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Hochwasser: Panik ist unaustralisch

Wie die legendäre Regenbogenschlange aus der Mythologie der australischen Ureinwohner windet sich der Brisbane-River durch die Wohn- und Geschäftsviertel von Australiens drittgrößter Stadt. Eine leicht schlammige Farbe hatte der breite Fluss schon immer. Jetzt, nach dem heftigsten Hochwasser seit Jahrzehnten, schwimmen auf dem gurgelnden Braun absurd wirkende Objekte Richtung Pazifik: Ein lila Sessel treibt vorbei, ein zerbrochenes Ruderboot, dahinter ein Café-Ponton, auf dem Tische und Stühle noch akkurat beieinander stehen. Passanten in Shorts halten ihre Kameras hoch und schütteln ungläubig die Köpfe. Vielleicht können sie erst später wirklich begreifen, was ihre Digitalgeräte gerade festhalten.

Bitte klicken Sie auf das Bild um die Fotostrecke zu sehen© Lukas Coch/Zeitenspiegel

Nachdem der Fluss am Morgen seinen Höchststand erreicht hat, folgt für viele Anwohner eine kurze Verschnaufpause. Bis dahin war wenig Zeit für Sightseeing. Zu weiträumig breitet sich das Desaster aus, zu viel war zu tun: Außer der Zwei-Millionen-Einwohnerstadt Brisbane sind im so genannten Sunshine State 70 Städte und Gemeinden von den Fluten betroffen: Über 200.000 Häuser wurden beschädigt oder zerstört, mindestens 15 Menschen starben. Jene der 4,5 Millionen Menschen in Queensland, die nicht selbst betroffen sind, kennen garantiert jemanden, der Hilfe braucht. Fast jeder, der kann, fasst mit an.

Seit Tagen tragen Anwohner Wertgegenstände und Persönliches in höher gelegene Häuser. Völlig Fremde packen mit an, stellen ihre Veranden als Lager für Möbel zu Verfügung, verleihen Außenborder für Schlauchboote oder tragen Elektrogeräte in Sicherheit. Andere improvisieren Nachtquartiere, teilen ihre Vorräte. Kyle Young hat die Nacht über Sandsäcke verteilt, der Teenager ist erschöpft, aber beeindruckt. "Wenn alle so zusammenhalten, ist das auch inspirierend, macht irgendwie Mut."

"Wir sind aus Queensland! Wenn uns etwas umwirft, stehen wir wieder auf", appelliert die Ministerpräsidentin des Bundeslandes an die Stärke ihrer Landsleute. Anna Bligh spricht klar und unprätentiös, seit zwölf Tagen führt sie Queensland mit Ruhe und Kompetenz durch das größte Desaster, dass die Region je erlebt hat. Sie erlaubt sich Emotionen, trauert um die Opfer und behält dabei im Blick, was wichtig ist. Zeitweilig stieg ihre Popularität so konstant wie der Wasserpegel. Das Zusammenspiel zwischen Staat und Bürgern, zwischen Militär, Verwaltung und Polizei funktioniert.

Nicht jede Warnung kam rechtzeitig an, auf die Springflut in Toowoomba und dem Lockyer Valley etwa war kaum jemand vorbereitet. Doch Schuldzuweisungen oder parteipolitische Querelen bleiben aus. Auf die Frage eines Reporters, ob Bligh sich gleich Schäden ansehe, sagt die Landeschefin: Später vielleicht, jetzt seien Entscheidungen wichtiger als Rundflüge. Ihr Pragmatismus ist typisch für die als tough geltenden Bewohner des Nordostens.

Kontinent der Extreme

Australier sind sehr zäh im Umgang mit Naturkatastrophen. Kein Wunder, folgen doch auf dem Kontinent nach Trockenperioden fast immer Überschwemmungen, sind die Wirbelstürme hier oft verheerend, verursachen Hitzewellen und Dürren häufig Waldbrände. Vor allem, wer in abgelegenen Gegenden wohnt, muss belastbar und erfindungsreich sein. Viele erleben nicht zum ersten Mal, wie die Natur Hab und Gut bedroht. Panik gilt als unaustralisch, beruhigt werden müssen eher Touristen, deren Urlaubspläne ins Wasser fallen, und nervöse Neueinwanderer.

Soldaten und Feuerwehrleute bekommen inzwischen Verstärkung von einem Polizei-Sonderkommando, dessen Kräfte aus ganz Australien zusammenkommen. Viele haben bereits vor Weihnachten zu arbeiten begonnen - ohne Pausen. Das verstärkt bei vielen in Queensland das Gefühl, alles Menschenmögliche werde getan. Gejammert wird selten. "Die Computer konnten wir noch raustragen, ansonsten ist alles ruiniert", erzählt Restaurantbesitzer Chris Higgins. Doch statt sich selbst Leid zu tun, denkt er an die vermissten Familien weiter westlich: "Wir hier haben ja nur Dinge verloren..."

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