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Artikel

Friedenskämpfer Otto Umfrid

Illustration: Marco Wagner

Der Schwabe Otto Umfrid predigte gegen das Wettrüsten und für den Frieden. Er ging auch mit der Kirche hart ins Gericht

Er hätte der erste deutsche Träger des ­Friedensnobelpreises werden können – lange vor dem Schriftsteller Carl von Ossietzky (1935), dem „Urwaldarzt“ Albert Schweitzer (1952) und dem Politiker Willy Brandt (1971). Doch weil der Erste Weltkrieg Europa durcheinanderwirbelte, ­wurde die Verleihung 1914 abgesagt. Otto Umfrid hätte diese Auszeichnung verdient.


Es sind ungewöhnliche Ideen, die der schwäbische Pfarrer etliche Jahre vor dem Krieg verbreitet. Während andere die deutsch-französische Feindschaft zelebrieren, wirbt Umfrid für einen europäischen Länderbund und eine Annäherung an Frankreich und England. Er schreibt, spricht, predigt gegen das zunehmende Wettrüsten: „Der größte Jammer unserer Zeit ist der beständige Kriegszustand, in dem wir leben. Vom Frieden wird geredet; aber was ist das für ein Frieden, in dem die Völker bis an die Zähne gewappnet einander gegenüberstehen!“ Die Gefahr, in einen Weltbrand verwickelt zu werden, so schreibt er, ließe sich nur dann überwinden, wenn sich die Staaten Europas verbänden.


Ein politisierender Pfarrer, der die natio­nalen Feindbilder kritisierte – das war für viele in der evangelischen Kirche unerträglich. Nach einem Vortrag in ­Münsingen 1897 stempelte ihn ein Pfarrerskollege als „agitatorischen Friedenshetzer“ ab, er bekam Schmähbriefe, der Stuttgarter Stadtdekan entdeckte bei ihm eine „agitatorische Thätigkeit für die sogenannte Friedensbewegung“. Doch trotz massiver Kritik und eines offiziellen Verweises der Kirche blieb Umfrid seiner Haltung treu.


Woher kam seine Kraft, seine Selbst­sicherheit? Schon sein Vater, ein Nürtinger Rechtsanwalt, hatte ihm eine kritische, liberale und politisch unabhängige Haltung vorgelebt. Auch wenn sich Otto Umfrid als Jugendlicher von der Kriegsbegeisterung 1870 zunächst mitreißen ließ, erregten Berichte über Krieg und Kriegspropaganda bei ihm „eine Art Ekel“. Zu den politischen Beobachtungen kamen die sozialer Missstände: Nach seinem Theologiestudium am Evangelischen Stift in Tübingen erlebte er als junger Pfarrer die Armut schwäbischer Kleinbauern, als Stuttgarter Stadtpfarrer das Elend der Industriearbeiter.


Er hält Vorträge und schreibt Artikel ohne Augenlicht

Er analysierte: Die soziale Frage und die Friedensfrage hatten eng miteinander zu tun. Und das predigte er auch. In der Gemeinde sagte man über ihn: „Da hätte genauso gut August Bebel auf der Kanzel stehen können.“ An manchen Sonntagen hielt er drei Gottesdienste und zog am Nachmittag noch los, um die Ideen der Friedensbewegung zu verbreiten. 1894 war er der noch jungen Deutschen Friedens­gesellschaft beigetreten. Seine aufrüttelnden Reden dort hatten solchen Erfolg, dass sich in kurzer Zeit achtzehn Ortsgruppen gründeten und die Geschäftsstelle der Friedensgesellschaft nach Stutt­gart verlegt wurde. Otto Umfrid wurde zweiter Vor­sitzender der Organisation, zwanzig Jahre hatte er diese Funktion inne.

Für Umfrid ist es Gotteslästerung, aus nationalistischen Gründen den Krieg zu rechtfertigen, denn Christus habe den Frieden gepredigt. Mit der Kirche des ­Kaiserreichs geht er hart ins Gericht: „Wenn die Kirche sich nicht auf ihre Aufgabe besinnt, so muss eine Erneuerung der Religion kommen, die...das Reich Gottes außerhalb des Schattens der Kirche baut.“


Keine Kritik kann ihn von solchen ­Äußerungen abbringen. Er gibt die Zeitschrift „Völkerfrieden“ heraus. 1913 erscheint ­seine Schrift „Europa den Europäern“ – nur in einem Staatenbund sieht Umfrid die Möglichkeit, Frieden zu sichern.

Dann schlägt Bertha von Suttner ihn für den Friedensnobelpreis vor, eine Hoffnung, die sich durch den Krieg zerschlägt. Es geht ihm körperlich und psychisch schlecht. Probleme mit den Augen hat er schon länger, nun erblindet er völlig. Dennoch hält er während des Krieges weiterhin Vorträge, verfasst Artikel – doch er muss sie in der Schweiz veröffentlichen, weil seine Schriften im Deutschen Reich verboten sind.


Otto Umfrid starb 1920 – in dem Jahr, in dem der Völkerbund seine Arbeit aufnahm. Dauerhaften Frieden brachte der bekanntlich auch nicht. Hoffentlich schaffen das die Staatenbünde, die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurden: Uno und Europäische Gemeinschaft.


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