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Top 5 Bars in Barcelona - Falstaff

Two Schmucks

"Zwei Bekloppte" hat die katalanische Kapitale und ihre liquiden Belange nicht nur einmal gefunden, sondern wurde inzwischen bereits in der zweiten Runde fündig. Auch wenn die Gründer Moe Aljaff und Ahmed Moussa White keineswegs von der Bildfläche verschwunden sind, legen inzwischen Juliette Larrouy und Pom Modeste Hand an die flüssigen Facetten des kulinarischen Imperiums in dem inzwischen gentrifizierten Szeneviertel El Raval. Imperium, weil das Herrschaftsgebiet der Schmuck-Familie inzwischen auf drei Etablissements gewachsen ist: die Bar Fat Schmuck, das all-day Dining Fat Schmuck und das Lucky Schmuck. Doch obwohl die drei Schmucks sich ein- und dieselbe Straße teilen und auch wenn sie aus derselben Ursuppe geschöpft wurden - die drei Lokalitäten setzen mehr auf Abgrenzung, denn auf Klüngelei. Das Fat Schmuck ist eher der gediegene Terrassen-Ort für Kaffee-Variationen, highend-Tapas und Drinks on tap, das Lucky Schmuck kommt eher als elaborierter Dive bar-Neuling mit Karaoke-Option und American Fusion Snacks daher. Durch jedwede Pandemien und Neuerungen hindurch, bleibt Two Schmucks jedoch die Zentrale. Bei den vergangenen Wahlen der Worlds 50 Best Bars kletterte das Two Schmucks von Platz 26 auf die Platz 11 und somit ist es offiziell verboten, die Stadt ohne einen Besuch in der Carrer de Joaquín Costa zu verlassen. Selten konnte man das gastronomische Werk zweier von der Barblase berauschter "Bekloppter" auf nur einer Straße so effizient erleben. In Form von Musik, dem "Matador", von Dekor und den Drinks - im Two Schmucks schlägt das atmosphärische Herz Barcelonas. Der "Matador" ist definitiv einer der Publikumslieblinge; er enthält Whisky, Wermut, Kirschen, Orange und gebrannten Zimt. Dank einer Straße voller fulminanter Fressalien wird er jedoch nie zum namentlichen "Mörder" einer Nacht.

Two Schmucks, Carrer de Joaquín Costa, 52, 08001 Barcelona

two-schmucks.com

 Paradiso

Und wo wir gerade von den vermeintlichen "Worlds 50s Best Bars" sprechen - gegenüber dieser Organisation hat sich Barcelona ganz gewiss nicht als Kind der Traurigkeit präsentiert. Und um es einmal gesagt zu haben: Jurys, Listen und Rankings können gerade in gastronomischer Sicht niemals Anspruch auf Objektivität, Vollständigkeit oder Allgemeingültigkeit erheben. Blanker Zufall kann es jedoch auch nicht sein, wenn einzelne Bars bei jährlich wechselnden Wählerschaft immer wieder unter die besten Bars der Welt gewählt werden. So auch bei diesem Ort, in der aktuellen Liste auf Platz 3. Weltweit. Und das, obwohl dieser Ort in Wahrheit gar nicht auf der Welt existiert, sondern irgendwo nebenan oder dahinter. Zumindest hinter einem Eingang aus Kühlschrank, und da geht's schon los. Durch die Pastrami Bar also hindurch, betritt man über jene Eiszeit eine Kapsel, kuratiert in der Karibik, durchdacht von Dalí; denn auch hier geraten die Uhren ins Schmelzen, Zeit existiert nicht. Gelegen auf dem schicken Pflaster des El Born-Viertels, findet hier nicht nur ein dermaßen gehobenes Trinken statt, dass Drinks namentlich "The Cloud" auch auf den mentalen Aufenthaltsort verweisen, sondern es finden auch Kurse und Schulungen auf allen erdenklichen Levels statt. Auch wer gedenkt, ein gastronomisches Projekt in Angriff zu nehmen, bekommt hier Rat, Teamtraining und eine realistische Planung an die Hand. Das war es aber auch schon mit der vermeintlichen Realität im Paradies.

Wer zu guter Letzt noch nach handfesten Beweisen für die Jenseitigkeit dieses Ortes sucht, der möge sich den "Brunch in the Moon" einverleiben und sich auf Tequila, Mezcal, Küsten-Blauglöckchen, Portwein, Tomatensaft, Himbeeren und Ponzu hinfort fliegen lassen. Dass das Menü den Namen "Universo" trägt und damit suggeriert, die Bar befände sich innerhalb stringenter Raumzeit-Kontinuum ist lediglich einer weiteren Vermessenheit geschuldet. Generell sollte man Maß hier ablegen.

Paradiso, Carrer de Rera Palau, 4, 08003 Barcelona

paradiso.cat

Sips

Mit dieser Bar schafft es Barcelona als einzige Stadt, die nicht Kapitale ist, mit drei Erwähnungen in die Liste der 50 besten Bars weltweit. Auf der aktuellen Liste platziert auf Rang 37, hat das italienisch-spanische Duo aus den artisanaler Bargrößen Simone Caporale und Marc Álvarez mit ihrem "Drinkery House" eine Design-Institution geschaffen, die nicht umsonst eine Wartelisten von mehreren Monaten führt. Es ist geradezu, als hätte Buñuel mit den Bauhaus-Architekten hier gewütet: die Maxime "Life is better in front of a cocktail" trifft auf das "Form follows Function"-Credo und schon ist der Ansatz der "Sipsosophie" verstanden: man trinkt, ist sich nah und richtet sich nach genau diesen beiden Anliegen ein. Entstanden ist ein Raum, dessen zentrale Insel eine freistehende Bar bietet, auf der jedwedes "vor" oder "hinter" dem Tresen ausgehoben wird. Zwischen Gastgeber und Gast sollen die Barrieren aufgehoben und der Raum geöffnet werden. Auf der Karte befinden sich 29 Drinks, derer ein Teil selbst kreierte Signature Drinks stellen und ein anderer Teil klassische Cocktails - natürlich mit Sips-Twist. Ihre Getränke sind so kreiert, wie es die spanische Tapas-Kultur vorlebt: kleine Portionen, um möglichst vieles zu probieren, Teilen erwünscht. Die Kombination aus Rotationsverdampfer in der Herstellung aber dem klassischen Drink auf der Karte, aus innovativem Interieur und dem vollständigen Verzicht auf Chichi, bringt den Puls der Stunde ins Zentrum der Stadt und setzt ein Zeichen, dass wir nach der Pandemie umso enger und auf Augenhöhe zusammenrücken sollten.

Hier kommt man überdies in den Genuss eines Negronis mit Eis, das nicht schmilzt. Wie auch immer sie es bewerkstelligen, hier sind die waren Handwerker am Hebel. Wäre der Name nicht bereits an die Gin-Marke vergeben, Caporale und Álvarez könnte man jeweils als wahren Sipsmith bezeichnen.

Sips, Carrer de Muntaner, 108, 08036 Barcelona

sips.barcelona

Dr. Stravinsky

In diesem Jahr zwar nicht auf "der Liste", dafür zuletzt im Jahr 2019 und zwar auf Platz 25. Wäre ja auch nochmal schöner, mit gleich vier Bars aus der Barça-Stadt in nur einem Jahr. Passenderweise sollte man im Dr. Stravinsky - sofern man sich nicht in dem aberwitzigen Irrgarten identisch anmutender Gassen verloren hat oder sich aus Verzweiflung einfach einen alle pejorativen Klischees aus der Welt räumenden Sangria im "Storys" einverleibt hat - einen "Nou Camp" bestellen. Benannt nach dem ausschließlich für Fußballspiele gebauten Stadion, finden sich in diesem Signature Drink der hausgebrannte Gin, Dill, Koriander, Kamille, Thymiansirup und Limette. Nach diesem Drink liegt der Gedanke, fürs Stadion geboren zu sein, nur eine Olivenlänge weit weg und ein erdender Drink tut Not: der "Soil Dry Martini". ist tatsächlich destilliert mit gewöhnlicher Erde, Vodka und Wermut extra dry, serviert selbstredend mit Olive. Ein weiteres Martini-Format, das mundet, ist außerdem die Trüffel-Variante.

Auch wenn Kombucha und Kefir, Shrubs und Schokoladenaromen längst kein Novum mehr am Tresen sind - im Eröffnungsjahr 2017 war das alles noch recht frisch und Dr. Stravinsky somit eine die katalanische Hauptstadt formierende Szenengröße. Das Verhältnis von ästhetischem Unterhaltungswert des apothekesquen Versuchslabors, Trinkerlebnis und Preis ist in dieser Form gewiss kein zweites Mal in der Stadt zu finden. Was an Fulminanz fürs Auge in Form von beleuchteten und mit allerhand befüllten Einmachgläsern geboten ist, glänzt im Glas durch zielgerichteten Minimalismus, der sich auch von garstiger Garnish nicht verlocken lässt. Für Spanien dankbar untypisch.

Dr. Stravinsky, Carrer dels Mirallers, 5, Barcelona

drstravinsky.cat

Dry Martini

Zugegeben, man muss es irgendwie schaffen, die Penunsen fünf Viertel lang bei sich zu behalten, ohne ausgeraubt zu werden. Das gelingt am besten, wenn die Fototasche nicht auf dem Tisch liegt, der Reiseführer am besten auch nicht, und man in Strandbekleidung lediglich den Strand frequentiert und nicht die Stadtviertel. Auch wenn der Bezirk Eixample nicht zu den gefährlichsten der Stadt gehört, so steht da doch die Sagrada Familia, das bedeutet Touristen, und wo Touristen sind, wittern Taschendiebe - mit Fug und Recht - ihre Chance. Schnell daher Unterschlupf suchen im "Dry Martini". Als die städtische Martini-Institution schlechthin vor nun mehr als vier Dekaden öffnete, kaprizierte man sich tatsächlich auf diesen einen Klassiker aller "cócteles": in der Martinería wurde ausschließlich Dry Martini kredenzt. Und auch, wenn das Spektrum dieser Tage etwas geweitet hat, sind die Strukturen sowohl auf der Karte als auch im Raum klar: der Signature Drink besteht nach wie vor aus gleichen Teilen London Dry Gin, französischem Wermut, Orange Bitters, Zitronenzeste und grüner Olive und die Ästhetik aus Leder, Holz und Kupfer. An der Martini-Theken bekommt man ein von Javier de las Muelas höchstselbst unterschriebenes Zertifikat über die Nummer der verzehrten Drinks. ( Anm. d Red.: im April 2022 wurde der 1.112.513. Martini getrunken.) Nach sieben Jahren auf der Liste der 50 besten Bars weltweit ist man in diesem Jahr zwar nicht dabei - juckt aber auch niemanden, denn an Auszeichnungen und täglich steigenden Superlativen mangelt es hier schon lange nicht mehr. Nach einem Ankunfts-Martini werfe man einen Blick auf die Sektion "Exzentrischer Cocktails", um auf seinen reservierten Slot im ersten "Clandestino Restaurant" der Stadt mit Passwort zu warten, namentlich "Speakeasy". Blut man in Bünden wie der "Heiligen Familie" dicker sein als Wasser. Noch mehr eint allerdings ein Dry Martini.

Dry Martini, Calle Aribau 162, 08036 Barcelona

drymartini.org
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