Julian Budjan

Student, Crossmedia-Redaktion, Stuttgart

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Artikel

Symphoniker aus Manchester

In seiner ersten Saison bei Manchester City hatte Pep Guardiola noch nicht den gewünschten Erfolg. Doch nun hat er kräftig in Spieler investiert, das rasante Spiel-System funktioniert. Manchester City führt die Premier-League-Tabelle an - und ist einer der Favoriten auf den Champions-League-Titel.

Wenn Pep Guardiola in einem Fußballstadion an der Seitenlinie steht, beschleicht einen das Gefühl, dem Dirigenten eines Orchesters bei der Arbeit zuzuschauen. Im Idealfall folgen dann die begnadeten Ballkünstler auf dem Rasen den Gesten und Rufen von Guardiola, das Publikum ist fasziniert von seinem Stil, Journalisten aus aller Welt mühen sich, sein Werk zu verstehen.

Solch glanzvolle Vorführungen hatte Guardiola in seiner Karriere einige, beim FC Barcelona, als er mit den Katalanen eine spielerische Revolution einleitete, auch beim FC Bayern erinnert man sich an zahlreiche Spiele, wo die Guardiola-Sinfonie makellos gespielt wurde. Doch bei Manchester City tat sich der Fußball-Dirigent zunächst schwer. Es war, als würden die Spieler ihn nicht verstehen. Seit einigen Wochen ist dies endlich anders.

In der vergangenen Saison zehrte der englische Fußball mit seinem rauen Wesen und den häufig im Drei-Tage-Rhythmus stattfinden Auftritten an Guardiola und seinen filigranen Philharmonikern. In der Premier League reichte es für Manchester City nur zu Platz drei, in der Champions League war schon im Achtelfinale gegen den AS Monaco Schluss.

Eine perfekt einstudierte Komposition

Nun dagegen wirkt das Spiel der Citizens meist wie eine perfekt einstudierte Komposition, in der alle Spieler ihre Einsätze kennen und genau wissen, wohin sie wann laufen und spielen sollen. Sie tun das in rasender Geschwindigkeit, variabel in der Formation, die Gegner laufen meist nur hinterher.

Zehn Partien sind in der Premier League gespielt. City steht ganz oben und hat mit 28 Punkten einen neuen Startrekord aufgestellt. Nur der FC Chelsea von José Mourinho war 2004/05 genauso gut, am Ende holten die Blues mit Rekordpunktzahl den Ligatitel. Der Portugiese scheint mit Manchester United diesmal auch der einzige zu sein, der seinen langjährigen Rivalen vom Gewinn der englischen Meisterschaft abhalten könnte. Er hat allerdings immerhin schon fünf Punkte Rückstand. In der Champions League geht es am Mittwoch in der Gruppenphase gegen den SSC Neapel, in drei Spielen hat er bereits dreimal gewonnen.

Wie Guardiola sein Ensemble neu besetzte

Im März nach einem Unentschieden und vielen verpassten Chancen gegen den FC Liverpool hatte Guardiola angekündigt: "Wir müssen nächste Saison einiges ändern." Die unvollkommene Umsetzung seines Arrangements ärgerte Guardiola, also bemühte er sich im Sommer um eine Neubesetzung seines Ensembles. Geld ist für ihn dabei Mittel zum Zweck. Wenn es 250 Millionen Euro braucht, um die tauglichsten Akteure zusammenzutrommeln, dann ist das eben so. Schließlich gibt es ja bei Manchester City Scheich Mansour.

Ob Torwart Ederson oder die neuen Außenverteidiger Kyle Walker, Danilo und Benjamin Mendy - sie alle haben im Allegro-Fußball Guardiolas auch einen gestalterischen Part, schalten sich ein ums andere Mal in den Angriff mit ein, um Überzahlsituationen herzustellen. Sie ziehen sich bei Ballverlusten aber auch schnell genug wieder zurück. Eine anspruchsvolle Aufgabe, die ihre Vorgänger meist unzureichend ausfüllten, die für die Spielidee des Maestros aber maßgeblich ist.

Sagenhafte 35 mal in Liga bereits getroffen

Die Offensivvirtuosen haben den Makel der letzten Saison überwunden: Sie trafen sagenhafte 35 Mal bereits in der Liga. "Wir haben nun bei jedem Spiel das Gefühl, dass wir ein Tor schießen werden", freut sich Guardiola über das neu gewonnene Selbstverständnis. Raheem Sterling und Leroy Sané spielen ihre quirligen Solos über die Außen jetzt schneller und zielstrebiger, auch Bernardo Silva fällt hinter den beiden nicht ab. Auf der Spielmacherposition agiert Kevin de Bruyne so verlässlich wie nie, unterstützt von David Silva, der überall im Offensivbereich auftaucht. Und selbst Stürmer Sergio Agüero wird, sollte er mal unpässlich sein, nicht mehr vermisst angesichts der Entwicklung von Gabriel Jesus.

Vor allem aber hat Guardiola es geschafft, ein Team zu formen, das Hierarchien und Eitelkeiten dem perfekten Zusammenspiel unterordnet. Sogar er selbst hat sich verändert: Der Trainer adaptierte seine Spielidee an den englischen Fußball, lässt nun auch mal hohe Pässe sowie Distanzschüsse zu und ließ verlauten: "Ich bin nicht hier, um zu unterhalten, ich bin hier, um zu gewinnen." Derzeit gelingt beides. "Wir haben nun Balance in unserem Spiel, guten Teamspirit und machen viele Sachen besser in dieser Saison", resümierte Guardiola kürzlich.

Auch das neue Manchester City ist verwundbar

Das Spiel gegen Neapel im Stadio San Paolo wird nun eine neue Herausforderung. Denn im Hinspiel zeigte sich erstmals, dass das neue Manchester City verwundbar ist, wenn eine Mannschaft mit einer ähnlichen Spielanlage hoch attackiert und bei Ballgewinn schnell in den Angriffsmodus schaltet. Neapel ist der bislang ungeschlagene Tabellenführer in Italien, vor zwei Wochen gewann Guardiolas Team zwar, allerdings nur 2:1. Es wird interessant zu sehen sein, wie die Engländer diesmal auftreten, ob sie eine neue Taktik einstudiert haben. Fest steht, Manchester City könnte in dieser Saison auch in der Champions League ganz weit kommen, der Klub zählt zu den Favoriten.

Guardiola fuchtelt an der Seitenlinie mittlerweile weniger, er ist ruhiger geworden. Denn der Maestro muss seinen Virtuosen immer seltener den Takt vorgeben.


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