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Zugreise durch Tansania: Das Abenteuer kennt keinen Fahrplan

Die Einheimischen kümmert es nicht. Mit Kindern an den Händen und Taschen auf dem Kopf trudeln sie pünktlich am Bahnhof ein. Sie belagern die Bänke, mit dabei riesige Mengen an Wasser und Toastbrot für die Reise. Die Kinder spielen zwischen den Koffern.

Der Zug verlässt Daressalam mit knapp vier Stunden Verspätung. Gar nicht schlecht. Manchmal ist es sogar ein ganzer Tag. Und das, obwohl die Verbindung hier startet. Begründungen oder gar Entschuldigungen dürfen Passagiere nicht erwarten.

Mindestens 40 Stunden soll die Fahrt von der Metropole am Indischen Ozean bis nach Mwanza am Victoriasee dauern. Sie kostet rund 75.000 Tansania-Schilling, das sind knapp 30 Euro, in der ersten Klasse.

Von Luxusabteil kann keine Rede sein: zwei abgenutzte Liegeflächen aus Lederimitat, ein kleines verrostetes Waschbecken, ein Ventilator. Polster und Decken sind sauber, der Rest wirkt ein wenig schmuddelig. Ein Stock hält das Schiebefenster zusammen. Die sanitären Anlagen am Ende des Abteils beschränken sich auf ein Loch im Boden.

Unter dem Abendhimmel rattert der Zug von der Küste ins Landesinnere. Für kleines Geld serviert ein Bahnmitarbeiter ein Abendessen: Reis mit Fleisch und Gemüse - einfach, aber gar nicht schlecht.

Dafür ist an Entspannung nicht zu denken - und man muss schon extrem müde sein, um bei dem Krach einzuschlafen, den der über die Gleise rüttelnde Zug macht. Die Tür des Abteils schließt nicht richtig und klackert während der gesamten Fahrt. In jedem Dorf hält die Bahn etwa zehn Minuten, in größeren Städten auch mal eine halbe Stunde oder länger. Einen Fahrplan gibt es nicht. Das Hupen des Lokführers begleitet jede neue Anfahrt in der Nacht.

Als die ersten Sonnenstrahlen durch den grauen Dieseldampf leuchten, streift der Zug eine karge Landschaft. Leere Reisfelder sehnen sich nach Regen. Nur wenige Bäume tragen noch Grün, einige Bauern treiben ihr Vieh durch die Weite. Nach etwa 16 Stunden und 465 Kilometern erreicht der Zug die tansanische Hauptstadt Dodoma. Die Wartezeit hier reicht locker für ein Mittagessen in der Stadt.

Zugsystem aus der Kolonialzeit

Das Eisenbahnnetz in Tansania ist seit der Unabhängigkeit des Landes 1961 geschrumpft. Das Zugsystem stammt noch aus der Kolonialzeit. Die Central Line nach Kigoma am Tanganyikasee bauten einst die Deutschen, die Northern Line nach Mwanza später die Briten. Mit Chinas Hilfe kam am Ende der Siebzigerjahre die Tazara-Bahn dazu. Sie führt durch einige Nationalparks im Süden Tansanias bis nach Sambia.

In der Regel fahren die Züge zweimal pro Woche. Wann genau, wissen nur die Beamten am Bahnhof. Sie verkaufen auch die Fahrkarten. "Kaufen Sie das Ticket ein oder zwei Tage vorher", lautet die Empfehlung dort. Die Abfahrtzeiten können sich auch kurzfristig noch ändern. Doch Besserung ist in Sicht: Von Ende 2020 an soll eine neue zuverlässige Schnellverbindung Daressalam und Dodoma verbinden - in etwa drei bis vier Stunden.

Viele Einheimische werden bei dieser Innovation wohl auf der Strecke bleiben: diejenigen, bei denen das Geld schon jetzt nur für die dritte Klasse reicht. Zusammengequetscht hocken sie dort auf den Bänken. Säcke, Taschen und Kinder füllen den Gang. Einige Passagiere stehen am Fenster und lassen die Weite des Landes an sich vorbeiziehen. Für viele von ihnen ist der Zug eine gute Möglichkeit, ihre Heimat zu erreichen: Dörfer, die nicht auf der Landkarte eingezeichnet sind.

Wer mit den Leuten in Kontakt kommen will, ist hier richtig. Das Abenteuer wartet jedoch vor allem neben den Gleisen.

Fleischspieß am Fenster

In dem kleinen Ort Saranda verwandelt sich der Bahnhof in Sekundenschnelle in eine Freiluftkantine. Anwohner grillen Mishkaki-Fleischspieße, kochen Reis mit Bohnen oder Chipsi Mayai, Omelett mit Pommes. Viele Passagiere sind vorbereitet: Mit Besteck und Dosen in den Händen stürzen sie sich in das Outdoor-Restaurant. Wer nicht aussteigen will, wird auch am Fenster bedient.

Immer wenn der Zug hält, und das ist etwa alle 20 bis 30 Minuten, beginnt das Spiel von vorne. Vor allem Frauen und Kinder laufen die Fenster ab, verkaufen Körbe, Kekse und Krimskrams. "Mzungu", rufen die Kleinen vom Rand der Gleise - so nennen sie die Weißen hier.

In ländlichen Gegenden fragen die Kinder nach leeren Wasserflaschen. Fliegt mal eine aus dem Zugfenster, entsteht mancherorts ein regelrechter Kampf um das Plastikgold. Denn die Flaschen füllen die Kinder auf und verkaufen sie an Passagiere im nächsten Zug, der das Dorf passiert. Für sie ist es ein gutes Geschäft. Doch auch abseits der Dörfer werfen viele Passagiere ihren Müll sorglos aus dem Fenster. Plastik und Verpackungen stören das Bild der unberührten Landschaft Tansanias.

Geburt im Zug

Auch die zweite Nacht im Zug verläuft eher unruhig. Gegen 2 Uhr erreicht der Zug Tabora. Erst nach mehr als zwei Stunden geht es weiter. Das hat zwei Gründe: Zum einen teilt sich der Zug hier auf. Ein Teil fährt nach Westen weiter nach Kigoma, der andere Richtung Norden nach Mwanza. Die Waggons müssen dafür aufwendig rangiert werden. Außerdem hat eine Frau kurz vor Tabora ihr Kind zur Welt gebracht. "Ein Arzt musste in den Zug kommen, aber allen geht es gut", klärt eine Mitreisende am Morgen darauf auf.

Je näher der Zug Mwanza kommt, desto grüner wird die Landschaft. Baumwolle, Mais und Spinat wachsen auf den Feldern. Immer mehr Passagiere stecken ihre Köpfe aus dem Fenster. Sie beobachten die Bauern mit ihren Kühen und Ziegen und winken den Kindern, die aus den Lehmhütten sprinten und den Zug ein Stück begleiten.

Die Fahrt durch Tansania entschleunigt. Wer aufmerksam und geduldig ist, kann das Land im Zug von vielen Seiten kennenlernen. Nach knapp 50 Stunden und gut 1200 Kilometern hupt sich der Lokführer durch den Stadtverkehr von Mwanza. Die Sonne steht tief über dem Victoriasee.

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