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Sechs Kilo Niedergeschlagenheit

Noch immer ist die Depression eine der meist stigmatisierten psychischen Krankheiten. Ein Trio von Kommunikationsdesignerinnen will dem ein Ende setzen und lädt ein, die Krankheit am eigenen Leibe zu erfahren. In einer Ausstellung, die „shit show" heißt.


Googelt man „shit show" im Urban Dictionary, so steht das für eine Situation, die sich extrem furchtbar entwickelt hat. Um eine beschissene Situation geht es den drei Stipendiatinnen der Universität der Künste in Berlin. Um eine, die nicht nach einer Nacht vorbei ist, sondern Monate, Jahre, manchmal ein Leben lang andauert.

Es ist verdammt schwierig, sich jemandem, der Depressionen nicht kennt, zu vermitteln. Sprache ist zum Sprechen da, könnte man da ja meinen. Aber wer die komplette Zeit zweifelt, den Sinn nicht mehr sieht und nichts mehr will, hält sich nicht nur in pathologischer Melancholie auf, sondern auch in einer Form der Sprachlosigkeit. Gewiss keiner, der man nicht mit Kunst oder Poesie, mit gutem Willen oder Beharrlichkeit beikommen könnte; allein, es fehlt die Kraft.


In dem Video „What Depression feels like" liegt eine junge Frau in der Badewanne, Kerzen sind an, alles ist hell, warm und riecht gut. Doch dann erlischt das Licht, das Wasser versickert und sie friert im Dunkel der leeren Wanne; nichts ist mehr wie es war, vor Kälte gelähmt bleibt die Frau allein im dunklen Bad und weint. Das Video hatte eine heftige Diskussion ausgelöst. Sind da überhaupt jemals Kerzen gewesen? Wieso lässt sie nicht neues Wasser ein? Also machten sich Johanna Dreyer, Nele Groeger und Luisa Weyrich gemeinsam mit der Produktdesignerin Pauline Schlautmann ans Werk. Selbsterfahren in der Thematik ging es ihnen darum, Depression erlebbar zu machen, einen empirischen Zugang zu Depressionen und Angststörungen zu finden, der es auch Angehören ermöglicht, bestimmte Körpergefühle nachzuvollziehen.


„Gefühle äußern sich immer auch körperlich", so Nele. Und so spricht man auch über sie: „Ob man einen flauen Magen bekommt, ob es der Kloß im Hals ist oder ein Knoten in der Brust, ob Gänsehaut oder Herzschmerz." Und weil die Depression eine affektive Störung ist, soll der Zugang auch über Affekte stattfinden.

Mithilfe von vier Objekten können Besucher der Wanderausstellung bestimmte Körpergefühle nachempfinden. Designed wurden die Objekte auf Basis einer Umfrage unter Betroffenen. Zum Beispiel das Gefühl, unter einer Glocke zu leben, in Sylvia Plaths Roman „Die Glasglocke" nachzulesen. Mit „The Veil", einer dunkel gefärbten Plastikhülse, die über den Kopf gestülpt wird. Die Luft wird dick, die Außenwelt rückt weg. Die Form der Beklemmung, die man unter der Haube verspürt, kennen Menschen mit Angststörungen.

Exemplarisch für die Depression ist auch „The Cape" - ein mit sechs Kilo Sand gefüllter Umhang, der Gefühle der Niedergeschlagenheit, des auf den Schultern lastenden Gewichts, der doppelten Schwerkraft empfinden lässt. Dann wäre da noch „The Bender", ein Rucksack, der es unmöglich macht, aufzublicken. „Kopf nicht hängen lassen", ist da leichter gesagt als getan, an Blickkontakt mit dem Gegenüber kaum zu denken. Die vierte Simulation ist „The Choker": eine überdimensionale Kette, die so auf den Hals drückt, dass es zu Schluckbeschwerden und einem Engegefühl im Hals kommt, ganz ähnlich dem Gefühl, das sowohl depressive als auch von Angststörungen betroffene Menschen regelmäßig empfinden.


Die Ausstellung ist so konzipiert, dass man ins Gespräch kommen, ein Austausch entstehen soll. „Natürlich ist es schön, wenn sich auch Betroffene austauschen. Vor allem aber geht es uns darum, dass sich Betroffene und nicht Betroffene austauschen", so Nele. Die Objekte sollen dann für die Psychoedukation und Präventionsarbeit nutzbar zu machen - und gerade war die Ausstellung sogar zum ersten Mal in einer psychiatrischen Einrichtung zu sehen, nämlich in der Tagesklinik Waldfriede.

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