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Ein Mandela-Enkel mit politischen Ambitionen | NZZ

Ndaba Mandela, ein Enkel von Nelson Mandela. Foto: Juliane Ziegler

Für Ndaba Mandela war Nelson Mandela wie ein Vater. Nun pflegt er das Erbe der südafrikanischen Freiheitsikone, die diese Woche 100 Jahre alt geworden wäre. Eine Begegnung.


Johannesburg, im Innenhof der Nelson-Mandela-Stiftung: Ndaba Mandela steht neben der Statue seines Grossvaters Nelson, schaut, als würde er der Figur gleich auf die Schulter klopfen und sagen: Na, alter Mann, was geht?


Ndaba Mandela, gross, breite Statur, ist häufig hier. Er wohnt ein paar Häuserblöcke weiter, im ehemaligen Haus seines Grossvaters. Seinen Familiennamen trägt er mit gemischten Gefühlen. "Natürlich werde ich mein Leben lang mit Nelson Mandela in Verbindung gebracht. Das ist ein ziemlicher Druck. Gleichzeitig gibt es mir aber auch die Möglichkeit, Dinge anzustossen."


Sein Grossvater, ein Gefangener

Wenn er von seinem Grossvater erzählt, schwingt liebevoller Respekt mit. Zum ersten Mal traf er ihn als Siebenjähriger. Die Familie besuchte Nelson Mandela in Gefangenschaft, in der er bereits sein drittes Jahrzehnt verbrachte. Dass dieser alte Mann einmal Ndabas wichtigste Bezugsperson werden würde, war nicht absehbar.


Ndaba kam 1982 auf die Welt, in Südafrika herrschte das rassistische Apartheid-Regime. Auch als Kleinkind bekam er die Repressalien zu spüren, denn Angehörige schwarzer Freiheitskämpfer wurden erst recht unter Druck gesetzt. Ndabas Familie war hochpolitisch und lebte in prekären Verhältnissen. Sie zog mehrfach um, wohnte bei der Grossmutter Evelyn - der ersten Frau Nelson Mandelas -, dann bei der Stiefgrossmutter Winnie. Die Eltern hatten Suchtprobleme und trennten sich früh.


Seine eigenen Kinder waren wegen seiner Gefängniszeit ohne Vater aufgewachsen, mit Ndaba wollte Nelson Mandela das zumindest ein wenig gutmachen.


Kurz bevor Nelson Mandela der erste schwarze Präsident Südafrikas wurde, holte er 1993 seinen Enkel Ndaba zu sich. Seine eigenen Kinder waren wegen seiner Gefängniszeit ohne Vater aufgewachsen, mit Ndaba wollte er das zumindest ein wenig gutmachen. Für den Enkel war der Senior "in allen praktischen Dingen wie ein Vater für mich". Aber insbesondere am Anfang sei es schwierig gewesen. "Er war 75, ein berühmter Mann, ein Nationalheld, doch für mich war er ein Fremder."


In Ndabas Erinnerung war sein Grossvater ziemlich streng. Einmal musste Ndaba fast draussen schlafen, weil er einen Pullover verschlampt hatte. "Dinge wertzuschätzen, das hat er mir beigebracht", erzählt er zurückhaltend, mit tiefer, ruhiger Stimme. In der Schule habe sein Grossvater Bestleistungen erwartet, was ihn als Jugendlichen sehr unter Druck gesetzt habe. "Heute verstehe ich ihn." Ndaba gehört zur ersten Generation, in der Schwarze ebenso zur Schule und zur Universität gehen können wie Weisse. Er nennt seinen Grossvater bei seinem Clan-Namen und sagt: "Madiba wollte, dass ich die Chance nutze, die meine Eltern nicht hatten, und verlangte deshalb sehr gute Noten von mir."


Mandelas Humor verfluchte er

Doch als Teenager konsumierte Ndaba Drogen und Alkohol, liess keine Party aus und flog von der Schule. Nach einiger Zeit und mit Mandelas Unterstützung fing er sich. Gespräche über Weltpolitik oder die Situation in Südafrika weckten sein politisches Interesse, er studierte internationale Beziehungen. "Madiba hat mich oft nach meiner Meinung gefragt." Aber Ndaba musste auch Spässe auf seine Kosten ertragen: "In meiner Teenie-Zeit habe ich seinen Humor verflucht. Einmal hatte ich ein Date, das Mädchen kam zu uns nach Hause, und Madiba sagte: ‹Also, junge Dame, haben Sie meinem Enkel schon einen Heiratsantrag gemacht?›" Der Senior fand das lustig, der Junior peinlich.


Ndaba will den kulturellen und politischen Fortschritt, den Nelson Mandela und seine Generation in Gang gesetzt haben, vorantreiben.


Seine Eltern sah Ndaba damals wenig. 2003 starb seine Mutter, 2005 sein Vater, beide waren HIV-positiv. Anfang des Jahrhunderts waren fünf Millionen Südafrikaner mit dem Virus infiziert, noch immer kommen deswegen jährlich 140 000 Menschen ums Leben. Die Ursache für den Tod der Mutter verschwieg die Familie öffentlich, weil das Thema Aids tabuisiert war; beim Tod des Vaters beschloss Nelson Mandela, das Stigma zu bekämpfen. Ndaba sagt: "Wir waren die erste prominente Familie Südafrikas, die offen zugab, dass einer von ihnen an Aids gestorben war." Das prägte ihn. Später wurde er Botschafter des Uno-Programms gegen Aids.


Mit einem Cousin gründete er 2009 die Africa Rising Foundation. Die Stiftung will den kulturellen und politischen Fortschritt, den Nelson Mandela und seine Generation in Gang gesetzt haben, vorantreiben. Sie führt Bildungsprogramme durch und vergibt Stipendien an Schüler, Studenten und arbeitslose Jugendliche. Ein Programm heisst "100 Mandelas" und soll Führungskräfte nach den Prinzipien Nelson Mandelas ausbilden. Ndaba sagt: "Ich möchte, dass junge Menschen in Afrika die Möglichkeiten und das Selbstvertrauen haben, ihr Schicksal und das des Kontinents in die eigenen Hände zu nehmen."


Er spricht oft in Bildern, seine Sätze wirken vorgefertigt. Seine Geschichte erzählt er immer wieder auf Vorträgen in aller Welt, und im Juni hat er ein Buch darüber veröffentlicht, auf Deutsch heisst es "Mut zur Vergebung. Das Vermächtnis meines Grossvaters Nelson Mandela". Wie andere Familienmitglieder verdient Ndaba also mit dem berühmten Namen Geld, aber er tut es in glaubhafter Sorge um das Erbe seines Grossvaters und verkauft nicht etwa "Mandela-Wein" wie manche Tanten.


Im April starb Winnie Mandela, Ndabas Stiefgrossmutter, und am 18. Juli wäre Nelson Mandela hundert Jahre alt geworden. Beide Ereignisse haben in Südafrika die Erinnerungen an den Befreiungskampf geweckt und alte Debatten neu entfacht - etwa über die Frage, ob nicht Winnie die wahre Kämpferin gewesen sei und Nelson viel zu friedfertig. Ndaba sagt, wer das behaupte, habe sich nicht ausreichend mit Mandelas Haltung beschäftigt, bevor er ins Gefängnis gekommen sei. Damals habe er Winnie dazu animiert, den Kampf aggressiv weiterzuführen. Die Wandlung zum Pazifismus habe er erst im Gefängnis vollzogen, als er angesichts der blutigen Unabhängigkeitskämpfe andernorts erkannt habe, dass Gewalt nicht der richtige Weg sei.


Ndaba pflegte den alternden Nelson

Als Nelson Mandela älter wurde, vertauschten sich nach und nach die Rollen, die er und Ndaba jeweils im Leben des anderen spielten: Nun kümmerte sich nicht mehr Nelson um Ndaba, sondern umgekehrt. Sie wohnten zusammen, bis Nelson Mandela im Dezember 2013 starb. Seinem Enkel vermachte er auch die politischen Ambitionen. Ndaba kann sich eine politische Karriere vorstellen. In Südafrika sehen ihn manche Beobachter bereits als "neuen Mandela" und künftigen Präsidenten.

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