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Dänemark: Gemeinsinn und Impfpranger

der Freitag, Ausgabe 49/2021. Gemeinschaftsstück zu Corona-Impfskepsis weltweit. 


Dänemark: Gemeinsinn und Impfpranger Einmal Freedom Day und zurück: Dänemark hat in der Pandemie-Bekämpfung einen Kurs gefahren, der nicht stur auf Kurs bleibt, sondern sich der jeweiligen Coronalage anpasste. Trotzdem oder deswegen: Corona-Leugner und Impfverweigerer gehören hier beide zu einer wenig beachteten Minderheit

Wie andere skandinavische Gesellschaften zeichnet sich auch die dänische durch einen starken Gemeinschaftssinn aus. Entscheidungen von Seiten der Regierung werden weniger hinterfragt als anderswo, wenn sie gefühlt dem Wohl des Kollektivs dienen. Die Dänen seien gut darin, aufeinander aufzupassen, so hat es einmal der gesundheitspolitische Sprecher der regierenden Sozialdemokraten, Rasmus Horn Langhoff, formuliert. Deshalb akzeptiert die große Mehrheit auch die neuen Einschränkungen in der aktuellen Corona-Welle.

Wer sich nicht impfen lässt, wird von Regierungschefin Mette Frederiksen auch schon mal mit erhobenem Zeigefinger ermahnt. Eine Impfpflicht gibt es zwar in Dänemark nicht. Stattdessen werden die Ungeimpften öffentlich beschämt. Sie trügen, sagt Frederiksen bei einer Pressekonferenz im November, in diesen Zeiten die Verantwortung für die ganze dänische Gesellschaft. „Die Regierung steht Seite an Seite mit den 90 Prozent, die tun, was in dieser Situation nötig ist. Die andere Gruppe sollte nicht für den Rest alles kaputtmachen", sagt Frederiksen. Am Tag nach der Pressekonferenz buchten dreieinhalb mal so viele Menschen einen Termin für eine Impfung wie am Tag davor.

Viele, die bislang nicht geimpft sind, sind es nicht aus Widerstand, sondern aus Unsicherheit, oder weil sie sich einfach noch nicht darum gekümmert haben. Rund 90 Prozent der Dänen, die bislang eine Impfung angeboten bekommen haben, haben das Angebot angekommen. Die aktiven Impf-Verweigerer, das hat ein Forschungsprojekt an der Uni Aarhus ergeben, sind tendenziell eher jung, weniger gut ausgebildet, arbeitslos oder in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen und haben geringes Vertrauen in den Umgang der Regierung mit der Pandemie.

Aufmärsche von Corona-Leugnern gab und gibt es in kleinem Stil auch in Dänemark. Sie werden von den Medien zwar erwähnt, bekommen aber nicht übermäßig viel Raum. Die Diskussion über Corona-Maßnahmen und deren Legitimität findet eher in Facebook-Kommentarspuren statt als in der breiten Medienöffentlichkeit.

Als Dänemark im September alle Restriktionen aufhob und mit 50.000 Menschen bei einem Konzert im Stadion in Kopenhagen seinen Freedom Day feierte, war den Kritikern die Grundlage für ihren Protest entzogen. Jetzt sind Corona-Pass und Maskenpflicht angesichts steigender Infektionszahlen zurück. Besonders laut schreien die Covid-Leugner trotzdem nicht. Die allermeisten Dänen vertrauen darauf, dass die Regierung, die nach Ansicht vieler in der Corona-Pandemie oft schnell eingegriffen und klar kommuniziert hat, auch diesmal richtig entschieden hat.

Von Julia Wäschenbach 
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