ob man die Stabilität der Regierung vom persönlichen Schicksal des Ex-Ministerpräsidenten abhängig machen kann. An diesem Mittwoch soll der Senat in Rom über seinen Ausschluss als Parlamentarier entscheiden. Eigentlich ist das eine Formalität, denn Berlusconi wurde vor vier Monaten in letzter Instanz zu vier Jahren Haft wegen Steuerbetrugs verurteilt. Der einst mächtigste Mann des Landes hat viel von seinem Einfluss verloren, er erleidet jetzt häufiger Schwächeanfälle. Aber er ist noch nicht am Ende.

Das liegt an Menschen wie Mary und Alessandro Astrologo. Sie glauben weiter an ihn und an seine Version der Wirklichkeit, in der Berlusconi ein guter Mensch, ein Förderer, ein brillanter Unternehmer, ein von der Justiz und seinen politischen Gegnern Verfolgter ist.

Es ist leicht, sich über diese Version der Dinge lustig zu machen, den Kopf zu schütteln. Man kann Berlusconis Medienmacht und seine Manipulationskünste ins Feld führen. Oder alles mit der Ignoranz seiner Anhänger erklären, die an diese Scheinwelt glauben. Aber das wäre ziemlich einfach.

Nirgends ist eine gemeinsame Wahrnehmung der Realität so verloren gegangen wie in Italien. Nirgends existieren zwei Welten nebeneinander und mit ihnen eine grundverschiedene Sicht auf das öffentliche Leben. Für die einen ist Berlusconi ein Verbrecher, für die anderen ist er auch nach 20 Jahren noch eine Art Messias. Das Paradox ist, dass sich diese beiden Welten oft gar nicht so fremd sind. Ihr gemeinsamer Nenner ist ein tief verwurzelter Frust über den Staat.

„Ihr müsst endlich aufhören, in Berlusconi einen Clown zu sehen!“ Giovanni Orsina haut zu Beginn des Gesprächs gleich mal auf den Tisch. Er behauptet: „Der Berlusconismus ist eine ernste Sache.“ Orsina ist 46 Jahre alt und ein renommierter Geschichts-Professor an der römischen Privat-Universität Luiss. Er hält Vorlesungen über Berlusconi und bildet in der „School of Government“ die Kräfte aus, die eines Tages das Land führen sollen. Bis auf ein paar Umzugskisten in seinem Büro im Souterrain sieht es aus, als würde Italien hier einmal ganz ausgezeichnet funktionieren. Die Elite-Schule befindet sich in einem von Palmen umringten Jugendstilgebäude im römischen Nobelviertel Parioli. Auf dem Kiesbett im Hof parkt ein Jaguar. Heile, reiche Welt.

Der Erfolg Silvio Berlusconis wächst auf einem anderen Nährboden. Sein Humus sind der wirtschaftliche, gesellschaftliche und soziale Verfall. Der Staat ist der Feind, diese Botschaft vermittelt Berlusconi seit 20 Jahren und bringt gleichzeitig das Kunststück fertig, in diesem Zeitraum am Längsten politische Verantwortung getragen zu haben. Orsina sagt: „Berlusconi ist immer noch da, weil er einen wesentlichen Teil des Landes repräsentiert. Er schafft es als einziger, zu diesen Wählern zu sprechen.“

Es ist die Klientel aus Kleinunternehmern, Händlern, Hausfrauen, Ehrlichen wie Unehrlichen, Schlauen und Dummen, die vor allem ein Gedanke vereint: Institutionen schaffen Probleme anstatt sie zu lösen. Diese Italiener könnten nie links von der Mitte wählen. Sie wollen einen charismatischen Chef, sie wünschen sich weniger Staat, weniger Gesetze, weniger Steuern und weniger Einfluss der Justiz. „Nur Berlusconi bedient alle diese Wünsche“, sagt Orsina. Wo könnte dieses Konzept also besser aufgehen als in einem Land, in dem der Staat die Probleme nicht löst, sondern selbst Teil des Problems ist?

Zum Beispiel die Justiz. „Alle großen Firmen hinterziehen Steuern, aber sie suchen bei ihm“, behauptet Orsina. Die Justiz, die die letzte unabhängige Instanz sein sollte, wenn es keine Einigkeit mehr gibt, ist nicht immer unabhängig. In Italien ist sie in politische Strömungen aufgeteilt, es gibt linke Richter und Ermittler. Nur neun Monate sind zwischen dem Urteil erster und letzter Instanz im Steuerbetrugs-Urteil gegen Berlusconi vergangen. „Das ist zwar keine Verschwörung, aber sie konzentrieren sich mehr auf ihn als auf alle anderen“, sagt Orsina. Das ist der Grund, warum es Berlusconi gelingt, gegen das System zu kämpfen und doch selbst Teil dieses Systems zu sein.

Seiner soeben wieder gegründete Partei „Forza Italia“ kommt in Umfragen auf 21 Prozent der Stimmen. Das ist ein bisschen weniger als die SPD bei der letzten Bundestagswahl bekam. Trotz aller Prozesse und Skandale, trotz der Spaltung seiner Partei vor ein paar Wochen. „Es ist noch lange nicht zu Ende“, prophezeit Orsina. Berlusconi werde seine Partei künftig von außerhalb des Parlaments steuern. Das wird solange funktionieren, solange es Menschen gibt, die am Wahltag für seine Version der Wirklichkeit ein Kreuzchen machen. Wie die Astrologos an der Fontana die Trevi.

Alessandro Astrologo ist sich sicher, die Richter wollten Berlusconi jetzt endgültig fertig machen. Misstrauisch legt er seinen Kopf zurück. Die Ärmel seines Hemdes hat er hochgekrempelt, seine kräftigen Arme sind tätowiert, die Mundwinkel nach unten gezogen. Seine Körperhaltung signalisiert Abwehr. Abwehr gegen alles, was irgendwie links ist, Abneigung gegen den Staat und die Justiz. Auch Berlusconi gehe seinen eigenen Interessen nach, vielleicht hinterziehe er sogar Steuern, wie es im Übrigen alle Politiker tun würden, aber immerhin falle nebenbei ein wenig für die anderen ab. 50 000 Arbeitsplätze habe er mit seinen Firmen geschaffen. Er sei der zweitgrößte Steuerzahler Italiens. Astrologo sagt einen Satz, der viel erklärt: „Berlusconi ist nicht der Beste, er ist das kleinere Übel.“

Italien ist das Land, in dem man ein kleineres Übel anhimmeln kann. Das Vertrauen in ein funktionierendes Gemeinwesen haben die meisten Menschen hier längst verloren. Man kann das nachvollziehen. Die Wirtschaft schrumpft. Die Steuerlast ist so hoch wie nirgends sonst. 40 Prozent der Jugendlichen sind arbeitslos. Karriere macht man nur mit guten Beziehungen. Acht Jahre dauert ein Gerichtsprozess im Durchschnitt. Wie soll man da den Glauben an Gerechtigkeit nicht verlieren?

Auch Berlusconi hat nichts an diesen Verhältnissen geändert. Schon früher kehrten ihm Gefolgsleute den Rücken. Paolo Guzzanti gehört zu ihnen, er war seit ihrer Gründung Mitglied der Berlusconi-Partei. 2009 schied der Senator im Streit mit Berlusconi aus der Partei. Guzzanti ist keine Marionette. Er ist gebildet, klug, ein Querkopf. Ihm war es ernst mit der von Berlusconi versprochenen und nie erfüllten „liberalen Revolution“. Aber da war noch etwas anderes. „Ich mochte seinen anzüglichen Stil nie“, erzählt der 73-Jährige in seiner mit Büchern vollgepackten römischen Wohnung. Er hat vor allem Titel über Hitler, Stalin, Marx und Mussolini. Und über Berlusconi.

„Diese Sexwitze, diese tragische Manie im Rampenlicht zu stehen!“. Guzzanti schüttelt den Kopf. Als Berlusconi das ehemalige Nacktmodell Mara Carfagna 2008 zur Ministerin für Gleichberechtigung ernannte, machte Guzzanti das Gerücht öffentlich, Carfagna sei die Geliebte des Premiers. „Mignottocrazia“, Hurenherrschaft, betitelte Guzzanti später sein Buch über die politischen Verhältnisse in Rom. Es war die Zeit, in der die Öffentlichkeit noch nichts von Bunga Bunga und bezahlten Papi-Girls wie Noemi Letizia, Patrizia D'Addario, Karima El-Mahroug alias Ruby ahnte, die sich in Hoffnung auf eine Fernsehkarriere in den Berlusconi-Sendern verkauften.
Aber nicht etwa Bunga Bunga war der Trennungsgrund für Guzzanti. Der Senator schied aus, weil Berlusconi die von seinem Duzfreund Waldimir Putin befohlene Invasion Russlands in Georgien unterstützt hatte. Das war Guzzanti zu viel. Der Kasus ist emblematisch für die beinahe marginale Wirkung, die die Sexskandale des Ex-Ministerpräsidenten in Italien entfalteten. Manche erklären das damit, dass protestantische Moralvorstellungen in Italien, der Wiege des Katholizismus, eine Schattenexistenz führen. „Silvio ist ein Rüpel, aber er ist eigentlich ein ganz sanfter, liebenswürdiger Typ. Fast ein bisschen feminin. Er ist ein Vermittler.“ Noch heute telefoniert Guzzanti mit Berlusconi. Er mag Silvio immer noch, trotz allem.

So geht es auch den Bewunderern im Schuhladen an der Fontana di Trevi. Bunga Bunga? Sie zucken mit den Schultern. Berlusconi habe doch jetzt diese junge Verlobte, sagt Mary. „Ammazza, wie schön die ist! Wenn er mit der ins Bett geht, dann kann ich nur applaudieren!“ Sie hat auch nichts auszusetzen am Harem Berlusconis, den ein Mailänder Gericht jüngst als Prostitutions-System bezeichnete. „Besser als mit Schwuchteln!“, sagt Mary.
Vor einem Monat ist die Schuhhändlerin Großmutter geworden. Ihr Sohn Alessandro ist nun Vater einer kleinen Tochter. Wenn Alessandro an ihre Zukunft denkt, wünsche er seiner Tochter nicht, dass sie in Italien bleibt. Alessandro sagt: „In diesem Land zu leben bedeutet, sich selbst weh zu tun.“