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Luxushotels auf den Balearen: Luxus Wasser

So leer ist es selten am Strand von Palma. Mallorca gehört zu den beliebtesten Urlaubszielen der Deutschen. (Foto: Julia Macher)

ZEIT Online, 24. Juli 2022. Tourismus verbraucht Wasser. Viel Wasser. Wieviel haben Wissenschaftler auf den Balearen herausgefunden. Die größten Verschwender: Luxushotels.


Das Zafiro Palace Hotel in Andratx wirbt auf seiner Webseite mit Superlativen. 13 Pools! 304 Suiten, teils mit privaten Rooftop Pools! Die Anlage im Westen der Insel ist umgeben von üppigen Gärten und grünem Rasen - und der Golfplatz liegt gleich nebenan. Das im Frühsommer vergangenen Jahres eröffnete Fünfsterneresort ist das letzte einer ganzen Reihe von Luxushotels, mit denen die Urlaubsinsel endgültig ihr Ballermann-Insel-Image abstreifen will: Spa-Kübel statt Sangría-Eimer, Loungebetten am Pool statt bierseliges Layla-Gegröle. Doch der Wandel kostet: Wasser, viel Wasser.

Laut einer aktuellen Studie der Universität in Palma (UIB) verbraucht der Tourismus auf den knapp einen von vier Litern Trinkwasser auf den Balearen, fast genauso viel wie die Landwirtschaft. Und je mehr Sterne hinter dem Hotelnamen blinken, desto höher ist in der Regel der Verbrauch. Am heftigsten schlägt dabei das Spa zu Buche.

"In einem Fünfsternehotel liegt der Verbrauch pro Gast und Übernachtung zwischen 500 und 600 Litern, in einem Dreisternehotel bei 300 bis 400 Litern", sagt Geograf Celso García. "Und die Luxussiedlung Santa Ponsa verschlingt 1.000 Liter pro Person und Tag jährlich." Der Wissenschaftler ist Leiter der Forschungsgruppe, die die Daten des touristischen Rekordjahrs 2019 mit denen des pandemiebedingten Lockdowns 2020 verglichen hat. Damals kamen 87,4 Prozent weniger Touristinnen und Touristen auf die Balearen. Nicht nur die Wirtschaftsleistung sank um 24,2 Prozent, auch die Kurve des Wasserverbrauchs fiel steil ab. Allerdings gab es zwischen den einzelnen Gemeinden große Unterschiede: Während in Alcúdia im Norden der Insel der Wasserverbrauch um 60 Prozent zurückging, waren es in Playa de Palma, wo sich entlang des berühmt-berüchtigten Ballermanns Hotel- und Apartmentanlagen konzentrieren, nur 16 Prozent. "Die Hotels dort konsumieren weniger Wasser, als viele denken", erklärt García diesen Unterschied. "Die meisten Häuser wurden in den letzten Jahren saniert und haben Systeme zur Reduktion des Wasserverbrauchs eingeführt."


Ist Partytourismus etwa ökologisch verträglicher?


Ist das Werben um die kaufkräftige Klientel also der falsche Weg und der Partytourismus die ökologisch verträglichere Alternative? Celso García ist vorsichtig mit solchen Pauschalurteilen. "Zumindest beim Wasserverbrauch ist der Qualitätstourismus nicht die bessere Alternative, aber was den Energiekonsum, die Müllberge und die Belastung der Bevölkerung betrifft, stimmt das nicht unbedingt. Im Endeffekt ist es die schiere Masse an Menschen, die das Urlaubsgeschäft für die Balearen zum Problem macht", sagt der Wissenschaftler. In den beiden Rekordjahren vor der Pandemie kamen jeweils über 16,4 Millionen Touristen und Touristinnen auf die Inseln. Und alles deutet darauf hin, dass die Bilanz nach der coronabedingten Pause ähnlich ausfallen wird. Am Flughafen landen die Urlaubsjets wieder im Minutentakt; Bars und Restaurants sind voll und an der Playa de Palma sammelt die Stadtreinigung jeden Morgen Tonnen von Müll ein. "Wir sind wieder am Limit", sagt García. Auch was die Ressource Wasser betreffe.

Auf den Balearen stammt der Großteil des Trinkwassers aus unterirdischen Reservoirs, in denen sich das Regenwasser der Wintermonate sammelt. Im Idealfall speichern sie ausreichend Wasser, um die langen, trockenen Sommermonate zu überstehen. Doch das Gleichgewicht ist gestört. Denn es wird nicht nur mehr Wasser entnommen als zurückfließt. Klimakrisenbedingt bleibt durch weniger Niederschläge und steigende Temperaturen auch der Nachschub aus. Zugleich verschlechtert sich durch eindringendes Meerwasser die Qualität des Grundwassers. García klickt durch das Wasserportal der Regionalregierung, zur Grafik mit dem aktuellsten Stand. Der Pegelstand ist rot markiert. Im Juni waren die Reservoirs nur gut zur Hälfte gefüllt.


Beschränkungen sind nötig

"Wenn es wieder so weiter geht, könnte es irgendwann nicht mehr reichen", fürchtet der Wissenschaftler. Auf Entsalzungsanlagen ausweichen lässt sich nur begrenzt. Die Produktion ist energieintensiv, die Wartung teuer. Und selbst wenn alle acht Entsalzungsanlagen der Inseln auf Hochtouren laufen, erzeugen sie maximal 45 Millionen Kubikmeter Trinkwasser jährlich. Allein der Bedarf der Bevölkerung – ohne Landwirtschaft, ohne Industrie – beträgt 120 Millionen Kubikmeter. "Auf lange Sicht wird es nicht ohne Beschränkungen gehen", sagt der Forscher.  

Das weiß auch die Regionalregierung. Das Balearen-Parlament hat im Frühjahr ein neues Tourismusgesetz verabschiedet, das die Exzesse des Massentourismus stoppen soll. Zu den derzeit 600.000 Betten dürfen in den nächsten vier Jahren keine neuen dazu kommen, danach soll schrittweise abgebaut werden: Nur wenn in einem Hotel zwei Betten wegfallen, darf anderswo ein neues aufgestellt werden. Um die jährlichen Emissionen zu senken, sollen Heizölkessel durch Erdgas- oder Elektrokessel ersetzt werden. Und auch am Wasser wird gespart: In Hotels müssen künftig alle Toiletten mit Spülkästen mit Sparknöpfen, alle Armaturen in Dusche, Bad und Waschbecken mit Durchflussbegrenzern oder anderen Reduktionsmechanismen ausgestattet sein. Erstmals soll auch die Hotelkategorie an den Umgang mit der Ressource Wasser gekoppelt werden. Ökologisches Bewusstsein soll belohnt werden. Wird in einem Hotel Regenwasser für die Bewässerung des Gartens genutzt, trägt das zu einer höheren Klassifizierung bei. Es ist ein Versuch, Qualitätstourismus und Nachhaltigkeit unter einen Hut zu bringen.

Als "gut gemeint, aber schlecht ausgeführt" kritisiert ihn Margalida Ramis von der Umweltschutzorganisation GOB. "Letztlich gibt bei der Klassifizierung der Rooftop Pool oder das Spa-Angebot den Ausschlag. Die Hoteliers werden also durch die gleiche Norm auf der einen Seite zu mehr Nachhaltigkeit ermuntert, noch viel stärker aber zu ressourcenintensiven Angeboten", sagt die Umweltschützerin. Sinnvoller als das Zuckerl für umweltbewusste Hoteliers wären strengere Vorschriften für alle gewesen. Nicht nur im Luxussegment, auch in der Mittelklasse kollidiert Mallorcas Qualitätsoffensive mit Nachhaltigkeit. Darüber hat sich Ramis kürzlich mit einem Zimmermädchen unterhalten. Mit Blick auf die Wasserrechnung ließen viele Mittelklassehotels vor Jahren die Stöpsel der Badewannen entfernen. Gäste sollten so vom stundenlangen Plantschen abgehalten und zur kurzen Dusche gedrängt werden. Jetzt sind die schwarzen Gummiplöppel offenbar massiv zurück. "Qualität hat für viele eben immer noch in erster Linie mit unbegrenztem Zugang zu Ressourcen zu tun", sagt Ramis.


Mit benutztem Duschwasser den Garten wässern


Doch mit Maßregelungen tut sich die Tourismusbranche schwer. "Wir können unsere Gäste zu nichts zwingen", sagt Fernando Martín, technischer Direktor der Hipotel-Gruppe. Das mallorquinische Familienunternehmen betreibt auf der Insel 18 Häuser – vom familiären All-Inclusive-Hotel bis zum Luxusresort für Golffreunde, Spa inklusive. Die meisten Gäste stammen aus Deutschland. Und auch wenn das spanische Klischee den Deutschen ein gesteigertes Umweltbewusstsein nachsagt, blieb auch in seinen Hotels gern mal ein Wasserhahn offen. "Wer im Urlaub ist, ist eben in allen Aspekten im Urlaub", sagt Martín. Also übernehme man stellvertretend das Sparen. In den zwei Fünfsternehäusern der Kette wird das Grauwasser, also das Wasser aus Duschen, Waschbecken oder Spülen für die Bewässerung der Gärten aufbereitet. Und für die auf den Balearen notwendige Entkalkung setze man auf technologisches Know-how. Statt das Wasser mit Salz zu entkalken, verwendet man Kohlendioxid und ein Harz, das den Kalk herausfiltert. Bei der traditionellen Methode geht durch die entstehende Salzlauge pro 30 Liter entkalktes Wasser ein Liter verloren, durch das selbst entwickelte System kein einziger. Bei einem Wasserverbrauch von 90.000 Litern spare man so immerhin 3.000 Liter täglich. "Das Verfahren ist zwar fünfmal so teuer wie das traditionelle und rechnet sich allenfalls auf lange Sicht", sagt Martin, "aber wir machen das aus Überzeugung."

Und auch das Luxushotel Zafiro Palace behauptet von sich, verantwortungsvoll mit der Ressource Wasser umzugehen. Mit 108 Hektolitern täglich sei der Verbrauch für eine Anlage dieser Größe "vernünftig", schreibt die Hoteldirektion auf Anfrage. Tatsächlich liegt er mit etwas über 590 Litern pro Übernachtung und Suite laut Geograf Celso García im Mittelfeld. 


Margalida Ramis lächelt, wenn sie von solchen Selbstverpflichtungen hört. "Letztlich sind das alle Pflaster, aber sie stillen die Blutung nicht", sagt die Umweltschützerin. Man sei man längst in einem Szenario, in dem Sparmaßnahmen nicht reichten. "Alle Bemühungen, den Tourismus ökologisch verträglicher zu gestalten, werden nichts bringen, wenn nicht zugleich bereits jetzt zurückgebaut wird." Doch der politische Spielraum dafür ist eng begrenzt. Und am Konsumverhalten hat sich bisher kaum etwas geändert. "Ein Spa einzurichten, ist für jeden Hotelier eine ruinöse Investition – nicht nur, was den Wasserverbrauch betrifft", sagt Fernando Martín von Hipotels. "Aber bei den Buchungen wird danach gefragt, ohne geht es einfach nicht."


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