Julian Budjan

Student, Crossmedia-Redaktion, Stuttgart

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Spannung und Spannungen

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Antoine Griezmann erzielte allein in den letzten zwei Ligaspielen sieben Tore. Die Frage ist: bleibt er Athletico über die laufende Spielzeit hinaus erhalten? (Foto: Pierre-Philippe Marcou/AFP)

Atlético Madrid ist plötzlich Barca-Verfolger, doch Spielerverkäufe sorgen für schlechte Stimmung.

Es kommt nicht oft vor, dass in der Primera Division anderen Spielern mehr Aufmerksamkeit zuteilwird als Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi. Doch in den letzten Wochen beherrschte Antoine Griezmann die spanischen Sportnachrichten. Schließlich ist der französische Nationalspieler gerade wieder mal in außergewöhnlicher Verfassung, genau zum richtigen Zeitpunkt. Sieben Mal traf er für Atlético Madrid alleine in den letzten zwei Ligaspielen. Den großen Messi auch am Sonntag in den Schatten zu stellen, nicht weniger erhoffen sie sich in der spanischen Hauptstadt von Griezmann, schließlich geht es dann im Camp Nou um die Vorentscheidung um die spanische Meisterschaft. Atlético ist das einzige Team, das den 25. Titel des FC Barcelona noch verhindern kann. Real Madrid ist längst abgehängt.

Das galt bis vor ein paar Wochen eigentlich auch für Atlético, doch dann offenbarten die Katalanen ungeahnte Schwächen, ließen im Derby bei Espanyol, gegen Getafe und in Las Palmas Punkte liegen und den Verfolger vor dem Spitzenspiel wieder auf fünf Zähler herankommen. Verloren hat Barca in dieser Saison aber noch nicht. Das Spiel am Sonntag ist auch das Aufeinandertreffen zweier komplett gegensätzlicher Spielphilosophien. Während der Tabellenführer das Vermächtnis von Pep Guardiola weiterführt, das schöne Kurzpassspiel zelebriert, lauert Atletico aus seiner disziplinierten Defensivordnung auf Fehler des Gegners, um bei Ballgewinn über Griezmann oder seine Außenspieler Koke und Ángel Correa schnell umzuschalten. Außerdem haben die Colchoneros in Diego Costa ihren Torjäger wieder - er kam im Winter vom FC Chelsea und stürmte bereits von 2007 bis 2014 für Atletico.

Doch trotz eines gut aufgelegten Griezmanns und Rückkehrer Costa: Ausgerechnet in der Woche vor der dem entscheidenden Duell mit dem Katalanen braute sich nun eine unruhige Gemengelage im Verein zusammen. Am Montag vermeldete Atlético, dass Yannick Carrasco, 24, und Nicolas Gaitan, 30, für 30 bzw. 18 Millionen Euro zum chinesischen Klub Dalian Yifang wechseln würden, die Nachricht sorgte für Aufregung und Verwunderung in der Branche. Denn warum, so fragten sich viele, lässt Atletico insbesondere sein Ausnahmetalent Carrasco mit noch laufendem Vertrag bis 2020 ziehen?

Atlético hat nur noch 19 Spieler - weniger als jeder andere Verein in Europas Topligen

Trainer Diego Simeone ist fast schon zu bemitleiden: Nur noch 19 Spieler zählt sein Kader nun, keinem Verein in Europas Topligen stehen weniger Spieler zur Verfügung, eine "ungemütliche Zeit" sei das, sagte Simeone diese Woche und hielt ein Plädoyer für einheitliche Transferperioden, damit Spielern nicht zwei Monate lang "der Kopf verdreht" werden könne. In China ist das Transferfenster bis zum 28. Februar geöffnet. So lange können chinesische Vereine europäische Spitzenspieler mit viel Geld ins Reich der Mitte locken.

Wer die vom Spiegel veröffentlichen Enthüllungen der Plattform Football Leaks liest, bekommt eine Ahnung davon, dass Atletico Madrid seine zwei Spieler vermutlich nicht verkaufen wollte, sondern musste. Seit Jahren, heißt es in den Leaks, mache sich der als notorisch klamm geltende Klub von verschiedenen Investorengruppen abhängig, indem er Anteile an den Transferrechten seiner Spieler verkauft. Vor allem eine irische Gesellschaft mit Sitz in Dublin soll der Vorsitzende Miguel Ángel Gil Marín durch die im Geheimen abgeschlossene Deals besonders oft beteiligt haben: 58 Millionen Euro finanzielle Soforthilfe habe der Verein demnach seit 2010 von "Quality Football" für Rechte an über 20 Spielern erhalten, darunter Sergio Agüero, Diego Costa oder Arda Turan.

Hinter der Firma stehen Jorge Mendes, der wohl einflussreichste Spielerberater der Welt und sein Partner Peter Kenyon, der frühere Vorstandsvorsitzende von Manchester United und dem FC Chelsea. Die von den beiden angeworbenen Investoren sollen durch ihre Beteiligungen die Transferpolitik Atletico Madrids aktiv mitbestimmen können - etwa einen Wechsel forcieren. Eigentlich hat die Fifa die Beteiligung Dritter an Transferrechten von Spielern seit Sommer 2015 verboten, doch alle bereits zuvor ausgehandelten Verträge sind nach wie vor gültig.

Vor dem Hintergrund der Transfers von Carrasco und Gaitan ist eine weitere Verbindung auffällig: Die "Dalian Wanda Group" hält 20 Prozent der Anteile an Atlético, ist zusätzlich Hauptsponsor des neuen Stadions "Wanda Metropolitano". Und dem Vorsitzenden der Gruppe Wang Jianlin gehört der chinesische Klub, zu dem die beiden Atletico-Spieler jetzt transferiert wurden.

Auch für Griezmann könnten es die letzten Monate bei Atletico sein. Ausgerechnet mit dem FC Barcelona wurde er in den vergangenen Monaten immer wieder in Verbindung gebracht, in dieser Woche machten Gerüchte in den spanischen Medien die Runde, wonach der Abschluss des Deals nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Und wie ergeht es Carrasco in China? Der wird wenige Tage nach seinem Wechsel schon wieder als Sommertransfer beim FC Bayern gehandelt.

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