Juliane Großmann

Freie Journalistin, Illustratorin, Erfurt

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Das Gefühl am Morgen danach

Das Gefühl am Morgen danach. Ausgetrocknete Flecken an meinem Gesicht. Überbleibsel von Tränen. Aufwachen mit der Entscheidung wieder allein zu gehen. Getrennt mit der Gewissheit, dass er nicht der Richtige ist. Wieder allein mit mir in meinem Bett. Was bleibt, ist die Frage, ob der Richtige für mich zu finden ist. Die kalte leere Bettseite mahnt vor zu großen Ansprüchen. Am Fußende die Angst, ohne Begleiter durchs Leben zu gehen. Mein Herz unberührt bleibt.

Das Gefühl am Morgen danach. Seinen Geruch an meiner Haut, das Gefühl seiner Bartstoppeln an meinem Gesicht, den Geschmack seiner Zunge an meinen Lippen mitgenommen. Es war schön, tat mir gut. Getrennt ohne Worte, ohne Kommentar. Allein in meinem Bett, seine Hände nicht mehr an meinem Körper, da wo ich sie haben will. Ein kaltes Kissen, neben mir, Zeichen für alle unausgesprochenen Worte, die ich mich nicht traue zu sagen. Ungewissheit, ob ich mehr von ihm will oder nur nach Bestätigung flehe. Die Angst nicht zu gefallen, nicht besonders zu sein, hat sich unter die Decke geschlichen.

Das Gefühl am Morgen danach. Das Kribbeln im Bauch noch da. Seine Blicke noch immer spürbar. Unausgeschlafen, das Kissen noch im Gesicht, trotzdem fühle ich mich schön. Zwei Menschen, deren Blicke sich trafen, suchten, doch nicht den Mut fanden, auf einander zuzugehen. Allein in meinem Bett, die Decke neben mir, leer, Erinnerung an eine erneute ungenutzte Chance. Warum warten, dass er mich anspricht? Ungewissheit, ob er es getan hätte, hätte ich nur lange genug gewartet, mehr Zeichen gegeben. Die Angst vor Ablehnung, Nichtgefallen, dem gefürchteten Korb lunzt unter dem Bett hervor. Vor was habe ich Angst? Was hält mich zurück, die Dinge zu sagen, die ich denke, fühle? Hallo! Ich finde dich schön! Du bist toll! Ich mag dich! Es war schön mit dir! Warum zögern, warum zurückhalten? Chancen verspielen statt zu nutzen?

Das Gefühl am Morgen danach. Wenn nichts passiert ist. Ungesehen. Ohne Chance. Allein mit mir im Bett. Die zweite Decke, leer und ungenutzt, ein Zeichen, dass Platz für ihn ist. Für den, der mein Herz berührt, mich auffängt, hochhebt. Mein Bett mit Wärme füllt, Nähe schenkt, aber Platz für mich lässt. Mein Herz will berührt werden. Will einen Platz, an dem es bleiben kann, sich wohl fühlt. Frei ist, aber auch angekommen und durchatmen kann. Einen Mann auf Augenhöhe, herausfordernd, fordernd, inspirierend, erdend; jemand zum vorwärts gehen. Einen Mann, der meine Farben sieht und ihnen hilft, noch heller zu strahlen.

Ich glaube an den Menschen, der ein Lächeln auf meine Lippen und mein Herz zaubert. An diesem Gefühl wärme ich mich, zuversichtlich, manchmal ungeduldig zweifelnd, trotzdem hoffend.

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