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Die Herausforderin

Ada Colau kann Barcelonas nächste Bürgermeisterin werden. Bei den Wahlen am 24. Mai hat die Liste der spanienweit bekannten Sozialaktivistin die meisten Stimmen bekommen. Vor der Wahl habe ich die Kandidatin portraitiert.


An den Tross aus Kameraleuten und Pressefotografen hat sich Ada Colau gewöhnt; das Protokoll durchbricht sie immer noch gerne. Statt in die Kameras zu lächeln, winkt sie lieber enthusiastisch zur letzten Reihe – dort, am Ende des Platzes, hat sie eine alte Bekannte entdeckt. Ortstermin in Poblenou, Barcelonas ehemaligem Arbeiterviertel. Barcelonas unprätentiöse Bürgermeister-Kandidatin hat internationale Verstärkung mitgebracht, Vertreter von der griechischen Syriza, dem portugiesischen Bloco de esquerda, Ska Keller von den europäischen Grünen treten mit ihr aufs Podium; Helfer stellen noch ein paar Holzstühle zwischen den Platanen auf.

Es ist die letzte Phase eines Kommunalwahlkampfes, der als der offenste seit der Wiedereinführung der Demokratie nach Francos Tod gilt. Die Umfragen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Amtsinhaber Xavier Trías von der konservativ-katalanistischen Convergència i Unió und Ada Colau voraus. Sie stehen für zwei gegensätzliche Modelle Barcelonas: Trías lobt auf seinen Meetings den Ruf der Mittelmeermetropole als Kongressstadt, wirbt um Privatinvestoren wie die britische Investment-Bank, die derzeit Barcelonas alten Hafen in einen Yachthafen verwandeln – mit genügend Platz für Abramovitschs 162 Meter lange „Eclipse“. Colau möchte Barcelona zum Vorzeigemodell einer sozialen, bürgernahen Stadt machen, in dem so viel wie möglich dezentral entschieden wird. Sie will eine lokale Sozialwährung einführen, ein Anti-Korruptionsbüro einrichten. „Wir wollen ein Barcelona, das zum Leuchtturm anderer südeuropäischer Städte wird“, ruft sie in Poblenou in die Abendsonne. „Si, se puede“, skandiert die Menge. „Ja, wir schaffen das.“

Der Slogan ist eng mit der Anti-Zwangsräumung-Bewegung verbunden, deren Sprecherin Ada Colau fünf Jahre lang war. Während dieser Zeit hat sie die „Plataformas de Afectados por la Hipoteca“, die Plattformen für Hypothekengeschädigten, zu einer der einflussreichsten Bewegungen Spaniens gemacht. 2013 brachte sie ein von 1.402.845 Menschen unterstütztes Volksbegehren zur Änderung des Hypothekenrechts ins Parlament, das schließlich am Widerstand der regierenden konservativen Volkspartei scheiterte; die Aktivistin aber im ganzen Land bekannt machte. In Talkshows sprach sie über die Armut im krisengeschüttelten Land: über lateinamerianische Einwanderer, die von Banken vorsätzlich über den Tisch gezogen worden waren; über arbeitslose Ingenieure, die sich am Monatsende von Tütensuppen ernährten. Sie deckte Zusammenhänge auf: zwischen Bankenrettung und sozialen Kürzungen, zwischen Korruption und Klientelismus. Und fand klare Worte: Zwangsräumungen seien vom Staat gedeckte Menschenrechtsverletzungen. Für solche unverblümten Äußerungen erntete sie frenetischen Applaus – und wütende Attacken: Sie sei doch viel zu dick, um für die Armen zu sprechen, schäumte der konservative Journalist Alfonso Rojo in einer Live-Show des privaten Fernsehsenderts La Sexta. Regierungsvertreterin Cristina Cifuentes versuchte, sie in die Nähe der Terror-Organisation ETA zu rücken.

Ada Colau konnten solche Bezichtigungen nur wenig anhaben. Die Vierzigjährige, die mit ihrem Lebensgefährten Adrià Alemany und dem gemeinsamen vierjährigen Sohn in einer Mietwohnung in Barcelona lebt, bewegt sich außerhalb der polemikverliebten, polarisierten spanischen Medienwelt.

Großgeworden in einer Mittelklasse-Familie im aseptischen Nach-Franco-Spanien, das nach dem friedlichen Übergang von der Diktatur zur Monarchie von Politik wenig wissen wollte, wurden die Neunziger Jahre für Ada Colau zum Moment der Politisierung: die Proteste gegen den Zweiten Golfkrieg, der Beginn der Anti-Globalisierungsbewegung. Die Barcelonesin, die Philosophie studierte und als Dolmetscherin und TV-Produzentin jobbte, hat in ihrem politischen Leben immer mit Netzwerken und in flachen Hierarchien gearbeitet. Niemals würde sie in eine Partei eintreten, sagte sie vor einem Jahr. Tatsächlich lässt sich das vor zehn Monaten gegründete Bündnis, dem sie vorsteht, nur schwer mit klassischen Politik-Begriffen fassen. „Barcelona en Comú“ ist ein Zusammenschluss verschiedenster gesellschaftlicher Bewegungen, Sozialinitiativen und politischen Parteien. Auf Handzetteln finden sich zwar ganz unten die Logos der unterstützenden Parteien, von der katalanischen Podem und ICV, den katalanischen Grünen. Auf der Liste selbst spielen Parteimitglieder kaum eine Rolle. Statt dessen stehen da Namen wie Gala Pin, eine der bekanntesten Aktivistinnen aus Barcelonas ehemaligem Fischerviertel Barceloneta oder der Verfassungs- und Sozialrechtler Gerardo Pisarello. Zentrale Bestandteile des Programms haben Bürgerversammlungen in den unterschiedlichen Stadtteilen Barcelonas ausgearbeitet.

Dennoch: Spätestens, wenn Colau bei der Wahl am Sonntag tatsächlich die meisten Stimmen erhält, wird sie sich mit den Untiefen der Parteipolitik auseinander setzen müssen. Allen Umfragen zufolge werden neben ihrer Liste sechs verschiedene Fraktionen im Stadtparlament sitzen. Um mit absoluter Mehrheit von 21 Stadträten zur Bürgermeisterin gewählt zu werden, müsste sie auf eine Koalition mit der links-nationalistischen CUP, den Linksrepublikanern von ERC und den Sozialisten setzen – oder auf themengebundene Vereinbarungen mit wechselnden Bündnispartnern. „Barcelona en comú“ hat bereits um die Unterstützung durch die CUP geworben, schließt auch Verhandlungen mit den Linksrepublikanern nicht aus. Doch dabei könnte Colau die Unabhängigkeitsdebatte in die Quere kommen. ERC-Kandidat Alfred Bosch hat die Kommunalwahlen zur entscheidenden Abstimmung der künftigen Hauptstadt einer unabhängigen Republik stilisiert. Für Colau dagegen verläuft die wichtigste politische Front weiter zwischen oben und unten. Das erklärt den Erfolg der Formation - und die Irritation, die sie in Kataloniens politischer Landschaft auslöst. Amtsinhaber Trías versuchte, seine Herausforderin mit einem wegwerfenden „Diesen Verein kennt doch niemand, die haben noch nie regiert“ abzutun. Er bemerkte nicht einmal, dass er damit unwillentlich eines der Hauptprobleme des verknöcherten Parteiensystems auf den Punkt brachte. Auch Schmutzkampagnen gehörten zu diesem Wahlkampf. Auf Twitter erhitzten sich die Gemüter wegen eines I-Phones, mit dem die Kandidatin sich bei einer Veranstaltung fotografierte. Woher sie denn so ein teures Smartphone habe, wo doch angeblich ihr Geld kaum bis zum Monatsende reiche? Es ist der effekthascherische und wenig überzeugende Versuch, sie an einer zentralen Stelle zur treffen: ihrer Glaubwürdigkeit.

Colau hat auf ihrer Webseite Vermögen, knapp 4.900 Euro, und Jahreseinkommen, 27.000 Euro brutto im letzten Jahr, veröffentlicht. In ihrem Blog berichtet sie von Einladungen von Bankern, Hoteliers und Wirtschaftsbossen zu Hintergrundgesprächen und privaten Abendessen – und dem angemessenen Umgang damit: „Wir reden gerne mit jedem, aber nur, wenn jeder davon wissen darf“. Nur so bleibe man gefeit vor Einflussnahme und Mauscheleien. Es ist die Lehre, die Ada Colau aus dem Fall Itziar González gezogen hat. Die parteilose Stadträtin hatte 2007 nach Gesprächen mit Betroffenen versucht, den touristischen Ausverkauf von Barcelonas überlaufener Altstadt zu stoppen: mit einer rigiden Lizenzvergabe und strengen Kontrollen. Nach wenigen Monaten trat González zurück; sie hatte Morddrohungen erhalten. „Itziars Fehler war, sich allein gegen das System zu stellen – ohne Verbündete“, sagt Ada Colau, „wir aber versuchen es gemeinsam.“ Colau vertraut der Macht der Öffentlichkeit, glaubt an eine alerte Zivilgesellschaft. In ihrem Barcelona sollen Bezirke und Stadtviertel stärkeres Gewicht bekommen, Probleme dezentral gelöst werde – mit möglichst breiter Beteiligung von Anwohnern. Barcelona ist in vielen Vierteln eine Stadt mit einem lebendigen Geflecht aus Nachbarschaftsinitiativen. Aber ob auch das Gros der 1,6 Millionen-Metropole Politik so aktiv mitgestalten und mitkontrollieren möchte? Es wäre Ada Colau zu wünschen.